Ja, ich bin's noch mal, Alexander.
Das Eröffnungsspiel ist vorbei und es ist beinah Mitternacht
und ich sollte dringendst schlafen,
aber ich hab einfach mal gar keinen Bock, tralala.
Ich lag mit meinem 3:0 - Tipp für Brasilien knapp daneben
und ich hör die ganze Zeit
Coexist und irgendwie...
Keine Ahnung.
Kennst du das?
Wenn du so richtig aufgedreht bist, aber ohne Grund und du ganz genau weißt,
dass du in ungefähr fünf einhalb Stunden aufstehen musst,
weil du weder deine Kostüme eingepackt noch geduscht,
sondern einen ganzen Abend lang nur Müll gemacht hast?
Bestimmt nicht,
aber ganz ehrlich, du willst es auch nicht kennen.
Ich versuch gerade verzweifelt,
mir ein schlechtes Gewissen deswegen zu machen,
aber Alexander, dieses "I don't ca-are" will einfach nicht aus meinem Kopf raus.
Hahaha, kannst du dich noch an meine ersten Briefe an dich erinnern?
Mein Gott, was war ich da noch für ein braves Mädchen.
Da hab ich noch gesagt, ich würde niemals rauchen oder kiffen.
Niemals.
Und was haben Hannah und ich jetzt abgemacht?
Bevor sie nach Frankreich fährt, ziehen wir beide einmal.
Mindestens.
Oh ja, Alexander, shame on me.
Aber weißt du was? "I don't ca-are..."
Nächstes Schuljahr bin ich 10. Klasse.
Und Alexander, dann werd ich 16
und ich darf endlich in die ganzen Clubs
und ich darf offiziell bis 24 Uhr überall sein
und ich werd so viel machen
und oh mein Gott, meine Noten,
aber weißt du was,
ist scheißegal,
weil dann bin ich raus.
Weg.
Auf und davon.
Für 10 Monate und danach wird sowieso nichts mehr sein,
wie es war.
Es ist wirklich so, am Ende wird man zu dem Menschen, der man nie werden wollte.
Und am schlimmsten ist,
dass es einen nicht mehr berührt.
(Wobei das bei mir sicher auch durch die Müdigkeit bedingt ist, gerade.)
Wo ich wohl in einem Jahr sein werde?
Die Dinge ändern sich so schnell, Alexander
und manchmal kommt für einen kurzen Moment das kleine Mädchen in mir hervor,
das kleine Mädchen, das noch immer denselben Teddy wie seit 15 Jahren in seinem Bett liegen hat,
ja, ich.
Und dieses kleine Mädchen hat Angst,
Angst, weil die Zeit immer schneller vergeht und weil irgendwann alle die Orientierung verlieren,
in diesem Chaos und weil es nicht weiß,
ob es so tun kann, als wüsste es noch, wo's lang geht.
So wie das eigentlich alle machen.
Dieses Mädchen bin ich.
Rebecca.
Die Welt ist eine einzige Show
und Rebecca ist keine Entertainerin.
Ich bin ehrlich und ein bisschen unsicher und schweige lieber einmal zu viel.
Die traurige Wahrheit ist, Alexander,
ich habe nun niemanden mehr,
der auf mich aufpasst.
Irgendwann habe ich festgestellt,
dass Sophie und Laura die einzige noch existierende Verbindung zur Rebecca vor Mr. M waren.
Vor Mr. M war ich... ein Kind, irgendwie.
Und danach bin ich groß geworden.
Das Kind war so unbedarft, so unverbraucht.
So heil.
Soll ich ehrlich sein, Alexander?
Sophie und Laura waren immer meine Brücke zu der Erinnerung an das heile Kindchen Rebecca.
Ich hab mich gern daran erinnert.
Der Gedanke an dieses Kind,
an dessen Wünsche und Träume,
an die verdammte Leichtigkeit des Seins,
die meine ganze Kindheit ausgemacht hat und mich bis heute prägt.
Der Gedanke hat mich davor bewahrt,
Dinge zu tun.
Sophie und Laura haben mich davor bewahrt.
