Mittwoch, 30. April 2014


"Ich weiß, das kommt jetzt voll komisch, aber ich wollte mich noch mal für das heute Mittag entschuldigen. Und zwar nicht nur im speziellen für die Aktion, die einfach mal total albern und vor allem auch unnötig von mir war, sondern auch im Allgemeinen. Ich weiß nicht, was du gerade machst und ob ich dich bei was wichtigem störe, ich hoffe nicht. Beziehungsweise, ich kann dir schon jetzt sagen, dass ich feige genug sein werde, um das hier erst abzuschicken, wenn ich denke, dass du schon schläfst. Weil ich nicht weiß, wie du reagierst und ob diese Nachricht nicht vielleicht alles nur noch schlimmer macht. 
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass du die Situation, so wie sie bei uns momentan ist, gut findest. Zumindest bin ich, so wie es jetzt gerade zwischen uns ist, nicht glücklich. Wie schon gesagt, du kannst das auch anders sehen, aber ich hab das Gefühl, dass wir uns einfach nur verrannt haben. Du vertraust mir nicht mehr und willst es wahrscheinlich auch gar nicht mehr, verständlich, nach allem, was ich mir in den letzten Wochen so geleistet habe. Schon allein dein bzw. euer Vertrauensentzug hat mich... Naja, keine Ahnung, schon irgendwie verletzt, ich mein, du warst immer meine beste Freundin und ganz ehrlich, was ist eine Freundschaft schon ohne Vertrauen? 
Du musst wissen, an dieser Stelle hab ich lange nachgedacht. Denn der Punkt ist ja, wenn das Grundvertrauen erstmal weg ist, ist nicht mehr viel zu machen. Das ist eine Erfahrung, die ich im Laufe der Jahre gemacht habe und die sich immer wieder auf's Neue bestätigt. Ich glaub, du kannst dir nicht vorstellen, wie ich hier gerade sitze, Musik laut aufgedreht, Kopf an der Wand, Augen zu. Darüber nachzudenken, wie wir uns und unsere Freundschaft verändert haben, tut weh. Naiv, wie ich bin, hab ich nie auch nur in Erwägung gezogen, dass so etwas mal passieren könnte. Geschweige denn weiter darüber nachgedacht, wie es dann weitergehen würde. Und jetzt...
Es tut mir Leid, dass das alles hier so durcheinander geht, ich hoffe mal,
 du kannst dem hier halbwegs folgen. Ich schreib hier nämlich einfach und meine Gedanken springen hin und her. Ich geb mir Mühe. 
Weißt du, nicht nur ihr habt euer Vertrauen verloren, sondern ich auch meins. Nicht nur in euch. Sondern gleich in alle. Das klingt absurd und unmöglich und wahrscheinlich hab ich mich da auch einfach nur total reingesteigert, ich weiß es nicht. Aber ich erzähl niemandem mehr irgendwas. Dass sich unsere Freunschaft verändert hat, weiß nur Hannah in Ansätzen und die fängt auch eher die Folgen der Veränderung für mich ab, wenn ich wieder einen richtig schlechten Tag habe. Obwohl diese... Keine Ahnung, ich nenn's jetzt einfach mal Veränderung, weil es kein richtiger Streit ist, jedenfalls diese Veränderung ist das, was mich, seitdem ich es weiß, am meisten beschäftigt. Immer. 
Weißt du, wenn mich Dinge wirklich von in mir drin treffen und verändern, dann kann ich darüber nicht nachdenken, auch wenn ich das gern will. Das war bisher erst 2 Mal in meinem Leben so, einmal, als die Sache mit Mr M. und Luise war und dann noch als ich das mit meinen Eltern mitbekommen hab. Ich kann einfach nicht drüber nachdenken, egal, wie nötig es wäre und wie sehr ich es will. Und ich kann auch nicht drüber reden. Ich mein, das sich meine Eltern nicht verstehen, hab ich euch glaub ich erst ein halbes Jahr später erzählt oder so. 
Naja, zurück zum Thema. Wie schon gesagt habe ich bisher außer mit Hannah mit niemandem darüber geredet, wie wir uns verändert haben. Ganz einfach, weil ich nicht gewusst hätte, wo ich anfangen soll. Mit meiner eigenen Schuld? Damit, was diese Veränderungen für unsere Freundschaft bedeuten? Oder vielleicht doch, was all das mit mir gemacht? Um ehrlich zu sein, anfangs wollte ich auch mit niemandem darüber reden. Ich weiß nicht, aber kennst du das, wenn irgendwas erst dann real wird, wenn du es vor jemandem laut aussprichst oder aufschreibst? Bei mir ist es jedenfalls immer so, sicherlich ein weiterer Grund, warum ich über die wirklich wichtigen Dinge nicht gern rede. Und das, obwohl mich einige Leute gefragt haben, was los ist, nachdem so langsam die Folgen der Veränderung bei mir angekommen sind. Ich bin jemand, der alles zuerst mit sich selbst klärt, bevor er zu anderen geht. Bei kleinen, unwichtigen Dingen geht das meistens schnell, aber in unserem Fall... 
