Sonntag, 30. August 2015

Alexander, Alexander, Alexander,

halleluja, weißt du, weißt du, weißt du,
ich dachte ja immer ich könnte niemals glücklicher werden, als in Deutschland,
aber ahhhhhhhhhhh, stell dir vor, ich bin in Kanada und ich explodiere förmlich vor Überfreude,
das ist so gruselig, eigentlich müsste ich Heimweh haben, oder?
Aber hab ich nicht, was ist los mit mir, bin ich krank?
Ich weiß gar nicht, wie ich das ausdrücken soll, was da in mir ist,
aber Kanada ist mein Paradies, die Leute hier sind so unfassbar nett, einfach so,
die bedanken sich beim Busfahrer, wenn sie aussteigen,
in welchem Land gibt's das bitte?! *-*
Und die kleinen, wichtigen Dinge im Leben sind gleich,
kurz bevor es regnet, riecht es hier genauso wie in Deutschland
und Alexander, oh man oh man oh man,
dieser Moment, wenn man seit zwei Tagen irgendwo ist und jetzt schon weiß,
dass man gar nicht mehr weg will, ich mein, wo sonst auf der Welt sind die Pancakes so geil, wie hier?

Ich muss schlafen, aber ich kann nicht, ich bin viel zu überdreht,
ich weiß nicht, was ich tun soll, mein Leben ist perfekt.

Okay, das kommt jetzt komisch, aber wieso hab ich so ein Glück, ich versteh das alles nicht und meine Gedanken kommen schneller, als ich schreiben kann und ich denke schon auf Englisch und... Luft holen.
Halleluja.
Wie kann das alles hier wahr sein?

Deine Luftsprünge machende Rebecca,
vom anderen Ende der Welt.
(Mit -9 Stunden Zeitunterschied)

Sonntag, 23. August 2015

Als ich nach dem Kino nach Hause komme, sitzt mein Vater noch am Küchentisch. Er blickt auf, hat vor sich das ZEITmagazin der  aktuellen Ausgabe, Inhalt: Eine Reportage über Boko Haram und Interviews mit nigerianischen Frauen, die aus der Gefangenschaft der Terrororganisation geflohen sind. 
Genau diesen Artikel hab ich letzte Nacht Gustav vorgelesen, hab mich immer wieder verlesen, schließlich war ich angetrunken und das Bier, das wir noch aufgemacht haben, hat nicht unbedingt zu einer Artikulationsverbesserung meinerseits beigetragen.
Ich nehme mir ein Glas aus dem Regal, gieße mir Wasser ein. Zu dem Schnupfen von letzter Woche ist seit gestern Nacht auch noch ein Kratzen im Hals gekommen, selbst Schuld, wer sich ohne Pulli Ende August die Kehle aus dem Leib brüllt. Dumm nur, dass ich in vier Tagen fliege.
Mein Vater sieht mir dabei zu, wie ich hastig austrinke, und sagt dann: "Manchmal hab ich das Gefühl, dass die Welt untergeht." Er bezieht sich auf das ZEITmagazin, aber nicht nur. Vor ein paar Tagen haben wir zusammen einen Film gesehen, "Die kommenden Tage" heißt der, mit guten deutschen Schauspielern, eigentlich sollte den jeder von uns sehen, wirklich jeder.
Denn obwohl der Film mehr als fünf Jahre alt, zeichnet er ein Bild von der Realität, wie sie in Zukunft sein wird, weil sie heute schon so zu sein beginnt, das nicht nur erschreckt, sondern schockiert. 
Ich sehe meinen Vater an und nicke, sage, ich habe das ZEITmagazin auch schon gelesen und dass es nicht mit Worten zu beschreiben ist, was da passiert. Mein Vater deutet auf einen weiteren Artikel auf der Titelseite der ZEIT, ich überfliege kurz, der Autor schlägt aufgrund der hohen Rate an rechtsextremistischen Straftaten in Sachen einen "Säxit" vor. 
"Wir ziehen alle nach Kanada", sagt mein Vater,"bis die durch die USA durch sind..." 
"Ist die Welt schon längst durch Atombomben verstrahlt", unterbreche ich ihn.
Ich stelle mein Glas ab, gehe um den Tisch rum und umarme meinen Vater. Eigentlich umarmen wir uns nie, aber wie er da sitzt, mit dieser Angst, die genauso die meine ist, weil das alles so verdammt real ist...
Er fragt, wie es war. Meinst du den Film oder das Wochenende, frage ich zurück.
Ich erzähle kurz. Ob wir am Mittwoch doch noch grillen sollen, fragt mein Vater. Ich schüttel den Kopf, ist mir zu stressig, so kurz vor dem Flug. Wir reden noch über dies und das, dann wünsche ich ihm eine gute Nacht.
"Die Bilder aus Mazedonien hast du nicht gesehen, oder? Da warst du schon weg."
Ich hab die Bilder nicht gesehen, nur eine kurze Sequenz in den Nachrichten, vor einigen Tagen, wie sich die Leute in die Züge Richtung Ungarn quetschen. Beim Gedanken daran muss ich schlucken. "Ich muss ständig an den Film denken", sagt mein Vater und sieht mich an. "Das ist ja nicht nur im Süden, das macht ja auch was mit uns."
Ich schweige.
Er hat Recht und ich weiß es.
Vielleicht ist meine Familie komisch, bin ich komisch, aber ich kann und will die Augen nicht verschließen, vor dem, was da gerade mit uns, mit unserer Gesellschaft passiert. Und auch 10 Monate in Kanada werden mich davon nicht abhalten können.
Ich nicke und gehe dann langsam zur Tür. "Gute Nacht, Papa", sage ich, "und schlaf gut." 
"Du auch", sagt er und dann gehe ich hoch.

