Freitag, 7. Februar 2014

Alexander.

Weißt du, wie das ist wenn man plötzlich Dinge über jemanden herausfindet,
den man sehr gut zu kennen glaubte und der einem auch noch sehr am Herzen liegt?
Dinge, von denen man sich wünscht, man hätte sie schon viel früher gewusst.
Ich hoffe, du weißt nicht, wie das ist,
aber um ehrlich zu sein glaube ich,
dass heute niemand mehr von dieser einer-meiner-Freunde-hat-ein-dunkles-Geheimnis-und-ich-erfahre-es-erst-jetzt - Sache verschont bleibt.
Und jetzt verstehe ich auch besser,
wie sich Mr. M und Sophie damals gefühlt haben müssen,
als sie meinen Blog (auch noch an Mr. M unter seinem richtigen Namen gerichtet, ja, ich war ein wirklich dummes Kind) gelesen haben, nachdem ich ihm den Link geschickt hatte (noch dümmer, ich weiß).

Verraten.
Man denkt, derjenige würde einem vertrauen
und dann stellt sich heraus, dass er einem sein größtes Geheimnis doch immer vorenthalten hat.
Ich hab mir auch sofort enorme Vorwürfe gemacht.
Meine erste Reaktion war sofort, dass es mir Leid tut.
Dass ich es nicht gemerkt habe, dass ich nicht da war.
Ihr nicht irgendwie geholfen habe.
Um das hier mal kurz aufzuklären,
es geht um Hannah.
Sie ist die beste Freundin von Luise, die - wer meinen Blog schon länger liest, weiß das - mal mit Mr. M zusammen war.
Hannah und ich haben uns erst durch Luise kennengelernt und sie ist ein fantastisches Mädchen, wirklich.
Und wir sind gute Freundinnen, dachte ich jedenfalls immer
und sie erzählt mir alles und manchmal hole ich mir einen Rat vor ihr.
Wie wir gestern auf das Thema gekommen sind ist unwichtig,
aber was sie mir dann erzählt hat,
hat mich wirklich erschreckt.
Sie hat schon damals, also vor knapp anderthalb Jahren, als die "Sache" mit Luise und Mr. M war,
absichtlich viel zu wenig gegessen.
Sie hat sich auch manchmal den Finger in den Hals gesteckt - manchmal, hat sie gesagt.
Ich kannte sie damals noch nicht gut und dachte,
es wäre nur was vorrübergehendes.
Ich dachte, es wäre der Stress mit Luise.
Die beste Freundschaft, die damals unwiderbringlich den Bach runtergegangen ist
und über die sie beide nie hinweggekommen sind,
bis heute nicht.
(Dazu gibt es noch ein kleines Detail, das du wissen musst, Alexander: Mr. M ist zwar seit ungefähr 4 Jahren unsterblich in Sophie verliebt, aber in der Grundschule waren er und Hannah lange zusammen und da war sie so was wie seine große Liebe. Klar, Kindergartenbeziehung, blabla. Aber wer einmal, egal wann und wie, das Gefühl erfahren hat, von Mr. M geliebt worden zu sein, der... Naja, bleibt irgendwie mit seinem Herzen immer ein bisschen da hängen, wo Mr. M aufgehört hat, einen zu lieben. Ist so, kannst du mir glauben.)
Sie hat mir damals erzählt, dass Mr. M für sie auch irgendwie immer noch...
Wie genau sie es genannt hat, weiß ich nicht mehr, es war jedenfalls irgendwas in Richtung
Liebe, die einfach nicht aufhört, oder so.
Aber ihre Mr. M - Geschichte war zu dem Zeitpunkt schon 4 Jahre her und naja, meine gerade einmal 6 Wochen und deswegen habe ich einfach nicht angenommen,
dass es für sie so schlimm sein könnte, wie für mich,
dass er Luise küsst.
Wie falsch ich da offensichtlich gelegen habe.
Mag sein, dass ich ihr, was das Essen angeht,
nicht immer genau genug zugehört habe, damals,
es ist nur... Alexander, ich will nicht versuchen, mich in Schutz zu nehmen,
ich hab mich da echt auch einfach ein bisschen auf mich konzentriert,
muss ich ehrlich zugeben.
Aber hätte ich das nicht gemacht, wäre ich noch kaputter geworden, als ich ohnehin schon war danach,
ich hab tatsächlich ein komplettes Schuljahr gebraucht um mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen.
Naja, trotzdem, jedenfalls haben Hannah und ich damals durchaus viel miteinander geredet,
über alles mögliche und sie schien mir anders zu sein, als Luise,
nicht so verzweifelt, verstehst du?
Irgendwie mehr so wie ich, die das ganze zwar an ihre Grenzen gebracht und auch darüber hinaus,
habe einfach nicht in den Abgrund getrieben hat.
Wahrscheinlich habe ich deswegen geglaubt, das mit dem nicht essen wäre ne Sache von kurzer Dauer.
Vor allem, weil viele, mit mehr oder weniger effizienten Methoden,
versucht haben, sie dazu zu bewegen, wieder normal zu essen.
Auch Mr. M. (Ich kann immer wieder nur betonen, dass er eigentlich der Hauptgeschädigte sein muss, denn es heulen sich zwar alle bei mir aus, aber er ist der einzige, den ich, wenn's um diese Sache geht, immer wieder zutexte, wie auch gestern Nacht.)
Und irgendwie...
Der Fokus war dann doch mehr auf Luise gerichtet, die ständig damit gedroht hat, sich umzubringen.
Es tut mir Leid, das klingt so blöd
und ich bin mir sicher, dass ich damals auch nicht unbedingt immer so klug gehandelt habe,
aber ich war 13 und ich wusste einfach nicht, wie man damit umgehen soll,
wenn jemand sich umbringen will.
Und Hannah's Essproblem ist dann irgendwie im Sande verlaufen.