Um ehrlich zu sein, weiß ich auch jetzt noch nicht, was genau unsere Veränderung für mich bedeutet, ich mein, ich kann sagen, wie ich mich fühle und alles, aber von irgendwas endgültigem bin ich weit entfernt, zumal ich das kaum allein für mich entscheiden könnte, weil du da ja immer noch mit drin hängst und Sophie auch. 
Ach man scheiße, es tut mir Leid, das ist bestimmt ein einziges Chaos hier und du verstehst kein bisschen, was ich eigentlich meine -.-
Bisher hab ich ja auch nur um den heißen Brei herumgeredet. Du musst wissen, jetzt ist es kurz vor 11 und das, was mich vorhin dazu gebracht hat, diese Nachricht anzufangen, hat sich mittlerweile vollkommen verflüchtigt. Jetzt hab ich einfach nur noch Angst, das hier abzuschicken. Ich hab Angst, dass du mich missverstehst. Denn das letzte, was ich mit dieser Nachricht erreichen will, ist eine weitere Entfernung von uns beiden. 
Ich will... Ich will nicht, dass unsere Freundschaft einfach so irgendwann aufgehört hat, verstehst du? Wir waren so lange Zeit befreundet, das kann nicht alles für umsonst gewesen sein. Ich hab hinter deinem Namen ein <3 stehen, und zwar, weil ich dich mag. Weil du mir unendlich wichtig bist und weil ich dich eigentlich niemals verlieren wollte. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, aber für mich fühlt es sich so an, als hätte ich dich schon verloren. Ich will das nicht. Ich will dich nicht verlieren. Ich kann mir mein scheiß Leben einfach nicht ohne dich vorstellen und ich will das auch gar nicht. Ich brauch dich. Und glaub mir, wenn ich könnte, würde ich alles ungeschehen machen, was ich bisher so an Scheiße gemacht hab. Es war keine Absicht, niemals. Unwissenheit, später auch Unsicherheit, ja. Aber ich wollte niemals, dass es so weit kommt. 
Du warst für mich neben Sophie die einzige Grundfeste im Leben, unerschütterlich. Irgendwann hab ich Mr. M auch mal dazugezählt, ganz ganz früher. Damals in der 7. Klasse wart ihr drei meine Säulen. Ich hab meine Welt immer in einen inneren und einen äußeren Kreis eingeteilt und in diesem inneren Kreis wart immer nur ihr drei. Einfach, weil ihr von Anfang an dabei wart. Und in diesem Kreis seid ihr noch heute. Und niemand sonst außer euch. Auch nachdem Mr M. und ich uns so auseinander gelebt haben. Es klingt bestimmt total abgedreht, aber ich würde ihm noch immer auf der Stelle vertrauen, auch wenn wir seit Ewigkeiten nichts mehr miteinander zutun gehabt haben. Das ist dieses kranke, unverbesserliche Grundvertrauen, genau dasselbe Vertrauen, das ich auch in dich und in Sophie hatte und das sich niemals ändern wird, was auch immer passiert. 
Obwohl Mr M. mich damals eines besseren belehrt hat, habe ich, wie schon gesagt, nicht auch nur einen Gedanken daran verschwendet, dass ich dich, euch, eines Tages verlieren könnte, so wie ich damals Mr. M verloren habe. Und ganz zu Anfang, kurz nachdem wir darüber geredet haben, war ich auch noch der festen Überzeugung, dass wir das schon irgendwie hinkriegen würden. Wie genau wusste ich nicht, aber ich hab einfach dran geglaubt. Allein schon, weil ohne euch beide meine Welt ein zweites Mal komplett aus den Fugen geraten würde. 
Ihr beide seid mein Fundament, du und Sophie. Wer ich ohne euch sein würde, will ich lieber gar nicht wissen. Es gibt niemandem, dem ich so vertraue, wie euch beiden. Auch wenn es mittlerweile Menschen gibt, die mein inneres besser kennen, als du und als Sophie, niemand weiß so gut über mich im allgemeinen Bescheid, wie ihr beide. All das hat mir die Gewissheit gegeben, dass wir das irgendwie hinbekommen würden. Und Laura, ich glaube da noch immer dran. Dass wir das irgendwie hinkriegen. Mag sein, dass es nur eine Illusion ist, aber weißt du was, ich komme im Endeffekt irgendwie immer an diesen Punkt, an dem ich alles bis dahin gewesene hinterfrage und zu dem Schluss komme, dass eigentlich mein ganzes Leben nur auf Illusionen beruht. Eine mehr oder weniger macht da dann auch nichts mehr aus. 