In mein Zimmer, Handy gezückt, denn da warten die Nachrichten, Hannah, meine Hummel, diverse zukünftige Kanadierinnen, Viola, die jetzt schon in Schweden ist, meine Tumblr-Menschen, verschiedene Gruppenchats, Gregor und, überraschenderweise: Oliver. 
Was will er denn, frage ich mich, denn Oliver schreibt mich nie an, aber vielleicht wollte er einfach nur jemandem was erzählen, ich frage nicht weiter nach. Ich höre ihm zu.
Hannah fragt, ob letzte Nacht ein Fehler war, aber sie sieht meine Antwort, nämlich die Frage, ob es sich so anfühlt, nicht mehr, sie schläft schon. 
Mit Paula raste ich wegen Kanada aus, bei Lisa wegen ihres fast-Freundes, ich erzähle Nicole von meinen Hobbys und Gregor verkündet mir sehr unvermittelt, dass ihm die Nähe einer Freundin fehle und ich bin immer etwas ratlos, was ihn betrifft, er ist so undurchsichtig für mich, aber ich bemühe mich. Viola hatte eine kleine Jungs-Melancholie nach Hause, schläft aber auch schon, als ich hier antworte.
Hanna klagt über ihre Schmerzen und Ira erzählt mir aus ihrem Leben, vier Minuten, zwei Minuten, fünf Minuten und ich höre zu und versuche, ihr so zu antworten, wie es die Länge ihrer Nachrichten verlangt.
Ich bitte meinen Mond um Zeit und der Mensch, für den ich all das hier eigentlich schreibe, nämlich meine liebste Hummelbiene, hat sich gnädigerweise damit abgefunden, dass sie morgen mein Gedankenchaos lesen darf.

Eigentlich wollte ich ja zeitig schlafen. Wollte meinen Schlafrhythmus mal wieder normalisieren, nachdem ich die letzte Nacht bis morgens um kurz vor fünf mit Gustav in unserer Küche gesessen hab, mit Kerzen und schweren Zungen und noch schwereren Gedanken über all das hier, uns, das Leben, die Welt. Im Allgemeinen und Speziellen.
Ich werde krank und wäre ich vernünftig, würde ich jetzt schlafen.

