Lieber Alexander.
Ja, ich streue Asche auf mein Haupt, weil ich es schon wieder nicht geschafft habe, dir einen ordentlichen Brief zu schreiben. Beziehungsweise, einfach, weil ich jetzt, um 00:40 Uhr, gerade erst anfange, einen zu schreiben.
Ich werde heute wieder nicht zur Schule gehen, aufgrund der mündlichen Abiturprüfungen haben wir nämlich die ersten zwei Stunden Ausfall, dann Doppel Sport, was ich nicht mitmachen kann, wegen meiner Erkältung, dann Mathe und AWT und anschließend Chor, wo ich auch nicht mitmachen kann, weil ich krank bin.
Von den 8 Stunden bleiben 2, welcher Idiot schleppt sich da mit Kopfschmerzen und Atemproblemen in die Schule? Zum Glück sehen meine Eltern das auch so.
Und bevor ich irgendwas anfange, möchte ich mich noch mal bei
Arizona bedanken, die mich auf ihrem Blog vorgestellt hat, ich weiß nicht, ob du's wusstest, aber sie ist ein wundervoller Mensch und ihr Blog ist genauso wie sie, also herrscht hier echt oberste Klickpflicht.
Und naja.
Also, ich weiß nicht, ob ich das schon mal irgendwo erwähnt habe,
aber wenn bei uns die Sommerferien beginnen, geht Mr. M für ein halbes Jahr nach Australien.
Und wenn er geht, werde ich auch gehen, so einfach ist das.
Ich weiß, das ist alles etwas verwirrend, jetzt so kurz zusammengefasst
und ich habe für diesen Entschluss mehrere Tage und Nächte mit nachdenken und schlussfolgern verbracht, aber ich weiß, dass es richtig ist.
Es fing alles am Donnerstag an, da war ich nämlich auch schon zu Hause, wegen meiner blöden Erkältung
und ich hatte zu viel Zeit zum Denken.
Viel zu viel Zeit. Und wie du mich kennst, kann dabei dann eigentlich gar nichts Gutes rauskommen.
Aber weißt du, Theo hat mich plötzlich mit einem Liebesgeständnis überrascht und ich,
vollkommen überrumpelt, hab erstmal nicht zurückgeschrieben.
Teils, weil er und Sophie seit gerade mal einem Monat getrennt sind und so schnell bei der besten Freundin anzukommen, find ich schon ganz schön dreist,
aber auch, weil ich einfach nicht wusste, was ich schreiben soll.
Und dann hab ich plötzlich gedacht, dass mir das früher nie passiert wäre.
Und dass ich immer zurückgeschrieben hätte,
notfalls hätte ich ihm einfach die Wahrheit in so unschönen Worten an den Kopf geworfen, dass er danach nie wieder mit mir geredet hätte.
Aber auf keinen Fall hätte ich einfach gar nichts gesagt.
Und plötzlich ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen:
Alexander, früher war ich ehrlich.
Ich hab einfach meine Gedanken direkt in Worte umgewandelt.
Und das Leben war leichter.
Vielleicht nicht immer, ok. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Mr. M und ich mal einen Monat lang nicht geredet haben, weil ich ihm mal in einer Anwandlung von Abneigung, eben diese Gefühle sehr deutlich kundgetan hab (haha, meine Ausdrucksweise ist echt gewöhnungsbedürftig xD )
Aber es war leichter.
Bis ich mich verloren habe.
Denn von da an war ich eine von denen, die oft nach dem Motto "Writing ':D' while crying" gehandelt hat.
Wenn du irgendwann mal in so einer Situation warst, Alexander,
dann wirst du das verstehen.
Es ist manchmal einfach leichter.
Man erspart anderen Sorgen und Gedanken und sich selbst Erklärungen und enttäuschte/wenig hilfreiche Bemerkungen seines Gegenübers.
Vor allem, wenn alle um dich rum in einer Art Dauerglücklichkeits-Modus sind.
Da schreibt man lieber ein "Haha" zu viel und weint sich dann in den Schlaf, das ist einfach so.
Und weißt du, um meinem Selbstfindungsprozess ein bisschen auf die Sprünge zu helfen, habe ich beschlossen, wieder ehrlicher zu sein.
Anderen gegenüber, aber auch mir.
Angefangen habe ich dann gleich mal mit Theo. Habe lang und breit versucht, ihm alles zu erklären.
Wieso und warum und überhaupt.
Und als ich schließlich fertig war, meinte er nur:
"Ich mag deine langen Texte ♥"
Am Freitag war ich dann mit Laura in der Stadt und anschließend haben wir lange geredet.