Naja, ich schweife ab. Weißt du, das, was ich dir eigentlich schreiben wollte, habe ich noch immer nicht gesagt. Ich hab kein Problem damit, zuzugeben, dass ich oft das Gefühl habe, dass du mich einfach nur noch hasst. Wahrscheinlich interpretiere ich in viele deiner Gesten einfach nur zu viel rein und es ist eigentlich einfach "nur" Unverständnis von deiner Seite aus, wie man so bescheuert sein kann, wie ich. Aber Laura, mir kommt es so vor, als würdest du dir wünschen, ich wäre in diesem Augenblick nicht da. Dass dieses Gefühl nicht angenehm ist, steht denk ich außer Frage. Aber es ist noch nicht mal das schlimmste an allem. Ich... Ich hatte mir, bis zu den Winterferien eingebildet, ein einigermaßen okayes Leben zu führen (ich weiß, das Wort gibts nicht, aber es trifft einfach zu). Und als sich dann herausgestellt hat, dass ich mich doch in einigen vielen Punkten nicht korrekt verhalten habe, was außer Frage steht, habe ich begonnen, zu zweifeln. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, aber ich habe angefangen, alles zu hinterfragen. Am meisten mich selbst. 
Ich hab nicht nächtelang dagesessen und über meine Fehler nachgedacht, nein, die offensichtlichen Dinge hatte ich relativ schnell abgehakt. Aber in meinem Unterbewusstsein hat es gearbeitet. Und ich konnte nichts dagegen machen. Zumindest hat es sich so angefühlt. Ich war so ohnmächtig. Meine Welt, von der ich bis dahin geglaubt hatte,sie wäre okay, ist nach und nach in sich zusammengestürzt, weil mir im Unterbewusstsein schon in dem Moment in dem ihr so betont habt, dass ihr mir nicht mehr vertraut und einfach nicht mehr glauben könnt, klar geworden ist, dass ich euch verloren habe. Dich und Sophie. Meine Säulen. Klar, dass der Rest dann zwangsläufig einstürzt. Den Großteil, der mein Leben ausmacht, hat auf euch aufgebaut. Das weiß ich schon seit der 7. Klasse, ich habs bloß, weil keine Notwendigkeit bestand, immer schön in den Hintergrund gedrängt. Ich hab dieses Welt einstürzen, so dramatisch es klingen mag, ja schon mal erlebt, bei Mr. M und irgendwie war mir klar, dass diese Veränderung ein Déjà-vu sein würde. 
Ich hab geahnt, dass es ähnlich ablaufen würde, wie beim letzten Mal, aber dadurch, dass ich ja dieses Mal wusste, wie es funktioniert, so dachte ich jedenfalls, hatte ich mir vorgenommen, mich nicht unterkriegen zu lassen von der Veränderung. Ich weiß nicht, ob du dich noch dran erinnern kannst, wie ich in Physik zu dir gesagt habe, dass ich mich nicht verändern will. Und du kannst mir glauben, das wollte ich wirklich nicht. Aber Laura, gegen dieses Hinterfragen bin ich machtlos. Es passiert einfach. Und es verändert mich. Und dann habe ich auf einmal Dinge persönlicher genommen. Ich hab mich andauernd gefühlt wie bestellt und nicht abgeholt. Drei sind einer zu viel und in diesem Fall hat es dann tatsächlich doch gestimmt. Ich meine, dass Sophie und du euch sowieso besser verstanden habt, als mit mir, ist klar, ihr habt schließlich das Vertrauen ineinander nicht verloren. Aber dann hatte ich immer öfter das Gefühl, durch meine bloße Anwesenheit einfach nur zu stören. Und das wollte ich nicht. Also bin ich lieber einmal allein zum Schließfach gegangen und hab Sophies Sachen mitgenommen. Bin morgens einfach vorgefahren, mit dem Fahrrad. Ich wollte euch nicht nerven. Und gleichzeitig hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, ihr würdet, während ich weg war, über mich lästern. 
Klingt paranoid und das ist es sicherlich auch. Aber ich hab es so empfunden. Ich wollte euch in gewisser Weise Freiraum geben, den Abstand, den ihr bestimmt zu mir wolltet und gleichzeitig habe ich diesen wie nichts sonst gefürchtet. Wenn es etwas gibt, was mich so richtig verunsichtert, dann das Gefühl, dass hinter meinem Rücken geredet wird. Und wie mich das verunsichert hat. Ich hab wieder angefangen, mich innerlich für alles, absolut alles zu rechtfertigen, was ich gemacht habe. Auf sehr erbärmliche Art und Weise sicherlich. 
