Montag, 29. Juli 2013

Alexander, liebster Alexander,
ich habe ein schrecklich schlechtes Gewissen, weil ich dir nicht schreibe,
aber weißt du was, dafür hab ich auch ein fantastisches Leben zu leben,
vielleicht reicht dir das als Entschuldigung?
Glaub mir, es werden wieder schlimmere Tage kommen und spätestens,
wenn es schon um 5 Uhr dunkel wird, werde ich dir wieder schreiben.

Ich glaube, ich bin verliebt.
Nicht in Jakob, nein, von dem hab ich schon lange nichts mehr gehört.
Ich habe jemanden kennengelernt.
Also, nein, das heißt, eigentlich habe ich ihn schon mal gesehen,
vor einem Jahr, aber da war ich zu schüchtern, um ihn überhaupt anzusprechen.
Und...
Weißt du was?
Ich kann dir das jetzt nicht alles schreiben.
Von mir aus, sei ruhig sauer auf mich.
Aber wenn ich versuchen würde, das zu beschreiben,
was ich gerade fühle, diese Perfektion meines Lebens,
diese Zufriedenheit mit mir und der Welt,
ich würde alles nur kaputt machen.

Stell dir vor.
Ein kleines Mädchen sitzt irgendwo auf dieser Welt auf einem Sofa,
seinen Laptop auf den Knien.
Leiser Regen trommelt auf das Dach, dazu Chillstep.
(Oliver hat einfach einen perfekten Musikgeschmack)
Kannst du das Funkeln in ihren Augen sehen, das leise Lächeln, das ihre Lippen umspielt?
In ihren Gedanken ist sie weit weg.
In ihren Gedanken ist sie in seinen Armen.
Nur das Herzklopfen ist echt.
Und der Name auf ihrer Zunge.

Wie viel Glück darf man haben,
bevor alles schief geht, Alexander?
Das ist die große Frage, die ich mir in diesen Tagen stelle.
Ich habe Angst davor der Antwort.
Und eigentlich will ich es auch gar nicht wissen.
Als ich beim letzten Mal so viel Glück hatte,
habe ich es mit einem ganzen Jahr bezahlt.
365 Tage Tränen.

Aber vielleicht geht es nicht um den Schmerz allein.
Vielleicht steht direkt hinter dem Schmerz die Frage,
ob die Vergangenheit diesen Schmerz wert ist.

Ich habe Angst.
Angst vor dem Ende.
Ich weiß, dass es nicht korrekt ist.
Es hat noch nicht mal begonnen,
wie kann ich mich da vor dem Ende fürchten?
Ich bin so, Alexander, ich bin so.

Und weißt du, was das verrückteste an der ganzen Sache ist?
Ich vermisse Mr. M.
Nicht so, wie das ganze letzte Jahr.
Nein.
Ich vermisse einfach nur den Jungen,
den ich nachts um 2 angerufen habe und mit dem ich über jeden Scheiß lachen konnte
und der für alles einen guten Rat hatte.

Alexander.

Kannst du dir vorstellen,
wie sehr ich meinen besten Freund vermisse?

Jetzt doch sehr melancholisch.
Das Leben ist so. Oder so.
Halt die Ohren steif, mein Freund,
morgen ist auch noch ein Tag.

Alles in Liebe,

deine Rebecca.


Dienstag, 23. Juli 2013

Hey Alexander,
nur ein minikurzer Brief, ich bin nämlich gerade ganz illegal am Laptop meiner Oma,
den sie zwar nie benutzt, aber wer weiß... ;)
Mir geht's gut, hier ist es nicht ganz so heiß, wie im Rest Deutschlands,
das Essen schmeckt,
ich lebe noch :)

Lächeln auf den Lippen und Salz in den Haaren.
Liebe an alle von hier,

deine Rebecca

Mittwoch, 17. Juli 2013

Lieber Alexander.

Strahlender Sonnenschein und warm und dann auch noch der Geburtstag der besten Freundin.
Glaub mir, es gibt nur wenig, was schöner ist,
für mich zumindest.
Ich denke, ich werde morgen Abend ein bisschen erzählen,
wie's war, aber versprechen will ich nichts.
Und auch wenn das jetzt echt unglaublich peinlich ist,
aber ich hab bisher immer noch nicht rausgekriegt,
was das Problem mit den Kommentaren ist,
weswegen ich weder antworten noch sonst was schreiben kann.
Das tut mir wirklich Leid.
Aber diejenigen, deren E-Mail Adresse ich habe, sollten in den nächsten Tagen vielleicht mal einen Blick in ihr Postfach werfen ;)

Die "Geschichte" von Jakob und mir.