Das tun wir sowieso selten, aber es war für mich die perfekte Gelegenheit, meine Ehrlichkeit wieder unter Beweis zu stellen. Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie glücklich ich danach war - ich hab nämlich auch mal was von mir erzählt und nicht immer nur geschwiegen.
Und tja, diese Nacht war ich sehr ehrlich zu Sophie.
Und hab ihr von meinen neuesten Erkenntnissen in Sachen Mr. M erzählt.
Merkst du was, Alexander?
Meine Freunde wissen plötzlich die Dinge wieder eher, als du.
Ist das nicht genial?
Wenn ich dich in den Arm nehmen könnte, dann würde ich das auf der Stelle tun.
Würde dir freudestrahlend um den Hals fallen und dann immerzu um dich rumhüpfen.
Aber es kommt noch besser.
Wie ich oben schon mal irgendwo erwähnt habe, wird Mr. M in knapp 4 Wochen nach Australien gehen.
Und ich hab mir lange Gedanken darüber gemacht, ob und wie ich mich dann von ihm verabschieden soll.
Erst wollte ich mich gar nicht verabschieden.
Ich meine, was sagt man zu jemandem, mit dem man nichts mehr teilt außer ein paar Erinnerungen?
"Ich werd dich vermissen." ?
Was für eine Lüge, ich vermiss ihn schon seit beinah einem Jahr.
"Ich hab Angst, dich zu verlieren, wenn wir uns so lange nicht sehen." ?
Unnötig, ich hab ihn schon längst verloren.
Weißt du, Alexander, ich war seit langer Zeit mal wieder so richtig schön ehrlich zu mir selbst.
Und habe dabei erstaunliche Dinge über mich und Mr. M und unsere nicht existenten freundschaftlichen Beziehungen herausgefunden.
1. Er und ich gehören nicht, wie lange angenommen, zusammen.
Nein, ich glaube, da war ziemlich viel mehr in meinem Kopf als in Wirklichkeit.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, in meiner Erinnerung scheint es zwar perfekt.
Aber ich glaube, das lag einfach daran, dass er der Erste war, der solche Dinge zu mir gesagt hat.
Und auch richtig gut gesagt hat, ja.
Aber perfekt kann es nicht gewesen sein sonst wäre das hier nicht passiert:
2. Er ist gegangen.
Und das, obwohl wir uns mal versprochen haben, immer da zu sein, wenn der andere uns braucht.
Aber ok.
Kommt vor im Leben.
Passiert.
3. Ich hab ihn verloren.
Das sind nämlich zwei unterschiedliche Dinge.
Ich hätte ihn auch verlieren können, wenn er nicht gegangen wäre.
Aber meistens zieht das eine das andere nach sich.
Ich weiß nicht, wie oft mir von diversen Personen versichert wurde, ich hätte ihn nicht verloren.
Sogar von ihm höchstpersönlich.
Und irgendwie ist er auch immer genau dann noch mal aufgetaucht, wenn ich wirklich kurz davor war, mich endgültig von ihm zu verabschieden.
Nur kurz, natürlich, aber doch immer lang genug,
um alle meine Pläne und am meisten mich durcheinander und wieder auf Anfang zu bringen.
Manchmal war es nur eine kleine SMS von ihm, nur ein paar Worte,
aber die haben gereicht um die Hoffnung wieder aufleben zu lassen,
dass doch noch nicht alles verloren ist.
Und ich glaube, ich wollte es irgendwie auch nicht wahrhaben.
Er und ich, wir haben uns mal dermaßen gut gekannt, sehr viel besser geht fast gar nicht mehr.
Und ich dachte, das kann man nicht verlieren.
Ehrlich, ich hab's einfach nicht für möglich gehalten.
Es war so viel, weißt du? So unfassbar viel.
Naja. Alles ist möglich, das haben er und ich irgendwann festgestellt.
Und ich hab ihn verloren.
Beziehungsweise, ich hab mein absolutes Vertrauen in ihn verloren.
Das, was ihn für mich so unersetzlich gemacht hat.
Das, wofür ich ihn am allermeisten geschätzt und irgendwie auch geliebt habe.
Es ist nicht das du-kannst-mir-vertrauen-ich-sag's-niemandem-weiter - Vertrauen, wenn du verstehst, was ich meine.
Er... Er hat mir das Gefühl gegeben, dass es ihn wirklich interessiert, wenn ich was sage.
Selbst wenn ich ihm von meinem Schulweg erzählt hab, den er selbst in- und auswendig kennt, weil er nur ein paar Straßen weiter wohnt, hatte ich das Gefühl, dass er mir zuhört.
