Alexander.
Gestern noch haben große schwere Tropfen den Schnee weg geregnet,
heute blendet das gleißende Sonnenlicht mich.
Bosse auf Repeat, immer und immer wieder.
Irgendwie fühlt sich gerade nichts richtig an.
Soll heißen, ich fühle eigentlich gerade einfach nur nichts.
Was nicht unbedingt bedeutet, dass das was schlechtes ist.
Ich habe im Moment zu viel Zeit
und prompt werde ich verschwenderisch.
Meine Eltern sind mit meinen Geschwistern weggefahren,
Ski fahren, wie jedes Jahr,
dieses Jahr konnte ich nicht mitkommen.
Die Leute vom Staatstheater haben sich ausgedacht,
dass die Proben für die Insznierung bei der ich mitmache,
in den Ferien sind.
Also Rebecca allein zu Haus,
sprich, Oma ist auch noch da, zum Aufpassen,
auf das Haus und auf mich.
Aber sie geht um halb 10 schlafen und dann gehört die Welt mir.
Und ich tue Dinge,
die ich sonst nie machen kann.
Nach dem Kino gehe ich nicht direkt nach Hause,
sondern laufe noch durch die Straßen und die Nacht,
rede mit Stine oder schweige mit ihr.
Und dann setze ich mich ins Wohnzimmer,
Feuer im Ofen,
jede Nacht eine andere Teesorte,
ich lese nach langer Zeit mal wieder.
Unterbrochen von Whatsapp-Nachrichten.
Und irgendwann beschließe ich dann,
James Bond zu gucken
und wenn die Nacht fast vorbei ist,
husch ich wie eine Maus durch's Treppenhaus,
will ja meine Oma nicht aufwecken.
Ist nichts gutes, ist nichts schlechtes.
Alexander, bitte verzeih mir,
aber was ich von dieser Welt halten soll,
weiß ich gerade nicht.
Irgendwie sind wir doch alle ein Spur zu verrückt hier, nicht?
Ich versuche, das Richtige zu tun.
Ich hasse es, wenn meine Freunde so tun, als würde es mir nicht gut gehen und dann ankommen mit "Wenn was ist, dann rede mit mir." Wenn ich reden will, tu ich das, keine Angst. Ich weiß, ihr meint es nur gut. Und ich bin ja selbst auch nicht besser.
Ich hasse es, wenn sie mir vorwerfen, ich würde Dinge nur verdrängen, weil ich keine Lust und auch keine Zeit habe,
mich damit auseinander zu setzen, über Dinge, die schon vor Jahren passiert sind, zum hunderttausendsten Mal nachzudenken.
Ich hasse es, wenn sie mich behandeln, als wäre ich ein kleines Kind,
das nicht auf sich selbst aufpassen kann.
Ehrlich.
Die Frau an der Kinokasse nimmt mir ohne weiteres ab, dass ich 16 bin.
Ich habe keinen besten Freund und schon lange vergessen, wie es ist, einen zu haben.
Vielleicht wusste ich es auch nie.
Es widert mich an, wie ich immer nur von mir schreibe,
als würde sich alle Welt um mich drehen
und gleichzeitig ist über mich zu schreiben das Einzige, was ich kann.
Ich heule rum, wie ein kleines Kind,
dass mein Leben langweilig ist,
dass nichts passiert.
Aber was ich stattdessen will, kann ich auch nicht sagen.
Oder doch, eigentlich schon,
eine Geschichte, die es sich lohnt, erzählt zu werden.
Das will ich.
Aber ich glaube, der Preis,
den ich für diese Geschichte zu bezahlen habe,
ist so viel höher als ich mir vorstellen kann.
Sollte ich das alles hier nicht genießen,
so wie es jetzt ist?
Wer weiß, wie mein Leben in zwei Monaten aussieht,
in zwei Jahren?
Sollte ich.
Warum bin ich nie zufrieden, Alexander,
warum reicht mir das, was ich habe, nie aus?
Ist die Gier des Menschen so unersättlich,
dass sie ihn eines Tages zerstören wird?
Okay, der letzte Satz ist in seiner Dramatik doch etwas übertrieben,
trotzdem.
Ich will immer nur mehr, mehr, mehr,
will dieses tun und jenes lernen,
will alles haben, will alles sein.
Es geht nicht, wann seh ich das endlich ein?
Man kann nicht alles haben.
Alexander, wenn ich eines Tages mit dem,
was ich erreicht habe, zufrieden bin,
und dann auch noch in diesem Moment erkenne,
dass ich zufrieden bin, dann...
Keine Ahnung.
Es ist komisch, in letzter Zeit fallen mir irgendwie viele Eigenschaften und Werte auf,
die Menschen entweder haben oder nicht.
Zum Beispiel
-Stolz
-Respekt
-Achtung
-Würde
-Ehre
-Tapferkeit
-Mut
-Anstand (was auch immer dieses Wort genau definiert)
Klar irgendwo haben alle diese Eigenschaften Ähnlichkeiten miteinander,
manchmal stehen sie auch in einer bestimmten Verbindung zueinander.