Jakob und ich waren in der Grundschule in derselben Klasse. Früher war er manchmal ziemlich aggressiv und ich war schon immer ziemlich klein und... Naja, er hat sich gerne gekloppt, um es so auszudrücken und manchmal waren auch wir Mädels nicht sicher vor ihm. Keine Ahnung, wie oft ich mich mit ihm in der Wolle hatte, ziemlich oft auf jeden Fall. Und er war größer als ich und stärker und kneifen konnte er - jedes Mädchen wäre neidisch gewesen. Damals in der Grundschule mochte ich ihn nicht. Gewalt war noch nie so mein Ding und er hatte ganz offensichtlich auch was gegen mich. Außerdem konnte ich mit den Dingen, die er mochte, nie so wirklich was anfangen. Sein Vater ist Jäger und er durfte schon damals manchmal mit auf Jagd. Oder "Jacht" wie er immer gesagt hat. Und in der Schule hat er immer damit angegeben, wie er irgendwelche Enten mit seinem Luftgewehr abgeballert hat und so. Es waren Horrorvorstellungen, auch wenn die ganze Angelegenheit in Wirklichkeit bestimmt nicht mal halb so schlimm waren, wie ich dachte. 
Und er hat leidenschaftlich Fußball gespielt, auch wenn er nie verlieren konnte. Und er mochte James Bond.
Damals hatte ich nur eine ungefähre Ahnung, was das war, weil ich keine großen Geschwister habe und meine Eltern in dieser Hinsicht wirklich auf mich aufgepasst haben, Krimis und Agentenfilme habe ich zum ersten Mal mit 11 gucken dürfen. Jedenfalls, wann immer er erzählte, dass er mit seinen großen Brüdern am vorherigen Abend einen James Bond Film geguckt habe und wie alle rumgeballert hätten und er dann von ganz oben irgendwo runtergesprungen sein (also James Bond), bin ich schnell woanders hingegangen und habe mir im Stillen vorgenommen, diese schrecklichen Filme niemals anzugucken. Ironie des Schicksals, dass James Bond heute zu meinen Lieblingsfilmen gehört, oder? 
Nach der vierten Klasse trennten sich unsere Wege, er ging auf das Sportgymnasium in unserer Stadt und ich auf das Musikgymnasium. Und dann habe ich zwei Jahre lang nichts von ihm gehört.
Bis ich in der siebten Klasse mit Konfiunterricht anfing. Ich hatte nicht erwartet, dass er kommen würde und war dementsprechend überrascht. Und es passierte auch nicht viel. Er war mal da, mal nicht. Wenn er da war, haben wir höchsten ein oder zwei mal geredet. Und in der achten Klasse wurden dann die Gruppen geteilt und er kam in die, in der ich nicht war. Auf der Konfi-Fahrt hing er die ganze mit den Betreuerinnen rum, Mädchen von meiner Schule, die jetzt alle 11. sind. 
Er und ich hatten einfach nichts miteinander zutun und das war auch ok.
Bis zur Konfi. Als ich am Sonntagmorgen ins Gemeindehaus der Kirche ging, weil wir uns da treffen wollten, bevor wir alle zusammen in die Kirche gehen wollten, waren da noch nicht sehr viele von den anderen. Nur eben Jakob und Lukas, Felix und noch ein oder zwei andere, wer genau, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls, ich kam so durch die Tür, die Jungs alle in Anzügen (und mein Gott, die sahen alle so erwachsen aus und Jakob ist gewachsen, also jetzt noch größer, als er ohnehin schon immer war und heilige Scheiße, er sieht wirklich gut aus) und dachte noch, na toll, als einzige hier unter Jungs. Und nachdem wir uns alle begrüßt hatten, meinte Jakob plötzlich: "Du siehst echt süß aus, in dem Kleid." Keine Ahnung, ob ich rot geworden bin, aber bestimmt. Irgendwie bin ich immer das kleine süße Mädchen, egal worum's geht, frag mich bitte nicht, woher ich dieses Image hab. Und ich meine, sooo ein besonderes Kompliment ist das jetzt auch nicht und alles - aber du musst wissen, ich bekomm selten Komplimente und noch seltener von Jungs. Das ist nicht schlimm, aber es macht diesen Satz eben besonderer, noch dazu weil er von dem Jungen kam, der mir früher immer an den Haaren gezogen hatte. 

