Montag, 4. November 2013

Alexander.

Heute Nacht bin ich ein kleines, heulendes Kind.
Und kalt ist es auch noch
und der Regen klatscht schwer und laut auf meine Fenster.
Heute Nacht ist keine gute Nacht,
Alexander.
Vielleicht bin ich auch einfach überempfindlich
gegen Namen und Erinnerungen.
Vielleicht bin ich zu egoistisch, um anderen ihr Glück zu gönnen.
Aber weißt du, Alexander,
Luise und David,
das tut schon weh.
Ich habe anscheinend ein Talent dafür,
ihr meine Herzensmenschen nach meinem Scheitern anzuvertrauen
und sie hat ganz offensichtlich die Gabe,
sich diese Herzensmenschen zu schnappen, daraus ihre zu machen
und mir dann ganz unverfroren von ihrem Glück zu erzählen, xD.
Ich sollte mich freuen,
für sie, dass er sie dazu bringt, mir fröhliche Smileys zu schreiben,
ich sollte mich freuen,
für ihn, dass er ihr vertraut, dass er in ihr offensichtlich einen besseren Ersatz für mich gefunden hat.
Schließlich war das doch mein Wunsch, dass er glücklich wird.
Und sie auch, das doch sowieso schon immer.
Ja, Alexander, ja verdammt.
Scheint so, als hätte ich ein Händchen dafür,
Menschen glücklich zu machen.

Und, um auf das einzugehen, was ich dir schon im letzten Brief angekündigt habe,
nämlich die interessante Frage, was mir eigentlich am wichtigsten ist,
genau das ist mir am wichtigsten.

Ich kann es nicht ertragen, wenn ich weiß, dass es jemandem schlecht geht.
Helfer-Syndrom, sagt Sophie.
Zu viele Spiegel-Neuronen, sagt meine Mutter.
Wie kann es mir gut gehen, wenn ich weiß, dass es anderen schlecht geht, frage ich.

Alle Menschen, mit denen ich in irgendeiner Form Kontakt habe,
müssen glücklich oder wenigstens okay sein,
damit auch ich glücklich oder okay sein kann.
(Was nicht zwingend heißt, dass es mir automatisch gut geht, wenn es allen anderen auch gut geht,
nur eben in umgekehrter Form funktioniert dieses System, sprich,
wenn es anderen schlecht geht, geht es mir automatisch auch schlecht.)
Im Prinzip lässt sich das dann schon wieder auf meinen eigenen Egoismus zurückführen,
also, dass ich anderen nur versuche zu helfen, damit es mir selbst gut geht.
Aber so weit denke ich im Normalfall gar nicht.
Meine erste, intuitive Reaktion, wenn es jemandem schlecht geht, ist das sofortige Aktivieren
aller mir zur Verfügung stehenden Menschen und Mittel,
damit es demjenigen wieder besser geht.
(Boah, das klingt voll technisch, irgendwie...)
Dass sich das Befinden anderer auch auf mein eigenes auswirkt,
merke ich immer erst dann, wenn ich mit allen meinen Mitteln und Menschen scheitere
und derjenige trotz all meiner Bemühungen einfach nicht glücklich werden will.
(Deswegen hat mich die Sache mit Luise vor anderthalb Jahren so runter gezogen,
ich wusste damals nicht, dass Menschen mit Depressionen nicht von heute auf morgen glücklich werden können und... Naja, das ist eine andere Geschichte.)
Soll also zusammengefasst heißen,
dass ich aus einem mir unerklärlichen Grund das Glück anderer vor mein eigenes stelle.
Und dass das nicht selten auf meine Kosten geht.

Denn, manchmal scheitere ich.
Manchmal krieg ich einen Menschen eben nicht wieder hin.
Und, wenn ich ganz ehrlich bin,
damit kann ich nicht gut umgehen.
Denn, in der Regel verliere ich diesen Menschen dann auch gleich mit.
Bedeutet, ich werde für mein eigenes Versagen nicht nur mit meinen eigenen Vorwürfen
sondern auch gleich noch mit dem ganzen Rest bestraft,
den der Verlust eines Menschen in der Regel so nach sich zieht.
Meistens rette ich mein Gewissen dann damit, dass ich diesen armen Menschen jemanden von meine Freunden oder Bekannten auf den Hals hetze und dadurch dann zwar erreiche,
dass es ihnen wieder gut geht,
ich mich allerdings noch viel miserabler fühle.

