Lieber Alexander.
Die wirklich herzzerißenden Geschichten schreibt wohl immer noch das Leben.
Und ich sitze jetzt hier, nachts um 2:36 Uhr,
und schreibe dir die letzte, die mir so über den Weg gelaufen ist,
in meinem Leben.
Ich habe über 2 Wochen nichts von mir hören lassen,
weil zuerst nichts passiert ist
und ich dann für 5 Tage auf Chorfahrt war,
auf der zwar auch nicht viel,
aber immerhin doch mehr passiert ist,
als vorher.
Ich muss dazu vielleicht sagen,
dass ich mir gerade zweieinhalb Stunden Gossip Girl reingeballert habe,
nur so als Ablenkung.
(Dramatische Episoden in der 5. Staffel, inklusive Unfall, Hochzeit und Flucht, für alle, die sich ein bisschen auskennen.)
Soll heißen, wenn das hier jetzt ein bisschen melodramatisch wird,
tut es mir Leid,
es ist wohl meinem hoffnungslosen Hang zur Romantisierung geschuldet.
Say Something - A Great Big World & Christina Aguilera
Mein Soundtrack zur heutigen Nacht - hör es dir an, Alexander, es ist die 4 Minuten wert.
Ich wollte dir sowieso schreiben,
weil doch einiges passiert ist,
was nach außen hin keinerlei Aufsehen erregt hat,
dafür in mir aber umso mehr Durcheinander angerichtet hat.
Aber ich schreibe dir davon vielleicht ein anderes Mal.
Mein letzter Brief, Alexander,
war über meine gute Freundin Hannah.
Sie ist in meine Geschichte verstrickt, genauso wie Mr. M oder Luise.
Vielleicht solltest du dir, um das was jetzt kommt, besser zu verstehen,
noch mal meine beiden Briefe vom 14. Mai 2013 durchlesen.
Ich krieg die gerade hier nicht verlinkt, es tut mir Leid.
Lies sie dir trotzdem durch.
Denn in diesem Drama gab es,
wie sich im letzten Brief herausgestellt hat,
noch ein Verletzte mehr,
als ich bin dahin angenommen hatte.
Um das hier der Vollständigkeit halber zu Ergänzen:
Hannah ist seit Dienstag mit Julius zusammen,
einem guten Kumpel von mir.
Er hat mit den dunklen Seiten des Lebens noch so gut wie keine praktische Erfahrung,
wenn ich das so nennen kann und ist für sie zwar gut,
aber was ihr Essverhalten angeht nicht unbedingt vorbereitet, glaube ich.
Ist niemand wirklich, ich weiß, aber er auch nicht.
Hannah war gestern, auf Verpflichtung ihrer Oma hin,
bei ihrer Ärztin und hat, erstmal anonym, ihre Situation beschrieben.
Sie will einfach hören, dass sie nicht krank ist, hat sie mir vorher geschrieben.
Diagnose: wenn's so weiter geht, muss Hannah in stationäre Behandlung.
Sie will nicht. Sie hat Angst.
Und obwohl ich sie in jeder Hinsicht verstehe,
belastet es mich doch, mir täglich anhören zu müssen,
was sie gegessen hat und was nicht und was sie gegessen hat und wieder ausgekotzt hat.
Ich bin mir nicht sicher, ob sie denkt,
dass ich das hören will oder so - sie erzählt es mir von ganz allein, ohne dass ich danach frage.
Und auch wenn ich annehme, dass eine Behandlung wenig bis gar nichts bringt,
wenn sie nicht will und auch nicht davon überzeugt ist, dass es was bringen könnte,
glaube ich doch, dass es für alle das Beste wäre.
Für sie, wie für mich, wie für Julius.
Ich sage das aus purem Egoismus.
Weil ich weiß, dass ich es nicht lange ertragen kann,
einen Menschen, den ich liebe, leiden zu sehen, ohne etwas tun zu können.
Gezwungen zu sein, tatenlos zuzusehen gehört für mich zu den schlimmsten Dingen überhaupt.
Genauso wenig, wie ich es ertragen kann, andere Menschen deswegen leiden zu sehen.
Ich weiß das,
weil mir das schon mit zwei Menschen passiert ist.
Luise und David.
Wenn Hannah sich jetzt noch in diese Liste einreihen würde, wäre das...
Alexander.
Ich weiß, dass man Menschen nicht retten kann.
Aber ich wünschte, man könnte es.
Weil Liebe heutzutage oft nicht mehr ausreicht.
In der Nacht, in der sie mir erzählt hat, was wirklich in ihr los ist,
habe ich mich so klein gefühlt.
So klein und hilflos, wie damals mit Luise.
Und meine Reaktion war, genau wie damals,
ein reflexartiges "Mr. M, wo bist du jetzt?"
Er und ich, wir brauchen einander nicht mehr.
Er mich schon lange nicht mehr und ich ihn auch nicht mehr, seit einiger Zeit.
Aber was dieses Thema angeht, bin ich noch dasselbe kleine Mädchen,
dass sich vor zwei Jahren in Mr. Ms Armen ausgeheult hat.
In der Nacht hab ich ihn gefragt, ob wir mal telefonieren können.
Haben wir seit einem dreiviertel Jahr nicht.
Aber jeder hat doch diesen einen Menschen, der einen immer wieder daran glauben lässt,
dass alles irgendwann gut werden kann, oder?
Siehst du, Alexander und auch wenn ich 94 % aller meiner Probleme inzwischen alleine bewerkstelligen kann,
durch meinen wunden Punkt, nämlich diesen einen verfluchten Sommer,
finde ich immer wieder zu meinem Alles-wird-gut - Menschen zurück.