Ich hab angefangen, wirklich dumme Dinge zu machen - so wie heute den Kram mit meiner Party. Aus purer Unsicherheit. Was keiner weiß: Ich habe zwischenzeitlich zu Hannah gesagt, dass ich die Party nicht feiern kann und will. Ich hätte vor versammelter Mannschaft die gut gelaunte Gastgeberin spielen müssen. Hätte so tun müssen, als wäre alles in Ordnung. Aber mein Gefühl hat genau das Gegenteil gesagt. Und du weißt, wie schlecht ich lügen kann. Ich wollte das einfach nicht, so tun als ob. Wenn das mein Geburtstag ist, hab ich zu Hannah gesagt, dann will ich den auch ehrlich und glücklich feiern. Sie war so dermaßen enttäuscht, dass ich ein unglaublich schlechtes Gewissen hatte und letztlich hat sie mich dann überredet, doch zu feiern, bevor wir wussten, dass meine Mutter was dagegen hat, blabla. Aber das nur nebenbei. 
Ähm, ja, zurück zum Thema...
Ihr hattet mir versichert, dass dieses Gespräch nicht das Ende unserer Freundschaft bedeuten sollte, aber manchmal hat es sich so angefühlt. Und irgendwie habe ich so auch das Vertrauen in eure Worte verloren. Und nicht nur in euch. Gustav zum Beispiel, den ich eigentlich schon als Freund bezeichnen würde, habe ich plötzlich total misstraut. Ohne ersichtlichen Grund. Aber ich hab ihm einfach nichts mehr erzählt. In unserer Klasse, in der ich mich eigentlich immer wohl gefühlt habe, kam ich mir plötzlich vor wie eine Fremde. Es mag lächerlich klingen, aber Laura, ich hatte in den letzten Wochen teilweise solche Angst überhaupt in die Schule zu gehen. Ich bin durch Schwerin gelaufen und alles, was ich denken konnte war, dass mich jetzt nichts mehr hier hält. Mit euch hab ich mein Zuhause verloren. 
Auch das klingt vielleicht übertrieben. Aber es hat sich genauso angefühlt. Ich wollte einfach nur noch weg. Die ganze Situation hat mich so unglaublich fertig gemacht und ich hab nur 2 Möglichkeiten gesehen, da raus zu kommen: euch die Freundschaft komplett zu kündigen, weil ich diese halbe Sache einfach nicht mehr ausgehalten habe oder einfach abzuhauen. Lach ruhig, Laura. Ich war so unglaublich verzweifelt. Denn ein Ende unserer Freundschaft? Für mich unvorstellbar. Nicht einfach so, ohne, dass ich wenigstens richtig drum gekämpft habe. Außerdem wären die Folgen unabsehbar gewesen. Ganz allein über den Schulhof und das immer. So hab ich mir das ausgemalt und die größte Angst hab ich immer noch davor, komplett allein zu sein. 
Und außerdem waren ja nicht alle Tage schlimm, es gab oft genug Momente in denen ich gedacht hab, dass ja doch alles wieder in Ordnung kommt. Es hat sich immer schön abgewechselt und ich muss dazu auch sagen, dass sich der größte Horror wohl in meinem Kopf abgespielt hat und es sich alles viel schlimmer angefühlt hat, als es war. Aber ich kann das nicht beurteilen, weil ich nur meine, von meinen Gefühlen manipulierte Sicht der Dinge kenne. Gilt übrigens für alles, was ich bis hierhin geschrieben hab: es ist nur so, wie es mir vorgekommen ist. 
Ich will dir damit auch keine Vorwürfe machen - du hast, genau wie Sophie, nur auf meinen Mist reagiert. An der Misere, so wie sie jetzt ist, ist niemand außer mir selbst Schuld und das weiß ich auch. Alles, was ich mit diesem Text erreichen wollte, war, dir zu erklären, warum ich so bin, wie ich bin. Zumindest hab ich es ansatzweise versucht. Wenn du die Zusammenhänge nicht verstehst und so... Zur Not musst du einfach noch mal fragen. 
Ich bin nämlich im Grunde genommen derselben Meinung wie du - wir müssen mehr reden. Ehrlichkeit ist das Einzige, was das Vertrauen wieder herstellen und unsere Freundschaft retten kann, ich sag es jetzt mal so ganz lapidar. Warum ich dann erst jetzt ehrlich bin? Einerseits war mir vieles selbst lange Zeit nicht klar, und wie soll man etwas erklären, wenn man selbst nicht durchblickt? Andererseits schließt dieser Text auch die Möglichkeit mit ein, dass wir zu der Erkenntnis kommen, dass unsere Freundschaft nicht mehr zu retten ist. Und Laura, du kannst mir glauben, davor hatte ich Angst. So große, dass ich mich nicht getraut habe, bestimmte Dinge laut auszusprechen. Bis jetzt. Wie du mit dem, was ich dir gleich schic"