Früher habe ich immer gedacht,
dass das damit zutun hat, dass ich nicht gut genug für denjenigen war.
Aber ich glaube, wenn man jemanden nicht glücklich machen kann,
liegt das nur selten daran, dass man nicht gut genug ist.
Der Grund ist ganz einfach, dass man nicht die richtige Person ist,
um denjenigen glücklich zu machen.
Das kommt nun mal vor, c'est la vie.
Da können die verständnisvollsten, bestaussehendsten, atemberaubendsten und überhaupt tollsten Leute vor dir stehen, Alexander,
wenn es nicht die richtigen sind, nützt das alles nichts.
Wenn sie dir nicht helfen können, ist deren ganze Tollheit einen feuchten Dreck wert.
Perfekte Menschen sind die, die toll und richtig für dich sind, verstehst du?
Tolle Menschen findet man auf der Welt massenhaft.
Aber die richtigen zu finden, das ist eine Kunst
und zu erkennen, dass sie richtig sind, Gold wert.
Manchmal werden auch weniger tolle Menschen perfekt,
nämlich dann, wenn sie mit ihrer Richtigkeit alles andere aufwiegen.
Weil es nämlich eigentlich nicht auf die Tollheit, sondern auf die Richtigkeit ankommt.
Wenn alle Menschen das erkennen würden, wäre die Welt ein ganzes Stück besser, glaube ich.
Tja, Alexander, ich bin sicherlich nicht toll,
aber ich versuche immer, wenigstens ein bisschen richtig zu sein.
Umso enttäuschender ist dann die Erkenntnis,
dass ich für manche Menschen (vor allem, wenn sie mir sehr, sehr wichtig sind/waren, wie z.B. Mr. M oder David) nicht mal richtig war.
Das trifft.
Da gibt's dann auch nichts zu erklären, zu entschuldigen
und vor allem auch nichts zu beschönigen.
Oder, um es mit Davids Worten auszudrücken,
es hat einfach nicht gepasst.
Und fertig.
Es tut dann eben weh, weil ich mir das sehr gewünscht habe,
dass es passt,
ganz einfach, weil diese Menschen zu den bisher tollsten gehören,
die ich so kennen lernen durfte.
Und die dann wieder zu verlieren gehörte eigentlich nicht auf meinen Plan vom Leben.
Aber ich schätze, so ist das irgendwie.

Naja, ich schweife irgendwie ein "kleines bisschen" ab, haha, tut mir Leid.
Wenn ich also, um auf das kleine, heulende Kind von vorhin zurückzukommen,
erklären soll, warum es mir einfach wehtut,
David und Luise einander so glücklich machen zu sehen, dann liegt das an folgenden Faktoren:
1. Ich bin eigentlich immer sehr bemüht, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen und ganz ehrlich, es ist einfach nur scheiße, jemandem zu schreiben, wie toll und nett und lustig dessen Ex doch ist und überhaupt, wie glücklich er einen macht. Vor allem, wenn die Trennung noch nicht sooo lange her ist und einem außerdem durchaus bewusst ist, dass derjenige möglicherweise noch nicht ganz drüber weg ist. Naja. Ist ja nicht zum ersten Mal so, bei Luise, eigentlich müsste ich wissen, dass sie manchmal einfach nicht mitkriegt, dass das vielleicht doch ein bisschen taktlos ist, sowas zu schreiben. Ändert trotzdem nichts daran, dass es wehtut.
Denn
2. Die Enttäuschung über mein Scheitern in Sachen David ist noch nicht ganz weg
und
3. die Verarbeitung des Verlustes dieses absolut wundervollen Menschen ist auch noch nicht abgeschlossen, soll heißen, ich bin, was ihn angeht, immer noch leicht empfindlich. Ich brauch da eben immer'n bisschen länger für...
4. Und da spricht jetzt mein kindliches Herz und mein noch kindlicherer Verstand, denn so etwas denkt man nicht und darf man niemals denken. Aber Luise hat es jetzt schon zum 2. Mal geschafft, mir jemanden quasi "auszuspannen", nicht dass es wirklich ihre Schuld wäre, aber so fühlt es sich an. Und das, obwohl sie eigentlich... Nein, Alexander, ich kann das nicht aufschreiben. Ich kann das nicht, weil ich weiß, dass das nicht richtig von mir ist und außerdem nicht mal der Wahrheit entspricht. Ich... Okay, der Fairness halber dir gegenüber schreibe ich es auf, sonst ist das hier nicht vollständig. Aber ich möchte, dass du weißt, dass es... dass ich mich für diesen Gedanken sehr schäme. Also. Und das, obwohl sie eigentlich nicht so toll ist, wie ich. Woher will ich das wissen? Sie ist auf eine andere Art und Weise toll, eine die weder an Zensuren noch an Freizeitaktivitäten noch sonst was zu messen ist und nur, weil ich diejenige bin, bei der sie ihren ganzen Scheiß immer ablädt, heißt das nicht, dass sie zu anderen nicht ganz wunderbar ist...