Aber die Wahrheit ist, Alexander, in mir ist heute Nacht Weltuntergangsstimmung und ich will ihr Potenzial ausschöpfen und ich will dir berichten. 
Von diesem meinem Leben, so klein und so zerbrechlich und so sehr ich selbst.
 - Nachricht von Ira - 

Der Gedanke, dass heute in 4 Monaten Weihnachten ist und ich heute in fünf Monaten schon 17 bin (heilige Scheiße, 17 O.o) und in vier verdammten Tagen auf der anderen Seite der Welt sitze und wahrscheinlich den härtesten Jetlag der Welt hab, ist komisch.
Der Gedanke, dass ich sie alle in drei Tagen das letzte Mal sehe.
Der Gedanke, dass ich so viele Menschen kenne, ohne ihnen jemals auch nur gegenüber gestanden zu haben.
In meinem Kopf verschieben sich zur Zeit sämtliche Regeln bezüglich zwischenmenschlicher Beziehungen vollkommen. 
Nähe definiert sich neu und ich werde mit so vielen Situationen gleichzeitig konfrontiert, dass es manchmal nicht ganz leicht ist, damit umzugehen.

Allein die letzten 24 Stunden.
Gustav und ich kriegen noch mit, wie es wieder hell wird. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich diesen Sommer ohne zu schlafen einen neuen Tag gesehen habe. 
Wir liegen nebeneinander auf unserem Sofa im Roten Salon, wie mein Bruder und ich das Zimmer nennen und schlafen erst fast ein und dann ist es kurz vor fünf und wir schlafen ganz ein und dann wache ich wieder auf und es ist noch nicht mal neun. Scheiße.
Ich stecke mein Handy in die Steckdose, sehe Nachrichten von Hannah, die noch bei Emma ist, Hanna und Viola, ich schreibe mit ihnen, während Gustav neben mir noch weiter zu schlafen versucht.
Irgendwann stehen wir dann doch auf, Frühstück, Hape Kerkeling auf YouTube, Gustav geht, ich gehe auch und zwar wieder ins Bett. Mittagsschlaf für anderthalb Stunden anstatt der eigentlich geplanten zwei, Cara schreibt, sie ist gerade in Australien und ich will sie nicht einfach abwürgen. 
Dann duschen, Haare waschen, Joghurt essen und mit dem unbefriedigenden Gefühl der Unvollständigkeit und Unerfülltheit des eigenen Lebens Fotos in ein Fotoalbum einkleben. Florian fragt, ob ich mit ihm und Enno und Gustav ins Kino gehe und dann, später, fragt Lukas, ob ich ihm seinen Schlüssel mitbringen kann, den ich noch von gestern Abend in meiner Tasche hatte. Und meine Hummelbiene zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und ich versuche, dem Mond zu erklären, was los ist, ohne mich dabei wirklich erfolgreich zu fühlen. Gregor leidet ebenfalls unter meiner Unvollständigkeit, aber was soll's. Ist mir irgendwie auch egal, jeder hat mal keinen guten Tag.

Und dann fahre ich zu Sophie, um ihr mein Abschiedsbuch zu bringen und sie ist noch im Schlafanzug und sieht so aus, wie ich mich fühle, nur in wunderschön. Und ich stehe vor ihrem Fenster und wir reden und sie erzählt mir, dass es gut war, dass Mr. M und sie sich gestern Nacht noch lange unterhalten haben und dann erzählt sie von Antonia, ihrer anderen besten Freundin und ich stehe da und halte mein Fahrrad fest im Wind und höre ihr zu und sehe sie an und mein Gott, sie ist so wunderschön. 
Und ich kann mir nicht vorstellen, sie 10 Monate lang nicht zu sehen, denn allein ihre Anwesenheit, das merke ich jetzt, beruhigt mich so unvorstellbar, mach mich so unfassbar glücklich. 
Und dann ab nach Hause und Toast essen und Mama und Papa und Mathilda und Lasse kommen und ich gehe schon wieder, Kino und dann sind da Laura und Gustav und Enno und Florian und Lukas.
Und wenn ich sie ansehe, sehe ich unser Lachen gestern Abend, wie wir Arm in Arm im Kreis hüpfen, die bösen Blicke der Leute um uns rum einfach wegsingen, wenn ich daran denke, wie sie wie die Klopse über diese Wiese gesprungen sind und sich dabei gegenseitig angerempelt haben, verdammt, wie bin ich auf die bescheuerte Idee gekommen, zu gehen?
Wir gucken den neuen Mission Impossible und dann... siehe oben.