00:43 Uhr, 01. Mai 2014 

"So, sorry, da war die Nachricht zu Ende"

00:43 Uhr, 01. Mai 2014

"Also, was ich noch schreiben wollte: wie du damit jetzt umgehst, ist deine Sache, ich hab darauf keinen Einfluss"

00:44 Uhr, 01. Mai 2014


"Aber ich möchte, dass du eins weißt: 
Ich liebe dich. Und das tue ich wirklich. Und ich hoffe das Beste."

00:45 Uhr, 01. Mai 2014

"P.S.: Ich wette mit dir, dass ich mich morgen vor lauter Angst auf deine Antwort nicht traue, auch nur auf mein Handy zu schauen."

00:46 Uhr, 01. Mai 2014

Diese SMS habe ich vorhin an Laura geschickt, Alexander.
Ich weiß nicht, ob sie sie so versteht, wie ich sie gemeint habe.
Ich hoffe einfach mal das Beste, wie schon gesagt.
Zu verlieren hab ich nichts mehr.
Eigentlich kann es nur noch besser werden, oder?
Drück mir die Daumen, heute kann ich's wirklich gebrauchen.
Schönen ersten Mai wünsch ich dir,
genieß das Wetter! 

♥ Deine Rebecca.

Montag, 28. April 2014

Lieber Alexander.

Ich hatte ein großartiges Wochenende, das sich, dank meiner übervorsichtigen Eltern,
sogar noch bis auf den heutigen Tag ausgedehnt hat.
Sophie, Laura und ich haben zusammen mit zwei Jungs aus unserer Klasse, Carlos und Felix,
an einem Medienprojekt zum Thema Film mitgemacht 
und es war echt interessant, 
vor allem weil ich zum Beispiel noch nie vorher einen "richtigen" Film gedreht und geschnitten hatte und dementsprechend viel Neues gelernt habe.
Wir hatten ein Thema ("Mädchen und Jungen passen nicht zusammen", ja, sehr einfallsreich, aber es war eigentlich echt spannend, sich mal damit auseinanderzusetzen) und leider nur einen Tag, um die Idee zu erarbeiten, zu drehen UND zu schneiden.
Dass im Endeffekt dann doch ein beinah 10 - minütiger Film dabei rausgekommen ist, 
hat uns dann gestern Morgen um vier,
als wir endlich den Abspann fertig hatten,
doch mit Stolz erfüllt.

Es war fast schade, dass wir so sehr an unser Projekt gebunden waren,
da wir ungefähr 5 Minuten vom Meer entfernt in einem Ferienhof untergebracht waren
und das Wetter die ganze Zeit über einfach nur grandios gewesen ist.
Außerdem haben wir gefühlt die Hälfte der Zeit im Zug verbracht,
wobei das schon wieder sehr sehr lustig war,
weil wir uns alle echt gut verstehen.
Kein Wunder, Laura, Felix und ich waren in einem Kindergarten,
in der Grundschule waren Carlos und Felix für Laura und mich die Idioten aus der Parallelklasse
und seit der 5. sind wir alle zusammen in einer Klasse und gehen uns gegenseitig auf den Geist, haha.

Oh man, Alexander, jetzt hab ich bis hierhin geschrieben
und bin eigentlich in einer ganz anderen Stimmung und wollte dir was ganz anderes erzählen.
Naja, ist jetzt egal.

Pass auf dich auf!

♥ Deine Rebecca.

Donnerstag, 24. April 2014

Lieber Alexander.

In den letzten Wochen hatte ich Angst.
Angst vor der Zukunft.
Angst davor, nicht mit dem fertig zu werden,
was auf mich zu kommen würde.
Diese Angst hat mich gelähmt,
sie hat mich ohnmächtig werden lassen
und ich habe mir selbst dabei zu sehen müssen,
wie ich immer weiter in einen Strudel Verzweiflung gerissen wurde,
ohne auch nur irgendetwas dagegen tun zu können - zumindest schien es mir so.
Aber wie du sicher weißt aus meinen zahlreichen Briefen weißt,
in denen ich vor Hoffnung nur so gestrahlt habe,
bin ich eine unverbesserliche Optimistin.
Irgendwann komme ich immer an den Punkt,
an dem ich quasi aus meiner Ohnmacht "erwache".
Nicht sofort endgültig,
aber von da an geht es, wenn auch mit kleineren oder größeren Rückschlägen,
wieder aufwärts.