Die beiden waren die letzte Illusion,
die mir von meiner Kindheit geblieben ist.
Das Kind in mir hat auf die Rebecca aufgepasst,
die ich jetzt bin.
Die Rebecca, der Dinge egal sind, die nicht egal sein sollten,
die Rebecca, die sich vorgenommen hat, zu kiffen,
die Rebecca, die so sehr weint, dass es weh tut.
Die beiden haben auf mich aufgepasst.
Und ich hab nur die beiden auf mich aufpassen lassen.
Weil sie meine Illusion und meine Hoffnung waren
und weil ich, wie du weißt, für meine Illusionen lebe und sterbe.
Himmel, ich hab diese Illusion geliebt.
Und meine besten Freundinnen, Alexander,
Laura und Sophie,
diese wunderbaren, unschuldigen Engel auf Erden,
ich hab sie geliebt.
Vielleicht wird das hier jetzt der Nachruf auf die beiden wunderbarsten Menschen,
die mein Leben bis zum Winter noch zu bieten hatte
und dann ist der Grammatik-Test morgen auch egal und die Uhrzeit und überhaupt,
dass ich jetzt bei James Blunt Tränen in den Augen habe.
Ich bin frei, Alexander,
hörst du wie mein Herz das in die Nacht schreit?
ICH BIN FREI, VERDAMMT!
Frei.
Frei. Frei.
Frei. Frei. Frei.
Ich muss mich für mein Gewissen vor keinem einzigen Menschen dieser Erde mehr rechtfertigen.
Ich kann tun und lassen, was ich will.
Ich kann nachts durch die Straßen tanzen und ich kann trinken und ich kann die Leute küssen,
die ich will und es kann mir egal sein, was andere von mir denken,
es kann mir alles so egal sein,
weil ich weiß, dass wer zuletzt lacht sowieso am besten lacht.
Aber, Alexander.
Hörst du die Hysterie in diesem Lachen,
die leise Verzweiflung?
Die immer lauter wird und lauter und lauter und lauter.
Und dann ist da Stille.
Tränen sind nie laut.
Und das Flüstern, der Preis ist zu hoch, der Preis ist viel zu hoch.
Wie die Tauben in Aschenputtel, als den Schwestern der Schuh nicht passt.
Rucke-di-gu, rucke-di-gu, Blut ist im Schuh, Blut ist im Schuh,
der Schuh ist zu klein, der Schuh ist zu klein,
die rechte Braut sitzt noch daheim.
Ich kann das alles noch, Alexander,
mein Opa hat uns immer die Märchen vorgelesen.
Ich will wieder ein Kind sein.
Der Preis ist zu hoch, der Preis ist zu hoch.
Ich will doch keinen Spaß auf den ersten Blick,
Freiheit für meine Nächte
und legal Alkohol kaufen dürfen.
Was soll ich damit, wenn mich am Ende doch die bittere Erkenntnis einholt,
dass ich für all den Spaß, den ich von nun an haben werde,
das Glück meiner Kindheit eingebüßt habe?
Schon vor einem Jahr hab ich dir prophezeit,
dass ich nie wieder glücklicher sein werde,
als ich es in der 6. Klasse war,
kurz bevor Mr. M aufgetaucht ist.
Und Alexander, ausnahmsweise hatte ich mal Recht.
Das glücklichste Glück liegt in der Unbeschwertheit der Kindheit.
Das Glück, das über eine Wiese springt
und versucht, einen Schmetterling zu fangen
und dann verzückt vor einer Mohnblume kauert,
weil Rot eine so faszinierende Farbe ist.
Und vor all jenen, denen nicht einmal dieses Glück gewehrt wurde,
ziehe ich hier meinen Hut.
Dir, Alexander, habe ich mein Schweigen in drei Punkten schon einmal erklärt,
relativ am Anfang.
In Worten kann ich nicht ausdrücken, wie unvorstellbar ein Leben für mich ist,
in dem es niemals dieses glücklichste Glück gegeben hat.
...