Mr. M und ich verstehen uns nicht mehr besonders gut.
Wir schreiben ab und zu mal oberflächlich,
aber letztens hat er in einem Nebensatz doch tatsächlich erwähnt,
dass es "auch noch andere Mädchen gibt".
Was bedeutet, dass Sophie Geschichte ist, zumindest in einer Hinsicht.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich daran irgendwie schon beinah nicht mehr geglaubt habe.
Gestern Abend haben wir dann mal wieder ein bisschen geschrieben,
Langeweile irgendwie,
bis er meinte, dass er froh ist, "über sein altes Leben hinweg zu sein".
Die Wahrheit sieht in etwa so aus, wie ich die ganze Zeit vermutet habe:
Mr. M hat nach außen hin abgeblockt, während ihn dieser Sommer innerlich noch lange beschäftigt hat.
Und ihn vor allem auch verändert hat.
Um ehrlich zu sein, habe ich ein furchtbares Gewissen,
weil ich ihm erzählt habe, was mit Hannah los ist.
Er hat mit diesem Sommer abgeschlossen und ein neues Leben angefangen,
er hat sogar endlich auf jemanden ein Auge geworfen, der nicht Sophie ist.
Aber er hat mich vor die Wahl gestellt, drüber reden, warum ich telefonieren wollte, oder nicht.
Und ich fand, er hat ein Recht darauf zu wissen, was los ist.
Er war damals im Sommer genauso dabei, wie Hannah, Luise oder ich.
Vielmehr noch, er hat Hannah geliebt, wie er Sophie geliebt hat.
Auch so ein Nebensatz, zwischendurch, gestern Abend.
Von unendlich großer Bedeutung.
Denn die Tatsache, dass Hannah ihn so sehr geliebt hat und er dann mit Luise zusammen war,
ist eine der Hauptgründe für ihre Magersucht jetzt, meint sie.
Wenn man das so sagen kann, weil einem Grund automatisch Schuldzuweisungen folgen,
die in diesem Fall nicht berechtigt sind.
Was damals passiert ist, war Schicksal.
Und ich glaube, jeder von uns wünscht sich heute,
all das wäre damals nicht passiert.
Alexander.
Mag sein, dass es an der Uhrzeit liegt, immerhin ist es mittlerweile beinah um 4 morgens,
oder daran, dass ich schon zu lange auf meinen Laptop starre oder woran auch immer,
aber mit jeder Minute wird mir die Absurdität all dessen bewusster.
Und ich frage mich, ob sich das, was wir damals und heute gefühlt und gedacht, gesagt und getan haben,
in unseren Köpfen viel dramatischer angefühlt hat,
als es in Wirklichkeit war.
Ich meine, wir waren damals 12, 13, 14.
Wir waren klein.
Und wir sind es noch, mit unseren 15 Jahren.
Ich frage mich inwiefern Realität und Gefühle in dieser Geschichte übereinstimmen.
Aber das hier noch weiter auszuführen, sprengt eindeutig den Rahmen dieser Nacht.
Ich könnte immer und immer wieder versuchen,
diesen Sommer in all seinen verstrickten Beziehungen zu erklären,
ich würde doch immer irgendetwas vergessen.
Mr. M jedenfalls hat sich dazu bereiterklärt, mit Hannah zu reden, wenn er darf.
Es ist verrückt.
Es waren 6 Wochen damals,
6 Wochen die unser aller Leben für immer verändert haben.
Die der Grund dafür sind,
dass ich jetzt, nachts um genau 4 Uhr hier sitze und schreibe,
anstatt selig schlummernd in meinem Bett zu liegen.
Mr. M hat gestern zu mir gesagt,
er hasst es im Nachhinein.
Was er damit gemeint hat: Alles. Die ganze Sache. Von vorn bis hinten.
Ich habe darauf geantwortet,
dass es mir Leid tut.
Was ich damit gemeint habe: Es tut mir Leid, dass ich dir damals Luises Nummer gegeben habe.
Er hat es verstanden, so wie ich es gemeint habe.
Seine Reaktion: "Hm..."
Alexander.
Ich glaube, alles, was wir tun können, ist uns gegenseitig zu verzeihen.
Was damals passiert ist, kann niemand mehr rückgängig machen.
Es gibt zwei Möglichkeiten, damit umzugehen, glaube ich.
Entweder man sagt, alles ist relativ. Es ist niemand dabei umgekommen. Es gibt schlimmeres.
Oder man sagt, es ist, wie es ist. Und was wir davon mit genommen haben, ist real. Es war schlimm.
Wofür ich mich entscheide, kann ich dir jetzt noch nicht sagen.
Ich werde jetzt schlafen gehen, Alexander,
für große Entscheidungen ist es jetzt sowieso zu spät - oder zu früh, wie man's nimmt.
Pass auf dich auf.
♥ Deine Rebecca.
P.S.: Die Wahrheit ist: Ich frage mich trotzdem, was wäre wenn ich Mr. M damals nicht die Nummer gegeben hätte und andersrum. Verzeihen ist so eine Sache. Weil irgendwann jeder anfängt, die Schuld bei sich zu finden. Bestimmt werden wir alle eines Tages von Schuldgefühlen zerfressen sterben, weil wir das Leben anderer irgendwann in grauer Vorzeit ruiniert haben. Aber bis dahin hat das Leben noch genug Zeit, mich von was anderem zu überzeugen. Wir werden sehen, was passiert, Alexander, wir werden sehen.