Alter Schwede, Alexander, dieser Brief ist schon wieder viel zu lang.
Und es tut mir aufrichtig Leid, dass ich, anstatt dir schlicht und ergreifend meine Gefühle zu schildern,
immer sofort anfange, an mir selbst rum zu psychologisieren und alle möglichen Problemchen genauestens zu analysieren.
Ich meine, es hat funktioniert, keine Frage.
Ich bin abgelenkt, solange ich schreibe,
sind meine Gedanken und mein Schmerz verbannt,
hinter all die Buchstaben.
Im Prinzip ist Schreiben meine Art, mit jeglicher Art von Schmerz oder Belastung umzugehen.
Ich weiß nicht, ob es korrekt ist, das so zu vergleichen und falls sich jemand beleidigt oder missverstanden fühlt,
möge er mich bitte sofort kontaktieren, dann werde ich das umgehend zurücknehmen,
aber andere schneiden sich.
Ich schreibe.
Für mich war mich selbst zu verletzen irgendwie noch nie eine Option.
Das ist soll um Himmels Willen kein Vorwurf an alle die sein,
für die das sehr wohl eine Option ist.
Aber ich ich könnte es einfach nicht.
Manchmal, wenn ich keine Worte mehr habe, dann male ich auch,
das kommt aber nur selten vor.

Naja, Alexander, wenn ich darauf jetzt auch noch eingehe,
werde ich hier nie fertig.
Jedenfalls, wenn ich dir diesen Brief geschickt habe,
dann wird der Schmerz wohl langsam zurückkehren.
Und ich werde einfach da liegen,
werde dieses wogende Nichts,
das mich gleichzeitig bis zum Bersten füllt,
schweigend über mich ergehen lassen.
Werde mit offenen Augen ins Nichts starren,
werde mir wünschen, dass endlich, endlich die Tränen kommen mögen
und mich erlösen, von dieser Emotionslosigkeit,
die schon immer das schlimmste von allen Gefühlen war.
Und werde mir vorstellen, dass jemand da ist, mich festhält,
wohl wissend, dass nichts und niemand auf dieser Welt
jetzt noch meinen Schmerz lindern kann.
Denn dieser Schmerz verlangt gespürt zu werden
und aus eben diesem Grund lass ich ihn und lasse ich auch David und Luise gewähren,
lasse sie mit mir machen, was sie wollen,
für diese Nacht.
Und über allem wird stumm nur eine Frage stehen,
unauffällig und doch grell,
denn alles rumgedoktore an meiner Psyche,
alle Überlegungen, Theorien,
alle Worte dieser Welt
sind nutzlos,
weil sie mir darauf nicht die Antwort geben können,
nach der sich alles in mir verzehrt.

Warum?

Alexander,
auf der Suche nach der Wahrheit,
nach einer absoluten Erklärung für alles,
nach etwas, was verdammt noch mal Sicherheit bedeutet.
bin ich nichts weiter,
als ein verzweifeltes Wesen,
dass sich gegen die Erkenntnis sträubt,
dass alles relativ ist.
Das Leben genauso wie der Tod.
Ich kriege keine andere Absolution,
außer meiner eigenen.
Und so etwas wie die Wahrheit gibt es nicht.
Denn auch Wahrheit ist relativ.
Und Schmerz in der Praxis etwas ganz anderes,
als in der Theorie.

Und oh mein Gott, Alexander,
bevor ich hier jetzt völlig am Zeiger drehe,
höre ich besser auf, für heute,
das hier führt zu nichts mehr,
außer Kopfschmerzen.

Ich danke dir, dass du da bist,
mich und meine wirren Gedanken erträgst.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie absolut beruhigend das ist.



Deine Rebecca.

1 Kommentar:

anouk hat gesagt…

Deine Gedankengänge sind der Wahnsinn