Dann, einige Wochen später, mittlerweile hatten wir keinen Konfiunterricht mehr sondern JG (Junge Gemeinde) haben wir ein Fang-Spiel gespielt. Lach nicht, wir sind so. Wir rennen auch noch mit vierzehn und in Ballerinas um die Kirche. Es war lustig, das kannst du mir glauben und ich habe mich mit dem Sohn meiner Französischlehrerin angelegt und wir haben uns ziemlich gehauen xD Und gerade als ich loslaufen und jemanden fangen wollte, stand plötzlich Jakob hinter mir. In diesem Spiel geht es darum, die gegnerische Mannschaft davon abzuhalten... Die Regeln sind wirklich kompliziert, jedenfalls, man muss manchmal auch jemanden festhalten. Und was macht also Jakob? Hebt mich von hinten hoch und wirbelt mich im Kreis, lange, lange, lange und ich frag mich noch, ob ich ihm nicht zu schwer bin. Da stellt er mich wieder auf die Füße, lässt mich aber nicht los, sonder fragt sicherheitshalber noch mal nach, ob ich sicher stehe. Das ist mir noch nie passiert. Und ich war so überrascht, dass ich einfach nur nicken konnte.
Manchmal bin ich ziemlich komisch.
Und dann... letzten Freitag, also am 12. Juli, als wir wieder zu Hause waren, bin ich auf Skype und wer war da? Jakob. Nichts besonderes eigentlich, aber wir hatten bis zu dem Zeitpunkt noch nie miteinander geschrieben, wir hatten irgendwie nie einen Grund dazu. Aber in dieser Nacht hab ich ihn einfach mal angeschrieben. Es war sonst nur Sophie online und anfangs noch Gustav. Und er hat, oh Wunder,  zurückgeschrieben. Und an jeden seiner Sätze einen Zwinker-Smiley drangehängt. Und dann ist etwas mit mir passiert. Ich habe zurückgezwinkert. 
Mein Problem ist immer, alle kennen mich schon seit Ewigkeiten. Und sie kennen mich als die stille Rebecca. Aber das war nicht immer so. Eigentlich war ich mal wirklich selbstbewusst. Und wusste, was ich will.
Dieses Selbstbewusstsein ist mir irgendwann im letzten Jahr abhanden gekommen - bis zu dieser Nacht.
Ich war völlig nicht ich, wie ich sonst bin. Aber ich mochte das. Die Rebecca, die ich in dieser Nacht war.
Und was noch erstaunlicher war: Jakob wollte über mich reden. Noch so eine Sache, die mir mit anderen als Sophie und Laura und manchmal Mr. M und Leon nie, nie, nie passiert. Ich rede einfach nicht über mich.
Sonst müsste ich dir wahrscheinlich nicht schreiben, Alexander. 
Jedenfalls, Jakob hat nicht aufgehört zu drängeln, bis er mich so weit hatte, dass ich ihm gesagt habe, 
dass es über mich nichts zu erzählen gibt und ich wirklich langweilig bin.
Ich wollte ihm nicht mit der Tür ins Haus fallen und von Mr. M und Luise und der Dunkelheit anfangen - er ist so jemand, der sicher gut zuhören kann. Aber nur, wenn man ihm wirklich wichtig ist. Sonst ist seiner Meinung nach Party die beste Medizin.

Alexander, ich war glücklich, in dieser Nacht.
Wirklich glücklich.
Jakob und ich, wir haben keine Geschichte.
Aber man soll niemals nie sagen.
Ich halte dich auf dem Laufenden, versprochen.
Und bitte entschuldige, dass der Text so furchtbar lang geworden ist.

Bis bald,

deine Rebecca.