Mit Julius, dem Freund von Hannah,
führe ich gerade eine Diskussion darüber,
ob Optimismus eine Veranlagung oder eher ein Grundsatz und eine Lebenseinstellung ist,
wobei er die Ansicht vertritt, man könne sich Optimismus quasi vornehmen (ich hoffe, ihn da jetzt nicht falsch zu verstehen) während ich der Meinung bin, dass man es sich nur bis zu einem gewissen Grade aussuchen kann, wie optimistisch man ist.
Ich will das jetzt hier nicht weiter ausführen,
aber ich finde generell die Überlegung interessant,
inwiefern der Charakter und das Verhalten eines Menschen beeinflussbar ist,
oder ob ein innerer Trieb oder so was wie ein Urgefühl
die Eigenschaften eines Menschen bestimmt.

Es ist jetzt 00:57 Uhr, Alexander
und in genau fünf Stunden wird mein Wecker klingeln
und mir graut es schon jetzt davor,
obwohl dann schon beinah Wochenende ist.
Ich hoffe, du kannst diesen Tag etwas entspannter angehen, als ich.

Mach's gut und pass auf dich auf!

♥ Deine Rebecca.

Sonntag, 20. April 2014

Alexander.

Kennst du diese Nächte, in denen alles möglich scheint?
Diese Nächte, in denen dich eine unbestimmte Sehnsucht erfüllt.
Eine Sehnsucht, so groß, so unendlich.
Für immer unerfüllt.
Eine gewisse Schwermütigkeit,
Melancholie.

Die Illusion, in diesen wenigen Stunden
die großen Fragen des Lebens
endgültig ergründen zu können.

In diesen Nächten werden Lebensentwürfe geboren.
Träume.
Ideale.
Zumindest fühlt es sich so an.

Die Absurdität dieser Welt
wird umso deutlicher,
je weiter der Zeiger Richtung Dämmerung vorrückt.

Gibt es Hoffnung?
Ich wage, es zu bezweifeln,
Alexander.

Aber, Alexander,
gleichzeitig ist es doch die Hoffnung
auf eine bessere Welt,
die den Wahnsinn überhaupt erträglich macht.

Letzten Endes ist die einzige Absolution,
der wir uns sicher sein können,
der Tod.

Was kann uns retten?
Gibt es einen Ausweg, Alexander?

Wie überlebt man die Abstraktheit des Seins?

Die Fragen werden zu groß für mich,
heute Nacht, Alexander.
Und es gibt Menschen,
die schon lange Zeit vor mir Antworten gefunden haben.

Die klare Nachtluft ist so unglaublich beruhigend.
Die Aussicht, in 5 Stunden schon wieder aufstehen zu müssen, weniger.
Ich werde an dieser Stelle Schluss machen,
Alexander.

Das Leben ist großartig, vergiss das nicht.
Und der Sommer kommt.
Und das Licht.
Es wird besser werden.
Ich glaube daran.

♥ Deine Rebecca.


Mittwoch, 16. April 2014

Guten Morgen, Alexander.

Oder, sollte ich besser guten Tag sagen?
Nein... weißt du was, ich hab Ferien und alles vor 12 Uhr ist für mich morgens,
da kannst du machen, was du willst.

Bisher ist noch nicht viel spannendes passiert,
außer dass ich Migräne hatte - ja, nach anderthalb Jahren mal wieder und dann ausgerechnet in den Ferien -
und deswegen den Filmabend mit Gustav absagen musste.
Er war traurig deswegen, ich eher erleichtert.
Wir beide sind wirklich gute Freunde, keine Frage,
aber Sophie deutet hin und wieder mal Dinge an, die in eine andere Richtung gehen.
Und da kann ich beteuern, wie ich will, dass da nichts ist,
sicher weiß ich es nicht.
Und nachdem er mich gefragt hatte, ob ich bei ihm übernachten will
und ich mich da nicht richtig klar positioniert hab,
weil ich einerseits auch gehofft hatte,
mit ihm vielleicht mal in Ruhe wegen der ganzen Laura - Sophie - ich - Sache reden zu können,
waren meine Kopfschmerzen DIE Entschuldigung für,
sauber aus der Sache rauszukommen.

Für solche Situationen hatte ich noch nie ein glückliches Händchen.
Ich weiß nicht, ob du dich noch an diesen Jungen erinnerst,
der mich in den Sommerferien einfach so geküsst hat.
Der hieß Ben, wohnt ungefähr zweieinhalb Stunden von hier entfernt
und hat mich dann tatsächlich noch mal für ein ganzes Wochenende besucht - ausgerechnet das Wochenende,
an dem ich letztendlich mit David zusammengekommen bin.
Ich hab's nicht über's Herz gebracht, Ben abzusagen,
vor allem, weil er sich schon so sehr gefreut hat, mich zu sehen.
Gleichzeitig wollte David unbedingt jede freie Minute mit mir verbringen.
Denn ja, auch wenn es im Nachhinein sicherlich anders klingt,
aber anfangs war er ziemlich verrückt nach mir.
Das war echt kompliziert und im Endeffekt hab ich mich auch da irgendwie durchgehangelt,
allerdings nicht ohne mir im Nachhinein eine Predigt von meinen Eltern anhören zu müssen.