Es schien ihm immer wichtig zu sein, was ich gesagt habe, egal, wie unwichtig es tatsächlich war.
Und, und ich glaube, das hat mir mit am meisten bedeutet, er hat mich nie für das verurteilt,
was ich ihm erzählt habe.
Vielleicht in Gedanken, ja, aber nie laut.
Er hat nie "Wie peinlich!" gesagt, oder mich komisch von der Seite angesehen.
Er hat mit mir über die lustigen Dinge gelacht und wegen der traurigen Dinge geweint.
Für das Vertrauen, das ich in ihn hatte, finde ich gerade kein gutes Wort.
Es war unendlich, so wie alles, was er und ich waren.
Also nenne ich es einfach das Unendliche Vertrauen.
Niemals habe ich jemandem so vertraut, wie ihm.
So komplett. So allumfassend (<- ist das nicht ein wunderschönes Wort, allumfassend... )
Aber dieses Vertrauen habe ich verloren.
Denn er hat mich ersetzt.
Zuerst durch Luise und dann auch durch Sophie.
Und das merkt man ihm an, merke ich ihm an.
Ich kann nicht sagen, woran es genau liegt.
Aber es ist einfach so.
Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass es ihn noch interessiert, was ich sage.
Ich weiß, dass er mir nicht mehr zuhört.
Und dass er mich für das verurteilt, was ich sage und tue.
...
Eine Schweigeminute im Andenken an das wundervollste Vertrauen,
das ich je haben durfte, ok Alexander?
...
Mit dem Vertrauen habe ich ihn verloren.
...
Ich bin vorsichtiger geworden, mit dem, was ich anderen über mich erzähle.
Ich habe gelernt, dass man umso verletzlicher ist, je mehr andere über einen wissen.
Und dann ziehe ich Schweigen manchmal vor.
Vor allem, wenn ich das Gefühl habe, dass es dem anderen eigentlich nicht wichtig ist, was ich sage.
Ich kann zuhören, das kann ich wirklich gut.
Und die meisten reden dann und reden und reden.
Und ich lächel und nicke und nehm sie in den Arm, sage ein paar liebe Worte.
Aber von mir selbst erzähle ich nichts.
Nur, Alexander, wenn man jemanden immer nur anschweigt, so, wie ich Mr. M angeschwiegen habe und es noch immer tue - nicht die schöne Art des Schweigens, du weißt schon, sondern die, weil man wirklich nicht weiß, was man sagen soll - dann verliert man denjenigen irgendwann.
Mr. M kennt mich einfach nicht mehr.
Er kann nichts dafür, dass ich ihn verloren habe.
Es ist meine Schuld.
Aber weißt du, irgendwie ist das auch nicht mehr schlimm.
So was passiert eben im Leben.
Man verliert jemanden und kriegt ihn nie zurück.
Und dann muss man das akzeptieren und irgendwie damit leben, denn Sterben ist einfach keine Option.
Und weißt du, Alexander, bis zu diesem Punkt ist es ok.
Alles.
Was Mr. M angeht.
Bis zu diesem Punkt hat es zwar wehgetan und ich habe oft deswegen geweint.
Aber ich konnte damit leben.
Weil so was nun mal passieren kann.
Irgendwann ist das Routine, dann tut es auch nicht mehr so weh.
Weißt du, Alexander, das alles ist nicht so schlimm, wie diese Tatsache:
Er ist gegangen. Und ich bin immer noch hier.
Und ich weiß nicht mal genau, warum.
Jemand wirklich kluges hat mal zu mir gesagt,
Liebe ist, das Versprechen zu halten.
Und ich bin verdammt noch mal immer noch dort,
wo er mich vor einem Jahr hat stehen lassen.
Ich konnte mich damals nicht richtig von ihm verabschieden,
weil ich von der neuen Dimension des Abschieds so überrascht war.
Ich dachte, ich würde ihn 6 Wochen lang nicht sehen und ihn nicht gleich für immer verlieren.
All die Worte, die man sich zum Abschied sagt,
die sind mir damals einfach nicht mehr eingefallen.
Vielleicht hätte ich ihn gebeten, nicht zu gehen.
Vielleicht hätte ich ihn traurig angesehen und geflüstert, dass ich ihn nie verlieren wollte.
Vielleicht hätte ich ihn noch ein letztes Mal daran erinnert, dass er der wundervollste Mensch ist, dem ich je begegnet bin.
Und vielleicht hätte ich ihn dann in den Arm nehmen sollen.
Und es ihm versprechen sollen.
Aber das alles habe ich nicht getan.
Und das ist die Wahrheit.
Ich. Hab. Es. Nicht. Getan.
Alexander.