Sonntag, 14. Juli 2013

Hi Alexander.
Bevor du irgendwas sagst,
ich weiß, dass es 02:41 Uhr ist und damit eigentlich viel zu spät
um irgendwas zu schreiben.
Aber weißt du was, das ist mir egal.
Ich hasse den Tod.
Wusstest du das?
Ich hasse es. Ich...
Heute Nacht ist nicht wie sonst.
Die Musik habe ich noch nie vorher gehört.
Es ist dann leichter, verstehst du, wenn man die Texte mit noch nichts verbindet.
Ich versteh das alles nicht.
Warum ist das Leben so, Alexander, warum?
Warum ist der Tod so endgültig, so für immer?
Warum sterben Leute, obwohl sie noch ein ganzes Leben vor sich haben,
warum sterben sie, obwohl sie heiraten sollten,
warumwarumwarum.

Warum.

Es ist komisch.
Ich MOCHTE Cory Monteith noch nicht mal besonders.
Ich hab einmal einen Film mit ihm gesehen und irgendwie war er mir sympathisch,
aber... Das war ja die Filmrolle und nicht er.
Aber es hört nicht auf.
Meine Tränen hören nicht auf.
Ich verstehe das alles nicht.

Ist bestimmt dumm, dass ich heule.
Aber ich bin so, ich heul immer, wenn jemand stirbt.
In Filmen. Im Leben.
Egal. Ich heul immer.
Ich bin eben so.

Ich hasse den Tod.


Ich hasse den Tod.
Es ist verrückt, weil... Es passiert so plötzlich. 
Du weißt es vorher nicht, normalerweise jedenfalls.
Es... passiert einfach 
und es gibt Leute, 
die dich geliebt haben 
und das immer noch tun 
und die einfach nicht glauben können, dass du nie mehr wiederkommst.
Es gibt Leute, 
deren Leben kommt nie wieder in Ordnung, 
weil du gestorben bist, 
Weil sie dich geliebt haben.

Es macht mich so fertig gerade.
Weil... Keine Ahnung,
es ist so viel Schmerz,
überall,
auf dieser verdammten Welt
und es hört nicht auf,
es hört einfach nicht auf,
es hört nie auf.
Nie.

Und überall sterben Menschen, immerzu,
Menschen, die geliebt wurden, 
von anderen Menschen.
Und niemand tut was dagegen und alle sterben irgendwann
und manche sterben sogar, weil sie es WOLLEN,
weil sie sich umbringen
und es macht mich so fertig
und ich kann es einfach nicht begreifen.
Sterben ist eine Sache.
Danach weiterleben eine andere.

Ich habe Angst.
Vor dem Tod.
Nicht vor meinem eigenen.
Sterben ist eine Sache.
Weiterleben eine andere.
Vor meinem eigenen Tod habe ich keine Angst.
Aber vor dem anderer Menschen.
Menschen, die ich geliebt habe.
Menschen, ohne die ich nicht leben kann.
Ich habe Angst,
dass sie sterben, bevor ich ihnen sagen kann,
dass sie wundervoll sind.
Dass ich sie nie vergessen werde.
Dass sie mir fehlen werden.
Dass ich sie liebe.
Ich will das nicht, Alexander.

Und ich glaube, ich kann das nicht.
Ich glaube, ich kann das nicht ertragen.
Ich hasse den Tod.
Ich hasse das Loch, das er reißt, in jeden von uns.
Ich hasse die Bombe, die er in jedem von uns versteckt,
diese verdammte Streubombe, die Splitter, die jeden treffen, der einem zu nahe stand.
Ich hasse die Tränen, die fallen, wenn jemand geht,
die einfach nicht aufhören,
hasse die Stille, das Schluchzen, den leeren Blick,
hasse das Zittern, die hilflosen Trostversuche anderer, 
hassedashassedashassedas.
Die Leere im Kopf.
Die tausenden Gedanken, 
die da sind, 
aber keinen Sinn ergeben.
Die Dunkelheit.
Und das, was bleibt.
Ein Wort.
5 Buchstaben.

Warum.

Warum muss es so etwas geben, so etwas grausames wie den Tod?
Ich verstehe das alles nicht.
Es macht mich so fertig.