Weißt du, Alexander, dieses Wochenende war perfekt.
Rebecca allein zu Haus.
Und dann, gestern Abend, all meine Lieblingsmenschen auf einem Haufen, der Kreis schließt sich hier und ich bin mal wieder in einem Irgendwann angelangt,
das nicht zu überbieten ist, an Zuversicht.
Und nichts fühlt sich realer an, 
als das Hier und Jetzt
und ich sehe sie an,
Alexander
und ich weiß,
nur dieser Moment zählt 
und nichts sonst
und was morgen ist,
das werden wir sehen,
aber jetzt gerade, weißt du, in diesem einen Augenblick,
da ist es egal, was kommen wird
und alles ist perfekt.

Ich glaube, dass die Welt wie wir sie kennen den Bach runtergeht.
Und gleichzeitig glaube ich, dass das Leben jedes Einzelnen immer nur besser werden kann.
Das Paradoxon ist perfekt
und doch will ich nicht die Realität von meiner illusionären Zuversicht trennen,
denn, ich kann es nicht oft genug sagen, Alexander,
das Licht muss doch irgendwoher kommen
und in einer Welt, die immer dunkler wird,
müssen wir dann nicht irgendwann selbst das Licht sein?

Ich will dir noch so viel schreiben, Alexander,
über den Ort an dem meine Großeltern leben
und über interessante Dinge, die ich mit Hannah besprochen habe und die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben, 
aber weißt du, ich hab ja Kanada und vielleicht hab ich dort Zeit oder ich nehme sie mir einfach.
Ich glaube, ich nehme sie mir dann dort.

Mein Kopf ist mittlerweile so schwer, als würde er jeden Moment explodieren.
Das kann am Freitag gar kein gutes Ende nehmen und eigentlich wollte ich heute so viel erledigen,
verdammt,
ich bin am Arsch,
aber dieser Brief musste sein,
denn Alexander, 
ich platze, spürst du das, ich platze, ich weiß nicht wohin mit mir.
Chaos.

Gleich, wenn ich das Fenster aufgemacht hab,
werde ich wieder ruhiger sein.
Das macht die Nachtluft und das ist gut so.
An meinem Handgelenk knistert das Goldpapier von Samstagnacht.
Ich muss schlafen, Alexander, ich muss jetzt wirklich.

Und trotz all der Dunkelheit, die da ist und die noch kommt,
glaube ich an das Licht und glaube ich daran,
dass das Gute, das Menschliche die Oberhand behalten wird,
irgendwie.

Im Licht.
♥ Deine Rebecca.

Mittwoch, 12. August 2015

Alexander, hey.

Heute ist alles ein bisschen anders.
Heute bin ich ein bisschen anders.
Und dabei zirpen die Grillen genauso, wie sie es gestern Abend schon getan haben.
Und mein Handy vibriert und Leute wollen was von mir,
die ganze Zeit,
wie immer.
Und die Sterne funkeln,
und das haben sie schon immer getan
und das werden sie immer tun,
jedenfalls, wenn immer mein ganzes Leben lang ist.

Ich habe zwei Filme gesehen, heute, Alexander,
zwei Filme,
in denen Menschen sich selbst umgebracht haben,
ob sie es wollten oder nicht,
zwei Filme,
in denen Menschen geschrien haben und geweint
und sie waren kaputt,
ihre Familien waren kaputt,
ihr Leben
und vielleicht sagst du jetzt,
ich sollte aufhören, solche Filme zu gucken,
aber Alexander,
diese Filme sind so real,
dass sie auch mein Leben sein könnten.
Mein Leben in 15, in 35 Jahren.

Ich hab geweint, Alexander.
Ich hab geweint, weil ich immer weinen muss, wenn andere Leute weinen,
auch in Filmen.

- 2 Stunden später -

Ich hatte ganz vergessen, dass der 12. August ist 
und dass die Sternschnuppen diese Nacht so einzigartig machen.
Mein Himmel ist so klar wie selten
und auch wenn zu kalt ist, für August,
er ist trotzdem so wunderschön.