Und Respekt und Achtung sind zwei Dinge, die man nur vor anderen Menschen oder andere Menschen vor einem selbst haben können, ich weiß.
Trotzdem.
Ich weiß nicht, warum, Alexander,
aber mir kommt es so vor,
als würden viele dieser Eigenschaften heute nicht mehr zählen.
(Ist vielleicht etwas, was ihr in den Kommentaren diskutieren könnt, oder mit mir, wie ihr wollt.)
Und das... keine Ahnung,
vielleicht ist es zu altmodisch, Tapferkeit und Ehre in einem Satz zu verwenden,
vielleicht erinnert es zu sehr an die deutsche Geschichte,
Tapferkeit und Ehre in Verbindung bewirken in mir sofort die Assoziation mit Soldaten, Eisernen Kreuzen und Weltkriegen.
Trotzdem.
Ich mag altes, Alexander.
Ich mag uralte Straßenbahnen.
Ich mag den Ring meiner Urgroßmutter.
Ich mag die Beatles.
Ich finde es beruhigend, dass sich manche Dinge nie ändern,
dass sie auch nach Jahren noch funktionieren,
dass sie auch nach Jahrzehnten an Schönheit nicht verloren haben,
dass sich die Bedeutung ihrer Aussage nicht ändert oder sich,
obwohl so viel Zeit vergangen ist, trotzdem auf die Gegenwart übertragen lässt.
Irgendwie glaube ich, dass das Leben in gewisser Hinsicht früher leichter war, als es heute ist.
Die Ansprüche waren weniger hoch,
man musste nicht alles ein bisschen können,
sondern ein, zwei Sachen richtig gut.
Alles ging weniger schnell.
Um jemanden kennenzulernen, musste man ihn ansprechen,
um in Kontakt zu bleiben, musste man sich treffen oder Briefe schreiben.
Ich glaube, früher waren Dinge realer, als heute.
Sie waren essenzieller als heute.
Ich werde jetzt James Bond gucken,
und ich werde wieder in Tränen ausbrechen,
wenn Judi Dench zu Daniel Craig aufsieht und mit letzter Kraft murmelt: "Eins habe ich richtig gemacht."
So wie jedes Mal.
Ich bin halt so.
Pass auf dich auf, Alexander. ♥
Deine Rebecca.
Gestern noch haben große schwere Tropfen den Schnee weg geregnet,
heute blendet das gleißende Sonnenlicht mich.
Bosse auf Repeat, immer und immer wieder.
Irgendwie fühlt sich gerade nichts richtig an.
Soll heißen, ich fühle eigentlich gerade einfach nur nichts.
Was nicht unbedingt bedeutet, dass das was schlechtes ist.
Ich habe im Moment zu viel Zeit
und prompt werde ich verschwenderisch.
Meine Eltern sind mit meinen Geschwistern weggefahren,
Ski fahren, wie jedes Jahr,
dieses Jahr konnte ich nicht mitkommen.
Die Leute vom Staatstheater haben sich ausgedacht,
dass die Proben für die Insznierung bei der ich mitmache,
in den Ferien sind.
Also Rebecca allein zu Haus,
sprich, Oma ist auch noch da, zum Aufpassen,
auf das Haus und auf mich.
Aber sie geht um halb 10 schlafen und dann gehört die Welt mir.
Und ich tue Dinge,
die ich sonst nie machen kann.
Nach dem Kino gehe ich nicht direkt nach Hause,
sondern laufe noch durch die Straßen und die Nacht,
rede mit Stine oder schweige mit ihr.
Und dann setze ich mich ins Wohnzimmer,
Feuer im Ofen,
jede Nacht eine andere Teesorte,
ich lese nach langer Zeit mal wieder.
Unterbrochen von Whatsapp-Nachrichten.
Und irgendwann beschließe ich dann,
James Bond zu gucken
und wenn die Nacht fast vorbei ist,
husch ich wie eine Maus durch's Treppenhaus,
will ja meine Oma nicht aufwecken.
Ist nichts gutes, ist nichts schlechtes.
Alexander, bitte verzeih mir,
aber was ich von dieser Welt halten soll,
weiß ich gerade nicht.
Irgendwie sind wir doch alle ein Spur zu verrückt hier, nicht?
Ich versuche, das Richtige zu tun.
Ich hasse es, wenn meine Freunde so tun, als würde es mir nicht gut gehen und dann ankommen mit "Wenn was ist, dann rede mit mir." Wenn ich reden will, tu ich das, keine Angst. Ich weiß, ihr meint es nur gut. Und ich bin ja selbst auch nicht besser.
