Dienstag, 17. Mai 2016

Lieber Alexander.

Es ist kurz vor 10, ich sitze mit schniefender Nase und feuchten Augen vor meinem Laptop und nein,
das sind keine Allergien.
Ich hab geweint, schon wieder, wie viel zu oft in den letzten Tagen.
Es passiert einfach, überkommt mich
und dann ist es da und ich hacke blind auf die Tastatur ein,
blinzel die Tränen weg.

Ich habe gewusst, dass dieser Abschied schwer wird,
Alexander.
Aber ich hätte nicht gedacht,
dass es so schwer wird.

Wenn ich eine Sache nennen müsste, die ich hier gelernt habe,
dann wie zwischenmenschliche Beziehungen funktionieren.
Ich habe gelernt, was Respekt bedeutet,
und wie wichtig es ist, dass meine persönlichen Bedürfnisse respektiert werden,
ich habe gelernt, dass keiner einem wichtige Entscheidungen abnehmen kann.
Ich weiß jetzt, was es bedeutet, 10 Tage lang mit einem Menschen in einem Bett zu schlafen
und trotzdem pausenlos über alles und nichts reden zu können.

Abschied hat jetzt eine andere Dimension für mich.

Abschied.

"Ich kann dich nicht mit zum Flughafen bringen", sagt Julia und sieht mich an und ich bin für einen Augenblick verwirrt.
"Warum nicht?"
"Weil ich nicht mit ansehen kann, wie ihr euch zum letzten Mal küsst, du und Benjamin", sagt sie und sieht mich an und dreht sich weg.
Uns schießen die Tränen in die Augen, an diesem wunderschönen Dienstagnachmittag im Starbucks und wir sehen uns an und müssen lachen.
Lachen, weil die Situation so absurd ist,
weil wir noch 6 Wochen haben,
Lachen über unsere eigene Traurigkeit.

Ich habe es noch nicht realisiert und ich frage mich, ob es normal ist, dass ich jetzt schon weine,
jeden Abend.
Vielleicht bin ich einfach zu emotional.
Und ich will auch nicht, dass das hier irgendwas ruiniert,
dass meine Traurigkeit diese letzten Augenblick in ein andere Licht taucht,
aber ich kann nichts dagegen machen,
außer weinen und schreiben.

Es ist alles eine Frage der Zeit und es kommt mir vor,
als hätte ich erst gestern bei Benjamin auf der Couch gesehen und unter Tränen gestammelt,
dass ich mich nicht verabschieden kann,
dass ich das nicht kann und ich nicht will,
dass ich mir nicht vorstellen kann, durch diese schmale Tür zu gehen und dann
endgültig
weg zu sein.
Und das war's dann.
Tatsächlich ist das jetzt fast vier Monate her,
ich hab im Januar das erste und bisher letzte Mal in Benjamin's Armen geweint,
nachdem Marina als Letzte der Austauschschüler aus dem ersten Semester nach Hause geflogen war.

Und jetzt sitze ich hier und frage mich,
ob es besser ist, wenn ich jetzt schon weine,
ob ich dann im Endeffekt weniger Tränen übrig habe,
aber Alexander,
so langsam beschleicht mich der Verdacht,
dass es eine Illusion ist und
egal wie viel ich weine,
es wird nicht weniger schlimm sein,
am Ende.

Ich war schon immer schlecht darin,
so zu tun als wäre alles gut.
Und es tut mir Leid für alle,
deren Abende ich jetzt ruiniere.
Ich fürchte, du wirst in nächster Zeit wieder öfter von mir zu lesen bekommen,
Alexander.
Sowohl vor als auch nach diesem verfluchten 4. Juli,
der jetzt mein Abflugsdatum ist.

Ich weiß, ich sollte das alles nicht
davon überschatten lassen,
ich weiß ich sollte froh sein,
diese Zeit zu haben.

Aber.
Es ist eben nicht so wie es sein sollte.
Ist es nicht.
Es ist real.
Und Gott, es tut verdammt weh.