Weißt du, ich hab es nicht verlernt.
Ich kann Menschen immer noch glücklich machen.
Vielleicht sogar besser als früher.
Mit Sicherheit besser als früher.
3 Jahre ist es her und Mr. M schreibt mich noch manchmal an.
Und fragt, wie es mir geht und antwortet dann irgendwann nicht mehr.
Und es ist so okay.

Nur, Alexander, ich will nicht, dass mein Leben so wird, wie diese Filme.
Ich will nicht aufhören, die Wahrheit zu sagen,
will nie aufhören, irgendwas zu sagen.
Ich will nie aufhören, mir bei den Sternschnuppen was zu wünschen,
bei jeder einzelnen dasselbe, 
warum auch nicht?
Ich will mich nicht in einem Vorstadtleben verrennen, mit Kindern und Haus und Garten und Hund.
Ich will nicht tagein tagaus dieselben Bilder an der Wand sehen,
an denselben Ampeln mit denselben Leuten warten,
die all das, was sie einst lebendig gemacht hat, 
schon lange aufgegeben haben.
Nenn mich pathetisch, nenn mich eine Idealistin.

Aber ich glaube, das was unser Leben ausmacht,
ist nicht die Sicherheit.
Und ja, ich weiß, dass ich mir damit widerspreche.
Ich weiß, dass ich früher geglaubt habe,
nichts wäre wichtiger als Sicherheit.
Aber wenn man sich zu sicher ist, Alexander,
wird es dann nicht langweilig?
Werden dann nicht unsere Gedanken klein,
so klein wie unser Herz?
Sollte man nicht immer ein zweifeln,
ob all das nicht doch noch ein wenig besser,
ein bisschen anders geht?

Wie leicht vergessen wir unsere Träume,
geben wir die Hoffnung auf,
verlieren wir die Sonne aus unseren Augen.

Alexander.
Vielleicht ist das das Leben, ja.
Aber muss es wirklich so sein?
Kann man nicht versuchen, den Naturgesetzen zu trotzen,
kann man nicht versuchen, Widerstand zu leisten,
gegen den scheinbar unvermeidlichen Lauf der Zeit?
Liegt es nicht immer noch in unserer Hand,
ob in unseren Augen die Sonne scheint
oder ob es regnet?

Alexander, ich kann und will mich nicht damit abfinden,
dass all das hier hoffnungslos sein soll.
Ich kann mich nicht damit abfinden,
dass wir am Ende alle 
zerbrochen,
ruiniert,
am Ende
sein sollen,
ich meine, das kann es doch nicht sein.
Das kann doch nicht alles sein,
Alexander,
wir müssen doch etwas tun können.

Ich will nicht werden, wie meine Eltern.
Ich will auch nach 16 Jahren immer noch neben jemandem aufwachen
und wissen, dass es niemals etwas Beruhigenderes geben wird,
als seinen Atem neben mir zu hören.
Ich will das auch nach 30 Jahren noch.
Ich will das bis an mein Lebensende.
Und ja, ich bin noch jung.
Und ja, ich bin naiv.
Aber ich glaube, dass das geht.
So unerschütterlich,
wie die Sternschnuppen jedes Jahr im August unseren Himmel kreuzen.
Liebe ist nichts weiter
als eine Illusion,
eine Illusion
ebenso wundervoll
wie unser Leben.

Aber wer verbietet uns, unsere Illusionen zu leben?

Vielleicht sind sie das Beste, 
was wir haben.

Pass auf dich auf, Alexander.

♥ Deine Rebecca.


Dienstag, 4. August 2015

Hey Alexander.

Schon wieder so viel Zeit vergangen, seit meinem letzten Brief und mein Gott, seit die Ferien begonnen haben, scheint sich die Welt noch viel schneller zu drehen, als sie es ohnehin schon immer getan hat, zumindest für mich.
Jetzt bin ich endlich für ein paar Tage zu Hause, naja, was heißt schon zu Hause,
wenn ich von morgens bis abends mit Freunden unterwegs bin,
heute hier, morgen dort.
Wollte ja eigentlich noch ins Kino,
muss dies noch erledigen und das einkaufen,
zum Glück war Mama schon bei der Schneiderei,
dann muss ich das nicht auch noch machen.

Manchmal frage ich mich, ob und wann ich jemals zur Ruhe kommen werde,
ob ich das überhaupt noch kann,
einfach mal nichts tun.