Die Wahrheit ist, Alexander,
dass zwischen Spaß und Glück ein großer Unterschied besteht.
Und dass ich zwar viel Spaß hatte, in letzter Zeit,
aber schon lange nicht mehr glücklich war.
Die Wahrheit ist,
dass ich mir wünsche,
noch einmal über eine Wiese hinter einem Schmetterling her hopsen zu können,
ohne an ein Morgen zu denken,
daran, was die anderen wohl von mir halten,
oder an überhaupt irgendwas zu denken.
Und noch viel wahrer als all das ist,
dass man die Vergangenheit nicht wiederholen kann.
You can't repeat the past, sagt Nick Carraway zu Jay Gatsby
und ja, ich verehre dieses Buch,
unter anderem wegen dieser Weisheit.
Sophie und Laura waren meine Erinnerung an die Wiese und den Schmetterling und den roten Klatschmohn.
Diese Erinnerungen waren das Schönste, was ich hatte,
sie waren das Glücklichste, Unbeschwerteste, Beste.
Und sie waren die Besten.
Sophie und Laura waren die Besten.
Und sie fehlen mir schrecklich.
Wenn du nicht mehr das Gefühl hast,
dass da eine Hand ist, nach der du im Notfall in der Dunkelheit greifen könntest,
wenn der Film zu gruselig ist,
dann...
Sie waren meine Hand, Alexander.
Und ich hätte immer nach ihr greifen können,
egal wie viel Popcorn ich vorher ganz allein aufgegessen hätte.
Der Punkt ist ja, dass überall in der Dunkelheit lauter Hände sind.
Es ist nicht so, dass es keine Hände gibt.
Aber es ist etwas anderes, eine Hand neben sich zu wissen,
die deine auch wirklich festhalten wird.
Und es erfordert so viel Mut, einfach seine Hand auszustrecken und in die Dunkelheit zu greifen.
So viel Vertrauen.
Du weißt in dieser Welt nie,
wer in der anderen Hand ein Messer bereit hält.
Also lass ich meine Hände lieber schön bei mir
und fühl mich in Nächten wie diesen ein bisschen allein.
Ich möchte mich bei denjenigen entschuldigen,
die immer für mich da sind, Alexander,
denn diese Worte sind ihnen gegenüber nicht fair.
Aber ich denke jeder hier weiß,
dass es eine gewisse Einsamkeit auf dieser Welt gibt,
die einem niemand nehmen kann,
absolut niemand.
Jeder will groß werden,
aber niemand von uns hat vorher gewusst,
dass jeder große Mensch
auf seine eigene Art einsam ist
und eine Hand immer bei sich behält,
weil das Leben ihn gelehrt,
dass es kein vollkommenes, immerwährendes Glück gibt,
so wie es ihm seine Kindheitsträume vorgegaukelt haben.
Und deswegen fühlt sich jeder ein bisschen einsam.
So wie ich jetzt.
Ein bisschen nur, ein kleines bisschen.
Aber einsam ist einsam.
Und das ist okay.
Es ist nicht schön, aber schlimm ist es auch nicht.
Es ist normal.
Ich schätze,
es ist "groß sein".
Es ist mittlerweile 01:14 Uhr, Alexander
und vor anderthalb Stunden war ich ein aufgedrehter Clown und jetzt bin ich bloß ich,
ernüchtert von meinen eigenen Gedanken.
Das passiert auch echt immer nur beim Schreiben,
aber gerade das mag ich ja auch daran.
Ich werde Spaß haben, nächstes Schuljahr und heute Abend und immer,
Alexander, mach dir keine Sorgen.
Ich werde lachen, so viel, so laut, so ehrlich.
Und es wird mir gut gehen.
Aber ich werde nicht glücklich sein.
In dieser Welt ist niemand so glücklich wie er zu sein scheint,
und die meisten sind überhaupt nicht glücklich.
But the show must go on.
In diesem Sinne, Alexander,
drück mir die Daumen,
dass ich mit vier Stunden Schlaf mindestens bis heute Abend um 11 durchhalte.
Ich meld mich bald wieder.
♥ Deine Rebecca.