Für diese Ferien steht bei mir eigentlich nichts weiter an,
ich hab mir (wie immer) eine Menge Dinge vorgenommen,
wie zum Beispiel endlich mal die passende Austauschorganisation für mein Jahr nach Kanada zu finden,
mich dann nach Stipendien umzusehen,
Termine für einen Tanzkurs festzulegen, mein Fahrrad zu putzen...
All sowas eben, wozu ich sonst nie komme,
weil ich keine Lust hab.
Und ich muss gestehen, bisher hab ich noch nichts davon auch nur in Gedanken angefangen.
Stattdessen sitz ich auf meinem Sofa und gucke eine Folge "Pretty Little Liars" nach der anderen.
Und das, obwohl draußen die Sonne scheint.
Hachje, Alexander, was soll nur aus mir werden?

Zum Glück bin ich für Freitag mit Sophie und Laura übernachtet,
bis dahin muss ich mich dann mal aufgerappelt haben.
Wir wollen zusammen in die Kirche gehen (um unserem christlichen Glauben ein bisschen gerecht zu werden)
und dann Fotos machen, "Stolz und Vorurteil" gucken, weil wir diesen Film alle drei vergöttern
und am Samstag dann noch ins China-Japan-Restaurant bei Laura um die Ecke gehen.
Ich muss ehrlich sagen, Alexander,
ich bin mir nicht sicher, ob ich mich darauf freuen soll, oder nicht.
Es kann richtig gut werden.
Es kann aber auch richtig scheiße werden.
Ich hab wirklich ein bisschen Bammel davor.
Aber man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.
Und mit einem Lächeln auf den Lippen und ein bisschen Selbstvertrauen müsste es doch eigentlich klappen, oder?
So eine Freundschaft wirft man nicht einfach weg, das war mein Mantra in den letzten Wochen.
Ich hoffe, sie denken dasselbe.

Mit besten Grüßen von der strahlenden Sonne
(und der letzten Folge "Pretty Little Liars" für heute)
drück ich dich ganz fest, Alexander.
Pass auf dich auf und genieß den Frühling.

♥ Deine Rebecca.



Sonntag, 6. April 2014

Alexander.
Hätte ich dir diese Woche geschrieben,
wären sicherlich ein paar sehr traurige Briefe dabei rausgekommen.
Es sind ein paar Dinge passiert,
die keiner der Beteiligten so gewollt hat,
ich am allerwenigsten,
aber sie haben mich verändert,
ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.

Du musst wissen, ich unterteile meine Welt
in einen inneren
und einen äußeren Teil.
Außen sind eigentlich alle meine Bekannten
und auch der Großteil meiner Freunde,
im Prinzip 97 % der Leute,
mit denen ich so zutun hab.
Innen sind nur meine Familie,
Sophie und Laura
und Mr. M - naja, zumindest war der das mal.
Und weißt du, Alexander,
ich kann mit allem umgehen,
solange es von "außen" kommt
- ob das jetzt Stress ist,
Krankheit, dumme Kommentare von irgendwem...
Aber sobald etwas von "innen" kommt...

Diejenigen, die in meinem inneren Kreis zu finden sind,
habe ich vor knapp zwei Jahren
(ich war damals 7. Klasse)
als meine Basis bezeichnet - das, worauf zum damaligen Zeitpunkt mein ganzes Leben aufbaute.
Ich war 13 und hatte bisher nur Gutes erlebt, soviel dazu.
Aber diese Basis ist geblieben.
Zumindest das Gefühl.
Ich habe nie wieder andere Menschen in diesen Inneren Kreis gelassen.
Vielleicht auch, weil mich das,
was mir nur ein paar Monate darauf mit Mr. M passiert ist,
so tiefgreifend verändert hat.
Diese Menschen,
Laura, Sophie, Mr. M
und meine Familie,
haben mein Grundvertrauen in diese Welt und in das Gute in ihr,
maßgeblich geprägt.
(Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären.)

Und dann ist Mr. M gegangen
und in mir haben sich Dinge verändert,
auf die ich keinen Einfluss hatte.
Langsam, schleichend, aber unaufhaltsam.
Ich hätte nicht sagen können, was da genau passiert ist,
kann es bis heute nicht, aber DASS sich etwas in mir getan hat,
weiß ich sicher.
Alexander, du liest diese Brief seit nunmehr einem Jahr
und du weißt, wie lange ich gebraucht habe,
um mit diesen Veränderungen,
die Mr. M zumindest teilweise verursacht hat,
zurecht zu kommen.
Er war der Erste und vermutlich war es deswegen,
und auch aufgrund einiger unglücklicher Umstände,
am schlimmsten.