Ich würde ihr gern sagen, dass es mir Leid tut.
Ich fühle mich mitschuldig.
Sie hat gestern gesagt "Hat ja jeder Luise zugehört und niemand meine Worte für voll genommen."
Mag sein, dass es ihr so vorgekommen ist.
Aber es ist nicht so gewesen.
Und das hab ich ihr dann gestern auch so gesagt, ich wäre da gewesen,
aber ganz ehrlich, ich kann nicht in ihren Kopf reingucken und damals schon gar nicht.
Sie hat mir trotzdem widersprochen.
Ich frage mich ehrlich, ob sie weiß, wie weh sie mir damit tut.
Ich hoffe nicht und ich werde ihr das auch niemals sagen, macht es ja alles auch nicht besser,
aber trotzdem.
Sie hat zwischendurch mal 34 Kilo gewogen (ich bin mir sicher, dass hier unter meinen Lesern einige sind, die sich auf diesem Gebiet auskennen und, ich meine, jeder weiß dass das viel zu wenig ist, für ungefähr 1,65 m, aber könntet ihr vielleicht trotzdem dazu einen Kommentar abgeben, bitte?)
und dazu kommt noch, dass es die größten Zicken ihrer Klasse wussten und ich...
Naja.
Ich verstehe ihre Gründe, keine Frage.
Sie will nicht, dass ich mir Sorgen mache.
Vielleicht will sie sich auch nicht eingestehen, wie schlimm es ist.
Vielleicht schämt sie sich auch dafür.
Und... ach man Alexander.
Jedenfalls war ich gestern Abend ein bisschen überfordert mit dem Thema, weil gleichzeitig auch noch 3 andere Leute mit wirklich schwerwiegenden Dramen auf mich eingeredet haben und mein Kopf dann ein bisschen überfüllt war.

Ich hätte sie in diesem Moment gern angeschrien.
Dass ich mir Sorgen mache.
Warum sie nichts gesagt hat.
Du musst wissen, ich bin niemand, der andere anschreit.
Hab ich von meiner Mutter irgendwie.
Ich kann mich auch nicht streiten.
Aber in diesem Moment.
Denn, dass sie nichts gesagt hat, hat mich wirklich verletzt.
Aber wenn ich eins im Laufe der Zeit gelernt habe,
dann dass Vorwürfe nichts bringen
und dass man, wenn es jemandem schlecht geht,
nicht damit ankommen sollte,
was dieses Thema in einem selber veranstaltet.
Deswegen habe ich geschwiegen.

Bin dann noch ein bisschen durch die Nacht gelaufen,
zur "Kletterspinne", so heißt der Spielplatz auf dem ich als Kind immer war.
Ich hab sogar nach langer Zeit mal wieder geweint.
Ich saß da, auf der Schaukel
und über mir waren die Sterne und überall auf dem Eis der Seen haben sich die Lichter der Stadt gespiegelt
und es war wunderschön.
Der Wind war genau richtig kalt und in meinem Kopf war nur eine Frage:
Warum?

Alexander, es tut weh.
Ich fühl mich diesen Themen noch immer so hilflos gegenüber.
Warum kann man Menschen nicht retten?
Warum kann man sie bloß lieben?
Es tut so weh, Alexander.
Es tut so weh.

1 Kommentar:

Madame Traumtänzerin hat gesagt…

Ich glaube, ich habe nicht oft so einen Drang verspührt wie jetzt zu irgendeinem, nicht nur von deinen, Posts etwas zu schreiben.
Weißt du, erstmal solltest du dir keine Schuld geben, an gar nichts. Du warst so jung und all deine Freundinnen udn auch du selbst, ihr hattet/habt haufenweise probleme und auch wenn wir alle manchmal gerne superhelden wären, man kann nie alle retten, Liebes. Man kann manchmal ja nichtmal sich selbst vor irgendetwas retten, geschweige denn andere. Ich weiß, das klingt wie ein schwacher trost, aber ich kenn das selbst nur zu gut. Und es ist gut, dass du selbst versucht hast dich zu retten, denn das war wichtig. Auch wichtig für Hannah, denn dann bist du jetzt noch da und bist auch für sie da, nunmal so wie du jetzt bist.
diese 34 Kilo, und ich muss gestehen, ich gehöre zu der gruppe menschen, die sich mit dem thema viel zu viel beschäftigen, sind viel zu wenig. ich bin selbst nur 7 cm größer und wieg fast das doppelte. und die menschheit behauptet, dass ich nicht dick bin. Also finde ich 34 kilo sorgenerregend, ganz sicher.
Ich weiß nicht, wie sehr Hannah noch jetzt in der ganzen Sache drin steckt, aber weißt du, manchmal glaube ich, dass eine gute Freundin bei sowas helfen kann, auch wenn es ganz stark eigene Kopfsache ist. Also falls sie noch immer nicht isst, weiß ich, dass du die richtige bist. Diejenige, die für sie da sein kann. Ich möchte dich nicht unter druck setzen, liebes, ich denke das weißt du. Vergiss niemals dich selbst bei all dem übel auf der welt. Versuch weiterzuglänzen, denn ich glaube, dich sieht man sogar aus dem All funkeln. Pass auf dich auf.
Und alles Gute für Hannah. Ich wünsche auch ihr nur das beste.