Ich hasse es, wenn sie mir vorwerfen, ich würde Dinge nur verdrängen, weil ich keine Lust und auch keine Zeit habe,
mich damit auseinander zu setzen, über Dinge, die schon vor Jahren passiert sind, zum hunderttausendsten Mal nachzudenken.
Ich hasse es, wenn sie mich behandeln, als wäre ich ein kleines Kind,
das nicht auf sich selbst aufpassen kann.
Ehrlich.
Die Frau an der Kinokasse nimmt mir ohne weiteres ab, dass ich 16 bin.
Ich habe keinen besten Freund und schon lange vergessen, wie es ist, einen zu haben.
Vielleicht wusste ich es auch nie.
Es widert mich an, wie ich immer nur von mir schreibe,
als würde sich alle Welt um mich drehen
und gleichzeitig ist über mich zu schreiben das Einzige, was ich kann.
Ich heule rum, wie ein kleines Kind,
dass mein Leben langweilig ist,
dass nichts passiert.
Aber was ich stattdessen will, kann ich auch nicht sagen.
Oder doch, eigentlich schon,
eine Geschichte, die es sich lohnt, erzählt zu werden.
Das will ich.
Aber ich glaube, der Preis,
den ich für diese Geschichte zu bezahlen habe,
ist so viel höher als ich mir vorstellen kann.
Sollte ich das alles hier nicht genießen,
so wie es jetzt ist?
Wer weiß, wie mein Leben in zwei Monaten aussieht,
in zwei Jahren?
Sollte ich.
Warum bin ich nie zufrieden, Alexander,
warum reicht mir das, was ich habe, nie aus?
Ist die Gier des Menschen so unersättlich,
dass sie ihn eines Tages zerstören wird?
Okay, der letzte Satz ist in seiner Dramatik doch etwas übertrieben,
trotzdem.
Ich will immer nur mehr, mehr, mehr,
will dieses tun und jenes lernen,
will alles haben, will alles sein.
Es geht nicht, wann seh ich das endlich ein?
Man kann nicht alles haben.
Alexander, wenn ich eines Tages mit dem,
was ich erreicht habe, zufrieden bin,
und dann auch noch in diesem Moment erkenne,
dass ich zufrieden bin, dann...
Keine Ahnung.
Es ist komisch, in letzter Zeit fallen mir irgendwie viele Eigenschaften und Werte auf,
die Menschen entweder haben oder nicht.
Zum Beispiel
-Stolz
-Respekt
-Achtung
-Würde
-Ehre
-Tapferkeit
-Mut
-Anstand (was auch immer dieses Wort genau definiert)
Klar irgendwo haben alle diese Eigenschaften Ähnlichkeiten miteinander,
manchmal stehen sie auch in einer bestimmten Verbindung zueinander.
Und Respekt und Achtung sind zwei Dinge, die man nur vor anderen Menschen oder andere Menschen vor einem selbst haben können, ich weiß.
Trotzdem.
Ich weiß nicht, warum, Alexander,
aber mir kommt es so vor,
als würden viele dieser Eigenschaften heute nicht mehr zählen.
(Ist vielleicht etwas, was ihr in den Kommentaren diskutieren könnt, oder mit mir, wie ihr wollt.)
Und das... keine Ahnung,
vielleicht ist es zu altmodisch, Tapferkeit und Ehre in einem Satz zu verwenden,
vielleicht erinnert es zu sehr an die deutsche Geschichte,
Tapferkeit und Ehre in Verbindung bewirken in mir sofort die Assoziation mit Soldaten, Eisernen Kreuzen und Weltkriegen.
Trotzdem.
Ich mag altes, Alexander.
Ich mag uralte Straßenbahnen.
Ich mag den Ring meiner Urgroßmutter.
Ich mag die Beatles.
Ich finde es beruhigend, dass sich manche Dinge nie ändern,
dass sie auch nach Jahren noch funktionieren,
dass sie auch nach Jahrzehnten an Schönheit nicht verloren haben,
dass sich die Bedeutung ihrer Aussage nicht ändert oder sich,
obwohl so viel Zeit vergangen ist, trotzdem auf die Gegenwart übertragen lässt.
Irgendwie glaube ich, dass das Leben in gewisser Hinsicht früher leichter war, als es heute ist.
Die Ansprüche waren weniger hoch,
man musste nicht alles ein bisschen können,
sondern ein, zwei Sachen richtig gut.
Alles ging weniger schnell.
Um jemanden kennenzulernen, musste man ihn ansprechen,
um in Kontakt zu bleiben, musste man sich treffen oder Briefe schreiben.
Ich glaube, früher waren Dinge realer, als heute.
Sie waren essenzieller als heute.
Ich werde jetzt James Bond gucken,
und ich werde wieder in Tränen ausbrechen,
wenn Judi Dench zu Daniel Craig aufsieht und mit letzter Kraft murmelt: "Eins habe ich richtig gemacht."
So wie jedes Mal.
Ich bin halt so.
Pass auf dich auf, Alexander. ♥
Deine Rebecca.
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