Ein paar Monate später haben mir meine Eltern eines Abends eröffnet,
dass meine Familie nicht so sehr Familie ist,
wie ich es bis dahin geglaubt hatte.
Ich meine, dass es nicht alles so war, wie es hätte sein können,
war auch mir klar,
aber wie schlimm es tatsächlich um die Ehe meiner Eltern stand
und das schon seit geraumer Zeit,
davon hatte ich keine Ahnung.
Anfangs konnte ich nicht einmal darüber nachdenken, was diese neuen Wahrheiten für meine Geschwister und mich bedeuten würden, sobald ich es auch nur versucht habe, hat mein Gehirn abgeblockt.
Mehr als ein halbes Jahr lang habe ich niemandem davon erzählt.
Es hat mich nicht wirklich beschäftigt,
ich hatte weder Konzentrationsschwierigkeiten noch Schlafstörungen,
aber mein Unterbewusstsein hat gearbeitet
und gearbeitet
und gearbeitet
und gearbeitet.
Bis heute ist meine Familie mein wohl wundester Punkt - zum Beispiel habe ich auch dir, Alexander,
noch nie so wirklich erzählt, was das eigentlich los ist - und ich bin mir selbst nicht hundertprozentig im Klaren darüber, wie ich damit eigentlich umgehe.
Da ich in dieser Hinsicht aber zumindest in absehbarer Zeit nicht dazu gezwungen sein werde, mir darüber Gedanken zu machen, können die gern bleiben, wo sie die letzten anderthalb Jahre auch waren.

Der letzte verbleibende Teil meines Inneren Kreises, meiner Basis,
sind also meine besten Freundinnen.
(Jetzt kommen wir zu dem Punkt, Alexander, über den ich noch nicht schreiben kann,
weil ich noch nicht darüber hinweg bin.)
Jedenfalls hat sich daraus wieder eine Veränderung in mir ergeben.

Wenn man sich von einem auf den anderen Tag plötzlich fremd fühlt, obwohl man umgeben ist von Menschen, die man sein halbes Leben lang kennt und obwohl noch nie irgendwo tatsächlich fremd gewesen ist, Alexander. Wenn man durch die Stadt läuft, in der man seit 11 Jahren lebt und einem plötzlich bewusst wird, dass es nichts mehr gibt, was einen noch in dieser Stadt hält. Wenn man einfach nur noch weg möchte. Nirgendwo mehr zu Hause ist. 
(Bei diesem Satz ist mir aufgefallen, dass es in der deutschen Sprache keine Mehrzahl von Zuhause gibt - die Zuhausen, die Zuhause, die Zuhauses? - und dass es nur eine logische Erklärung dafür gibt: man kann nur EIN richtiges Zuhause haben, alles andere ist kein Zuhause in dem Sinne.)
Ein sicheres Zeichen für innere Veränderung ist bei mir immer, dass ich alles in Frage stelle, was nur geht und am Ende mich selbst.
Dieses Mal hatte ich offenbar schon das nötige Selbstbewusstsein um daran nicht kaputt zu gehen.
Verletzt bin ich trotzdem, keine Frage, aber nicht kaputt. 
Aber es ist, als hätte man mir die Augen geöffnet.
Ich gehe durch die Welt und weiß auf einmal Dinge zu schätzen, die ich vorher als selbstverständlich erachtet habe.
Und ganz ehrlich, Alexander, auch wenn es wehtut, aber das ist ein Geschenk, von dem ich unglaublich froh bin, es bekommen zu haben.

Warum ich nach den Büchern gefragt habe...
Ich glaube, jeder Mensch sucht irgendwie nach seiner persönlichen Absolution im Leben,
wie auch immer diese aussieht.
Seiner persönlichen Erklärung für das Leben
Und ich finde, in jedem besseren Buch steckt zumindest eine Idee, wie diese Absolution aussehen könnte.
Das heißt, dass die Lieblingsbücher eines jeden Menschen auch viel darüber aussagen, wie dessen Absolution sein könnte.
Das ist meiner Meinung nach wahnsinnig interessant und auch hilfreich, wenn man nach seiner eigenen Absolution sucht.
Deswegen hab ich gefragt ;)

Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Alexander,
es tut mir Leid, dass dieser Brief so lang geworden ist.
Diese Woche wird noch einmal richtig anstrengend,
aber dann hab ich zum Glück Osterferien
und vielleicht hörst du dann auch mal wieder öfter was von mir ;)

Alles Liebe,

♥ Deine Rebecca.