Zu meinem letzten Brief hatte ich direkt danach noch eine Erklärung angefangen, die ich dir nicht vorenthalten will, Alexander, allerdings habe ich gerade keine Zeit sie genauso detailliert weiterzuschreiben, deswegen füg ich sie hier jetzt einfach mit ein.

Dienstagabend. Ich bin gut bei meiner Oma angekommen, wir sitzen noch im Wohnzimmer und reden und lachen über dies und jenes. Einer dieser Momente, in denen mir schmerzlich bewusst wird, wie kostbar die Zeit mit jedem einzelnen Menschen, aber ganz besonders mit ihr ist. Sie wird im Oktober 80. Und zwischen Oktober 2015 und Juni 2016 liegen Welten. Und wer weiß, ob dieser Besuch mein letzter bei ihr sein wird? 


- Wann um alles in der Welt haben wir begonnen, es für selbstverständlich zu halten, dass wir einander wiedersehen werden? - 

Mein Handy vibriert in meiner Tasche, ich lege kurz meine Hand darauf, jetzt nicht, das ist unhöflich. Wenn alle schlafen, kann ich gucken, wer mir da geschrieben hat.
Florian, um 22:49 Uhr. Schreibt: "Mit dir wars viel schöner :*"
Und dann, fünf Minuten später haut er raus: 
"Ich bin gerad nachdenklich..."
"Ich hab gehört du willst keine Beziehung mehr bevor du weggehst aber ich will dass du weißt dass ich dich mag..."
"Das war das worüber ich gestern nachgedacht habe aber ich hab mich nicht getraut :/"

Und ich sitze da, sprachlos und lasse vor meinem geistigen Auge den Abend davor ablaufen.

Montag, 20. Juli 2015

Als wir um dreiviertel zehn die Bahnhofshalle betreten, begrüßt uns die Anzeigetafel mit der Ankündigung, dass unser Zug mit etwa 30-minütiger Verspätung eintreffen wird. Gut, denken wir uns, macht nichts, wir haben Ferien, wir haben Zeit. Wir wollen nach Warnemünde an die Ostsee, ein paar Tage in der Wohnung von Nicki und ihrer Mutter verbringen. 
Nichts außer der Deutschen Bahn könnte uns jetzt noch aus der Ruhe bringen, doch diese fabelhafte Unternehmen meistert diese Herausforderung mit Bravour und nach knapp 45 Minuten Fahrt sitzen wir, wie alle unsere Mitfahrer auch, auf dem Bahnsteig eines kleinen Kaffs und warten auf unseren Ersatzzug, der "jeden Augenblick eintreffen müsste". So viel dazu. Nach einer Viertelstunde Warten entschließen wir uns, zur allgemeinen Unterhaltung den Bahnhof mit DER Hymne auf die Deutsche Bahn (nämlich dem gleichnamigen Song von Wise Guys) zu beschallen. Schmunzelnde Gesichter rund um und als wir uns schließlich, mit rund einer Stunde Verspätung in Warnemünde dem endlosen Strom der Badegäste anschließen, ist einfach alles perfekt.
Nach Fischbrötchen und Eis, einer kurzen Mittagspause meinerseits (mein Schlafrhythmus ist tatsächlich schon am dritten Ferientag vollkommen zerstört) und jeder Menge lustiger Runde "Arschloch" beschließen wir, nach dem Abendbrot an den Strand zu gehen - welch eine Überraschung. 
Stranddecke, Fahrräder/Longboards, Frisbee, Kamera und, nicht zu vergessen, Alkohol und wir sind gerüstet für den perfekten, kitschig-klischeehaften Sommerabend.
Ziemlich schnell bilden sich Gruppen, Enno und Nicki verschwinden auf die Kletterspinne für Kinder, Laura, Gustav und...