Weißt du, Alexander, 
ich habe Angst, 
dass eines Tages mein Handy klingelt.
Und dann ist da Luises Mutter dran.
Und dann sagt sie, dass Luise...
Sie will sterben.
Ich weiß es.
Sie hat es mir geschrieben, gestern.
Sie hat einen Plan.
Ich habe Angst.
Und wenn es zu spät ist,
dann bin ich Schuld.
Wie sie mich alle ansehen werden.
Vielleicht werden sie sich hinter vorgehaltener Hand zuflüstern,
dass ich es wusste.
Wusste, was sie vorhat. 
Und nichts getan habe.
Niemandem Bescheid gesagt habe.
Dass sie nicht hätte sterben müssen,
hätte ich...
Alexander, ich will das nicht.
Aber ich kann sie nicht retten, 
das weiß ich.
Ich habe es versucht, letzten Sommer,
habe es versuch und bin daran zerbrochen.
Ich habe ihren Eltern Bescheid gesagt.
Ich habe der Schulsozialarbeiterin Bescheid gesagt.
Letzten Sommer.
Ich glaube, sie denken,
mit ihr ist alles wieder ok.
Oder so.
Ist es aber nicht.
Sie ist depressiv.
Sie kommt da nicht allein wieder raus.
Aber sie will keine Hilfe.
Und wenn ich eines gelernt habe, von ihr,
dann, dass man jemandem,
der nicht möchte, dass man ihm hilft,
auch nicht helfen kann.
Sie wird sterben.
Irgendwann.
Weil sie es wollte.
Und ich habe nichts getan.

Weißt du, Alexander, vor einem Jahr dachte ich noch,
ich könnte ihr helfen.
Ich dachte, ich könnte etwas ändern.
Aber die Wahrheit ist,
ich habe die Kontrolle verloren.
Und irgendwann habe ich aufgegeben.
Man kann alles ändern, alles.
Nur die Liebe und den Tod nicht.

Nichts auf der Welt verändert ein Leben so sehr,
ohne dass man selbst etwas daran ändern kann.
Außer der Liebe.
Und dem Tod.

Oh Alexander, 
du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich es hasse.

...

Aber was soll's.
Ich kann es sowieso nicht ändern, richtig?
Macht auch nichts.
So oder so ist das Leben.
Ich bin wieder ok.
Beim Gedanken daran, 
dass meine Eltern in zwei Stunden aufstehen, um zur Arbeit zu fahren,
muss ich sogar lächeln.
Das Leben ist verrückt.
Oder ich bin verrückt.
Oder beides.

Vielleicht wäre alles hier leichter.
Ohne Liebe.
Ohne Tod.
Sicher wäre alles hier schlechter.
Ohne Liebe.
Ohne Tod.

Und alles, 
was wir tun können,
ist,
damit zu leben.

Das können wir nämlich.
So ist das halt.

Und Jason Mraz singt leise dass everything will be fine.
Everything.
Und eine Amsel singt draußen mit.
Und irgendwo hinter den Hausdächern geht die Sonne auf.
Noch nicht, aber bald.
Und das Leben geht weiter.

So ist das nämlich.
Das Leben.
Alles wird gut, irgendwann.
Und dann sterben wir.
Oder so ähnlich.

Tut mir Leid, wegen Jakob und unserer Geschichte, die eigentlich keine ist.
Kommt noch, versprochen.

Kopf hoch, Alexander.
Und bitte lächeln.

Deine Rebecca.

Samstag, 13. Juli 2013

Lieber Alexander.
Ich bin seit gestern Nacht aus Korsika zurück und eigentlich hatte ich auch schon einen ellenlangen Brief an dich angefangen.
Mit noch längeren Ausführungen von allem, was in den letzten beinah-vier Wochen so passiert ist.
Ich hatte damit begonnen, mich bei allen zu bedanken,
die sich während ich weg war, die Mühe gemacht haben,
mir einen Kommentar zu hinterlassen oder Leser zu werden.
Und auch bei Diana Josan dafür, dass sie dich auf ihrem Blog defeaning silence inside me vorgestellt hat.
Ich wollte schreiben, dass Korsika unbeschreiblich war,
wollte dir einen detaillierten Bericht über den Strand, das Essen und den Pool, das Wetter, die Franzosen im Allgemeinen und im Speziellen, über die Tour de France, die einmal durch unser Dorf gefahren ist, über die Fähre, die mit zwei Bussen gut aussehender Osnabrücker Jugendlicher gefüllt war, über das Schnorcheln, über die Sonne und dass es da so viel wärmer war, als hier, in Deutschland
abliefern.
Und natürlich auch von der letzten Schulwoche erzählen,
die ja bei meinem letzten Brief gerade erst angefangen hatte und deren Höhepunkte erst noch bevorstanden.
Und wie wir (und im speziellen ich) uns von Mr. M verabschiedet haben, am letzten Schultag.
Dass ich mich vor drei Wochen plötzlich an so gut wie jeden meiner Träume erinnern konnte, ein Umstand,
der mich sehr überrascht hat, weil das zum letzten Mal passiert sein muss, als ich sieben war, oder so.
Also, dass ich mich an meine Träume erinnern konnte.
Und dass ich natürlich prompt von Mr. M geträumt habe, mehrmals sogar UND erstaunlicherweise von Jakob.
Jakob ist ein Junge, mit dem in der Grundschule in einer Klasse war und den ich dann später beim Konfi-Unterricht wiedergesehen hab.
Früher mochte ich ihn nicht, naja, also, eigentlich hatte ich Angst vor ihm.
Aber er ist wirklich, wirklich nett.
Und er ist der Grund, warum du nicht einen ellenlangen Brief, sondern nur eine kurze Zusammenfassung von den letzten beinah-vier Wochen bekommst.
Es tut mir Leid.

