Donnerstag, 17. Dezember 2015

Lieber Alexander.

Ja, ich bin's.
Ja, schon wieder.
Nein, nichts ist los,
alles ist gut.

Wir schreiben Donnerstag, den 17. Dezember 2015 in Vancouver, BC.
Es ist 21:21 Uhr Pacific Standard Time und nachdem Paula mich drauf gebracht hat, dieses Beethoven-Dingens von Google zu machen, höre ich jetzt die 5. Sinfonie.
Mir fallen gleich meine Augen zu, aber Alexander,
ich hab eine wichtige Frage.
Wenn Jungs in einer Situation sind,
in der sie einen küssen sollten - warum tun sie es dann nicht?
Und erzählen es stattdessen hinterher ihren Freunden,
die es mir dann um drei Ecken irgendwann später verkünden?

Versteh mich nicht falsch, Alexander,
in den meisten Situationen bin ich froh, dass ich nicht geküsst wurde -
wenn ich alle hier in Kanada zusammenzähle,
komme ich auf... Mindestens fünf Momente
in denen ich darüber nachgedacht habe,
was wäre, wenn er mich jetzt küsst.
Denn ja, das mach ich.
Wenn ich merke, dass da so was in der Luft liegt, dann denke ich darüber nach.
Ich hab nichts gegen Überraschungen, aber Überraschungen dieser Art...
Nun ja.

Eigentlich wollte ich was ganz anderes machen,
aber Alexander, ich schreib dir jetzt noch einen neuen Brief
und ich werde dir all die wundervollen oder weniger wundervollen Menschen vorstellen, die mir hier so begegnet sind - oder besser gesagt, all die Jungs, die ich hier getroffen hab.

Alles Liebe,
Deine Rebecca.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Lieber Alexander.

Ich sitze im Schneidersitz am Küchentisch,
der Victoria's Secret Lipgloss (oder das?) von heute glitzert auf meinen Lippen
und mehr oder weniger neben mir sitzt meine Gastschwester und guckt einen kitschigen Film nach dem anderen.
Es ist Nikolaus, aber abgesehen von einem mit Lichtern überladenen Wohnzimmern und Keksen im Ofen ist von Weihnachten hier nicht so viel zu spüren.

Ja, Alexander, das Drei-Monats-Heimweh hat mich.
Und so sehr ich es auch hier liebe,
und so sehr ich mir nicht vorstellen kann,
irgendwann nicht mehr mit dem Skytrain nach Downtown Vancouver zu fahren
und dann, nach Stunden in dieser glitzernden Hochhauswelt, völlig erschöpft wieder zurück zu gondeln,
als meine Freunde mich gestern Nachmittag angerufen haben,
betrunken und out of alcohol (ja, ich bin jetzt zu faul, mich daran zu erinnern, wie man das am besten auf Deutsch sagt),
weil Florian "dich totaaaaaal vermisst, Rebecca",
glaub mir Alexander,
da wurde es mir wirklich warm ums Herz.

Ich fühl mich immer noch wie ich.
Ob das jetzt gut oder schlecht ist, weiß ich nicht.
Aber jetzt gerade, um 20:40 Uhr oder 8:40 pm wie sie hier sagen,
fühl ich mich immer noch so klein wie ich mich schon immer gefühlt habe.
Ich bin bestimmt ein anderer Mensch geworden,
seit ich hier bin
und auch wenn sie hier so anders sind, als zu Hause,
irgendwie höre ich doch immer und immer wieder dieselben Geschichten,
von Vätern, die zu viel trinken,
von Kindern, die ihre Eltern nicht enttäuschen wollen,
von gebrochenen Herzen und unglücklichen Beziehungen,
nur, dass es hier noch viel viel schwieriger scheint,
wirklich glücklich zu sein.
Vielleicht irre ich mich, mit diesem Urteil,
bin vorschnell, kenne einfach nur die richtigen Leute nicht,
aber weißt du, Alexander,
seit ich hier bin, verstehe ich tumblr ganz anders.
Ich konnte mir nie vorstellen, dass all das,
was sie da schreiben, diese amerikanischen High School Teenager,
dass es wirklich so wahr ist,
ich konnte mir nicht vorstellen, dass...
Es einfach so ist.
Seit ich hier bin, weiß ich, dass es geht.
Beinah jeder, mit dem ich wirklich tiefgründigere Konversationen hatte,
hat sich beschwert, darüber, wie sehr hier alles dramatisiert wird,
wie sie hier über alles und jeden reden,
egal, was man macht.

Ich möchte lieber gar nicht wissen, was sie von mir denken, Alexander,
denn ich bin, wie gesagt, immer noch ich.
Und komischerweise bin ich hier vorwiegend mit Jungs befreundet,
womit ich kein Problem hab,
aber das bedeutet, dass ich öfter mal mit denen nach der Schule was mache
und natürlich versuche, meine Zeit gerecht aufzuteilen,
was wiederum bedeutet, dass ich jeden Tag mit jemand anderem was mache.
Nach hiesigen Kriterien gilt das vermutlich schon als schlampiges Verhalten,
aber wenn ich eine Sache hier gelernt hab,
dann, dass man diese Leute wirklich reden lassen muss - ich mein, sie kennen mich einfach nicht.
Neulich hab ich ein wirklich gutes Zitat gesehen, übersetzt ungefähr:
"Wenn du ein Problem mit mir hast, dann ruf mich an.
Wenn du meine Nummer nicht hast, kennst du mich nicht gut genug um ein Problem mit mir zu haben."

Nach kurzem Überfliegen meiner Sätze muss ich gestehen,
dass ich mich möglicherweise doch verändert habe,
meine Art, wie ich rede,
wie ich schreibe,
hat sich der Atemlosigkeit dieser Jugend angepasst,
die kaum noch Luft zu holen scheint,
und mit rotierenden Köpfen und rotierenden Herzen durch ein Leben stolpert,
über das sie schon längst die Kontrolle verloren zu haben scheint,
weil andere diktieren, wer du bist.
Ich sage "scheint", weil ich nicht hundertprozentig sicher sein kann,
dass das, was ich sehe, wirklich die kanadische Jugend ist.
Ich sage "scheint", weil ich sicher sein kann,
dass es nicht auf alle zutrifft, die hier leben.

Vielleicht ist es in Deutschland auch einfach nur so,
dass die verschiedenen Realitäten durch unsere unterschiedlichen Schultypen nicht so aufeinander prallen.
Aber hier, wo 2000 Schüler auf ein und dieselbe High School gehen,
sind die Differenzen zwischen den Popular Kids und den absoluten Losern von nahezu universalen Ausmaßen.
Hier sitzen tatsächlich das top durchgestylte Prada-Girl und der ich-lass-meine-Haare-wachsen-bis-zum-geht-nicht-mehr-und-ich-find-es-supercool-in-meine-Hosen-drei-Mal-reinzupassen - Nerd nebeneinander in einer Klasse.
Und vielleicht bin ich zu Hause in Deutschland auch in einer vollkommen realitätsfernen Welt aufgewachsen, aber so extrem hab ich das nicht erlebt.

Draußen ist Sturm, Alexander
und unten in meinem Zimmer wartet eine Gossip Girl - Folge auf mich.
Ich werde jetzt schlafen,
aber ich wünsche dir einen wundervollen Montagmorgen in Deutschland.

Ich schreibe dir.

♥ Deine Rebecca.