Fast hätte ich's vergessen.
Ich schreib dir das jetzt noch.
Jetzt oder nie.
Mein erstes Ferienwochenende hat komplett chaotisch angefangen. Nein, eigentlich hat es sogar ziemlich gut begonnen, um genau zu sein, denn ich hab die erste Nacht einfach mal spontan bei Sophie gepennt. Und es war... Ruhig zwar, aber trotzdem gut. Wir haben uns verstanden, sehr sogar und wir hatten ausgemacht, dass wir das WM-Finale zusammen bei Carlos gucken. In dem Moment gab es nur uns beide und ich war so glücklich und Laura hat überhaupt keine Rolle gespielt.
Aber dann kam der Samstag. Und auf einmal war Laura doch mit von der Partie. Was an sich erstmal nicht schlimm war, ich hab mich sogar anfangs drauf gefreut. Wirklich. Aber dann... Alexander, dann kamen diese kleinen Nebensätze, die mich ausgeschlossen haben. Das ist nämlich die Wahrheit. In den letzten Monaten war ich bei den beiden einfach außen vor. Und jetzt, wo ich eigentlich mit Sophie verabredet war, platzte Laura einfach dazwischen und schwuppdiwupp konnte ich wieder sehen, wo ich bleibe. Das Problem bei mir ist, wenn ich durch etwas an eine Zeit in meinem Leben erinnert werde, in der es mir schlecht ging, womöglich sogar noch durch die betreffenden Personen, ist sofort alles wieder da. Dieselben Zweifel, Ängste und soweiter.
Aber in diesem Fall ging es um das WM - Finale! Deutschland könnte Weltmeister werden!!! Ein vielleicht historischer Abend. Und ich sollte mir den womöglich damit versauen, dass ich von meinen besten Freundinnen ausgeschlossen, allein dastehen würde? Darauf hatte ich keine Lust. Jedes andere Spiel, gern. Um der Freundschaft willen und überhaupt. Aber das Finale? Sorry. Da wollte ich echt kein Risiko eingehen. (Kurze Anmerkung: ich hasse das Wort ausgeschlossen. Es klingt so Loser-mäßig. Und ist es auch irgendwie. Aber es trifft die Situation einfach am besten. Und wahrscheinlich bin ich auch ein Loser und will es bloß nicht einsehen.) Ich war hin und hergerissen. Habe Gustav und Hannah um Rat gefragt und ich frag sonst niemanden wegen irgendwas. Ach und meine Mutter sogar auch noch. Ich hatte genau drei Möglichkeiten, nein, eigentlich sogar vier:
1. hingehen und so tun, als hätte es das Drama in meinem Kopf nie gegeben
2. hingehen, die beiden einfach links liegen lassen und mit anderen Leuten reden
3. nicht hingehen und zu Hause gucken
4. nicht hingehen und stattdessen zum öffentlichen Public Viewing auf die Freilichtbühne
Zweitens erschien mir erst als die beste Lösung. Vielleicht würde der Abend ja doch gut werden. Einziger Haken an der Sache: Außer uns dreien und Carlos würde da so gut wie niemand sein, den ich kenne. Und so tun, als hätte ich mir nicht vor Panik total ins Hemd gemacht? Hatte ich lange genug! Die beiden wollten immer, dass ich ehrlich bin. Außerdem würden Stine und Jenny auf die Freilichtbühne gehen und Philipp, Tom und Jason auch. Immerhin fünf Leute, die ich mehr oder weniger gut kannte. Zu Hause gucken war von vornherein nicht wirklich in Frage gekommen.
Na, was ist wohl passiert?
Der Abend wäre bestimmt kein so nennenswertes Erlebnis gewesen, wenn ich mit Laura und Sophie geguckt hätte. Klar, Deutschland wäre trotzdem Weltmeister geworden, aber so...
Ich hab mich mit Laura und Sophie gezofft. So richtig. Zum ersten Mal überhaupt.
Und dann hab ich mich mit Stine und Jenny vor'm Eingang verabredet.