Und das ist der Grund, warum ich gehen werde.
Nein, ok, eigentlich nicht nur.
Sondern auch, dass ich nicht weiß, warum ich noch auf ihn warten soll,
wenn er doch niemals wiederkommt.
Und, dass es für mich zwar ok ist, dass er und Sophie wohl eines Tages zusammen sein werden,
aber dass ich die beiden einfach nicht aktiv dabei unterstützen kann.
Irgendwie sowas.
Naja.
Jedenfalls, ich werde ihn in den Arm nehmen.
Und ich werde ihm sagen, dass er gut auf sich aufpassen soll.
Und dann werde ich ihm einen Brief geben, mit einer Erklärung.
Sie wird besser sein, als diese, versprochen.
Alexander, wenn du wüsstest, wie ich hier gerade sitze,
irgendwas zwischen Schlaf und Halbschlaf,
dann würdest du mir verzeihen, dass dieser Brief so schrecklich geworden ist.
Tut mir Leid, aber das alles ist so groß irgendwie.
Und ich weiß gerade gar nicht mehr, wie das alles sein soll.
Überhaupt alles.
Mein ganzen Leben.
Ich bin gerade mal wieder verrückt vor Müdigkeit, bitte nimm mich nicht Ernst.
Alle meine Worte, dieser ganze Brief kommt mir wie eine einzige sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben vor.
Vielleicht sollte ich besser schlafen, oder?
Oh man, Alexander.
Gerade ist mir das Leben eine Nummer zu groß.
Gerade würde ich gerne alles abgeben, an jemanden, der weiß, wie man so was macht.
Sich von jemandem verabschieden.
Gerade will ich noch ein letztes Mal weinen, seinetwegen.
Mr. M.
Du fehlst mir.
Du fehlst mir schrecklich sehr.
...
Schweigen. Augen zu.
I don't mind if you don't mind.
Ist schon in Ordnung so.
Also nein, eigentlich nicht, aber ich hab ja keine Wahl.
Weißt du, dass du meine erste große Liebe warst,
Mr. M?
Ist dir das bewusst?
Und ich glaube, eigentlich kann ich gar nicht gehen.
Und werde ich auch nie, weil ich's einfach nicht über's Herz bringen werde.
Dich nicht über's Herz bringen werde.
Wie singt James Blunt so schön?
You've been the one.
You've been the one for me.
...
Du kannst dir nicht vorstellen, wie kalt es in mir gerade ist,
Mr. M.
Wie schrecklich leer.
Und trostlos, ohne dich.
I'm so hollow, baby.
Warum ist das Leben so?
Warum, Alexander?
Siehst du, ich stelle schon die dümmsten Fragen.
Damn, I should be so lucky.
Heute wird das nichts mehr, tut mir Leid.
Heute kann ich nur noch schweigen.
Ich weiß gerade nicht mehr, wohin.
Das liegt zwar nur an der Müdigkeit, aber trotzdem.
Alexander, wie soll das gehen, ohne ihn?
Sag mir, wie soll das gehen?
Wie soll ich gehen?
Sag mir nur eins, Alexander.
Werde ich mich erinnern?
Werde ich mich an ihn erinnern?
Werde ich doch, oder?
Oh Mr. M.
Hättest du gedacht, dass wir so enden?
Dass wir überhaupt enden?
Ich will ehrlich sein: Ich nicht.
...
Weil.
Eigentlich gehört dir mein ganzes Leben, oder so.
...
Weißt du, dass das die schönsten Worte sind, die ich jemals gehört habe?
Nein, vermutlich nicht.
Ist aber auch egal.
Entschuldigung, Alexander, aber für diese Nacht habe ich aufgegeben.
Kommt vor im Leben.
Ist schon ok.
Jetzt ist es um drei.
Und James Blunt singt "Goodbye My Lover".
Und ich sing mit.
Und mein es so Ernst.
Und meine Tränen. Meine verdammten Tränen.
Ich wollte nicht, dass wir so aufhören, Mr. M.
Wollte ich wirklich nicht.
I'm so hollow, baby.
Everything is going to be ok in the end.
If it's not ok, it's not the end.
Vielleicht aber doch, Mr. M.
Vielleicht aber doch.
Denn irgendwo ist es ja ok.
Passt schon.
Ist schon ok.
Weißt du, ich liebe dich trotzdem noch.
Aber ist ok.
Ist zu Ende.
Und schweigend wische ich mir die Tränen aus den Augen.
Pass auf dich auf, bitte. Pass gut auf dich auf.
Deine Rebecca.
Das Mädchen, dessen ganzes Leben dir eigentlich gehört.
Oder so.