An dieser Stelle hab ich aufgehört, um es kurz zu machen,
Florian und ich haben die Nacht durchgemacht,
wir waren morgens um halb 6 in der spiegelglatten Ostsee baden,
sind danach mit klatschnassen Sachen zum Bäcker gelaufen, um für die anderen Brötchen zu holen, wir haben uns zusammen den Sonnenaufgang angesehen und mit Tequila in den Dünen gelegen,
haben die Vernunft der anderen mit unserer Unvernunft besiegt
und es war so lustig,
es hat so viel Spaß gemacht.
Und ich dachte, wir wären gute Freunde,
ich hab mich so gefreut, jemanden zu haben, mit dem ich zusammen unvernünftig sein kann und dann, am Dienstagabend, nachdem ich weg war...

Freitagabend dann das "klärende Gespräch",
das diesen Namen nicht wirklich verdient,
weil ich sowas schon immer nicht konnte,
weil ich noch nie wirklich gut reden konnte,
Sonntagabend dann der Brief an dich, Alexander,
du hast mein Chaos selbst gelesen
und Montag war ich dann weg, raus aus dieser Stadt,
weg von Florian
und trotzdem hat sich der arme Gustav noch die ganze Woche
immer und immer wieder
anhören müssen, dass ich noch immer drüber nachdenke,
dass er mir fehlt, wenn auch nur als Freund
und auch jetzt noch denke ich
und denke
und denke.

Laura hat mir erzählt, dass er zu ihrer Party letze Woche schon besoffen ankam,
dass er dann volle 2 Stunden über'm Klo hing
und ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist und dass es absurd ist,
diese beiden Dinge in Zusammenhang zu setzen,
aber ich kann nicht anders.

Enno und Nicki sind jetzt übrigens zusammen
und Gustav und ich schreiben so viel, er aus dem Urlaub und ich von zu Hause
und gestern hab ich bei Laura übernachtet und unser Frühstück heute Morgen war himmelhochjauchzendherrlich
und dann war ich noch mit Marie am See und es ist einfach nur Sommer.

Ich müsste dir wohl von dem Ort erzählen, an dem meine Großeltern leben,
denn es ist tatsächlich mein Paradies
und das werde ich auch noch,
wenn ich im Laufe der Woche mal Zeit habe,
damit du verstehen kannst,
dass ich nirgendwo sonst auf dieser Welt vollkommeneres Glück bin,
als dort.

Momentan habe ich unheimlich viel Kontakt mit Leuten, die dann mit mir in Kanada sein werden,
mit denen ich hinfliegen werde
oder die ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland sehen werde.
Menschen, denen ich noch nie in die Augen gesehen habe
und von denen ich trotzdem weiß, dass ich mich gut mit ihnen verstehen werde,
dass sie meine Freunde sein werden.
Das beruhigt mich und das freut mich
und das macht mir zumindest zur Zeit den Gedanken an diesen speziellen Mittwochabend,
an dem ich dann für 10 Monate endgültig auf Wiedersehen sagen muss,
etwas erträglicher.

Schon jetzt kenne ich in ganz Deutschland so viele Jugendliche,
dass es mir beinah Angst macht.
Das ist nicht normal.
Das sind die Folgen der modernen Kommunikation,
der ich mich so bereitwillig hingebe,
obwohl ich sie gleichzeitig verfluche.

Ich hab mir für Kanada vorgenommen, hauptsächlich Briefe oder E-Mails zu schreiben,
die werden im Endeffekt wesentlich persönlicher als eine kurze Whatsappnachricht.
Außerdem hab ich ja auch noch meinen Blog, auf dem ich mehr oder weniger regelmäßig posten werde,
für alle, mit denen ich nicht stundenlang skypen kann.
Ich mein, ganz ehrlich, wer kommt auch auf die bescheuerte Idee, ich könnte mit jedem Hans skypen, wenn ich weg bin?
Wenn ich mit 10 Leuten jeweils zwei Stunden pro Wochenende skype, halleluja, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben, haha.
Egal, sie meinen es nur gut, Alexander, sie wollen mir nicht 10 Monate lang nichts erzählen können, ich sollte ihnen keine Vorwürfe machen.

Noch dreieinhalb Wochen bis zum Abflug, mein Gott,
die Zeit rennt tatsächlich.
Dreieinhalb Wochen sind nicht viel.
Sind sie überhaupt nicht.

Ich sollte schlafen gehen, Alexander.
Morgen ist ein neuer Tag.

Ein Tag weniger bis Kanada.