Ich bin bis morgen Abend noch einmal auf einen Kurzbesuch bei meinen Großeltern,
ganz die brave Enkelin, was eigentlich gelogen ist, weil ich total gerne dort bin.
Sie wohnen direkt an einem See und es ist so ziemlich das Paradies auf Erden.
Jedenfalls, morgen Abend werde ich dir die Geschichte von Jakob und mir ganz genau erklären,
wenn du möchtest.
Aber, ich glaube, eigentlich ist mir egal, ob du möchtest oder nicht,
DENN mir ist es wichtig und ich werde dir von ihm erzählen.

Weißt du, Alexander,
als ich gestern Abend vorm Laptop saß,
wäre ich beinah in der gefährlichen Ich-bin-wieder-zu-Hause - Traurigkeit versunken.
Ich wollte dir schon wieder irgendwas sehr trauriges und dunkles schreiben,
obwohl das überhaupt nicht meinen momentanen Gefühlszustand beschreibt.
Ich  kann mich nicht erinnern, dass es mir jemals besser ging.
Oder so.

Jedenfalls, ich saß dann so da und die Musik war nicht die richtige und überhaupt war es scheußlich kalt.
Und alles, was ich wollte, war zurück nach Korsika ans Mittelmeer,
wo's vor Hitze nicht auszuhalten war.
UND dann hab ich mich daran erinnert, wie glücklich ich dort war.
Und hab mir gesagt, dass ich zum Teufel auch zu Hause glücklich sein will.
Und dann habe ich beschlossen, mit meinen Mitmenschen in Kontakt zu treten.
Um halb 12 nachts waren zwar nicht mehr so besonders viele online,
aber was soll's, Sophie war da, Gustav war da und eben Jakob.

Die Musik wurde besser.
Unter meiner Bettdecke war's auch ein bisschen wärmer.
Und ich habe gelächelt.
Und leise gelacht,
leise, weil meine Oma im Nebenzimmer schon geschlafen hat und ich sie nicht wecken wollte,
gelacht, weil Jakob und ich eine, wie ich finde, wirklich bezaubernde Konversation gemacht haben.

Alexander, ich bin fröhlich.
Glücklich.
Erheitert.
Keine Ahnung, nenn es, wie du willst.
Es geht mir gut.
Bestens sogar.
Und nicht mal die Tatsache, dass ich nur noch drei Wochen frei hab,
kann mir was anhaben.
Ich strahle von innen heraus oder so.
Jedenfalls komme ich mir so vor.
Wie mitten in der Nacht im See baden und dabei ganz laut kreischen.
Wie einfach so auf der Straße anfangen, zu singen und dazu zu tanzen.
Wie alles ist möglich.
Wie mein Leben wird sich endlich ändern und ich werde wieder dauerhaft glücklich sein.

Mag sein, dass es eine Illusion ist.
Ein Traum.
Aber weißt du was, Alexander.
Das macht nichts.
Für diesen Moment bin ich glücklich.
Und das ist alles was zählt.
Und wenn die Erinnerungen kommen - sollen sie doch.
Es ist ok, es ist alles verdammt noch mal ok.
Und auch wenn ich allein bin,
dann... Wozu gibt's die guten alten Teddys?
Und Schokolade und einen guten Film oder ein gutes Buch.

Alles ist möglich, Alexander.
Vergiss das nie.
Mit dem allerbreitesten Lächeln,

deine Rebecca.