Himmel, das war vielleicht voll, als wir reinkamen. Ganz oben gab's noch ein paar Sitzplätze und da haben wir drei uns dann hingequetscht. Tom war mit seiner Begleitung, einer mir unbekannten Blondine genauso schnell wieder weg, wie er gekommen war. Richtung Klo. Die beiden hab ich dann erst gegen Ende des Spiels wiedergesehen, als sie zu uns gekommen sind, um zu feiern. Aber Jason und sein Kumpel Hannes haben sich zu uns gesetzt. Es war ziemlich unbequem und die Kerle neben uns hatten auch schon ordentlich getrunken, etwas, wovor ich immer großen Respekt hab. Klar, es ist irgendwie klischeehaft, aber irgendwoher müssen die Klischees ja kommen und... naja, jedenfalls haben wir uns unterhalten, zu fünft. Hier sei angemerkt, dass Jason eine Freundin hat, die war zu dem Zeitpunkt aber in London. Irgendwann kurz vor dem Anpfiff sind Stine und Jenny aufgestanden und haben versucht, Bier zu holen. Ich sage versucht, weil wir alle erst 15 sind. Vermutlich wird das alles viel weniger lustig, wenn wir's legal düfen. Kurzum, sie haben's bekommen, es war total überteuert und ziemlich eklig. Getrunken hab ich's trotzdem und dabei haben wir die ganze Zeit rumgealbert. Das war vielleicht ein Gefühl. Sowas hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Einfach mit einem Jungen geredet, einem Jungen, dessen Bild von mir noch nicht festgelegt war, der sogar über meine Witze lachen konnte und das alles ohne den drohenden Schatten meiner lieben Sophie über meinem Kopf zu haben, die jederzeit die Situation und alle Beteiligten hätte an sich reißen können. Ja, das ist nicht fair. Und ich meine es nicht so. Ihr Schatten ist nicht drohend. Aber er ist da. Und manchmal reicht das.
Zum Glück sind alle aufgesprungen, als die Nationalhymne begonnen hat, sonst hätten wir womöglich den Anpfiff verpasst. Ich war vorher noch nie beim Public Viewing und die schwarz-rot-gelbe Durcheinander war schon sehr beeindruckend, wirklich. Und dann ging's los.
Von der ersten Halbzeit hab ich ungefähr die Hälfte mitbekommen. Immerhin, wie Kramer seinen Kopfstoß verpasst bekommen hat. (Das war doch in der 1. Hälfte, oder?) In der Pause bin ich mit Stine und Jenny auf Toilette und die beiden wollten sich dann noch ein ruhiges Örtchen suchen um... Ja, richtig. Sie wollten kurz einen Joint rauchen. Ich bin einfach mitgekommen. Mein Versprechen an Hannah, dass wir zusammen zum ersten Mal ziehen würden, hatte ich in dem Moment komplett vergessen. Wir drei sind über das Gelände geirrt, aber es gab keinen vernünftigen Platz. Und dann hat es auch noch leicht angefangen, zu regnen. Schließlich haben wir uns unter einen Baum gekauert, direkt hinter dem Rücken der Sicherheitsleute, ohne Witz. Die hätten sich bloß einmal umdrehen brauchen, schon hätte sie uns erwischt. Mein erster und bisher einziger Zug war ziemlich unspektakulär, ich musste bloß ganz schön husten. Dann sind wir schnell zurück zu unseren Plätzen, weil die zweite Halbzeit gleich wieder anfangen würde. Mittlerweile waren aus den wenigen Regentropfen ganz schön viele Regentropfen geworden und wie sich herausstellte war Jenny die Einzige gewesen, die halbwegs mitgedacht und einen Regenschirm eingesteckt hatte. Zu fünft unter einen Regenschirm ging nicht, keine Frage. Also haben sich Stine und Jenny unter eine Decke gehockt, während Hannes und Jason sich den Regenschirm geteilt haben. Mit mir. Auf Jasons Schoß. Auch das ist schon Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen. Oder sogar noch nie, ich weiß es nicht.
Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Schirm so zu halten, dass wir möglichst alle fünf was davon haben würden. Deshalb ließ es sich nicht vermeiden, dass ich einen Arm um Jason legen musste. Sonst hätte er nichts gesehen. Er hat seinen Kopf auf meine Schulter gelegt und mit Hannes Witze gemacht. Und irgendwann kamen seine Hände. Ich hatte an dem Abend wirklich viele Schichten an, weil ich nicht krank werden wollte und trotzdem hatten sie sich nach ungefähr 5 Minuten bis auf mein Top vorgearbeitet. Sowas hatte ich definitiv noch nie erlebt. Mag sein, dass das komisch ist. Ich bin 15. Die meisten hatten in dem Alter schon Sex. Aber ich... ich hab immer nur geküsst. Ich kannte bis vor kurzem einfach nicht die richtigen Leute um rumzumachen.
Zurück zu seinen Händen. Oder besser gesagt, zu seiner rechten Hand. Die passte ziemlich gut auf meine Taille, muss man ja sagen. Aber wahrscheinlich passen alle Hände gut auf Taillen. Wahrscheinlich ist das nicht bemerkenswert. Jedenfalls war sie da für eine sehr lange Zeit. Und sie war sehr sanft und sehr vorsichtig und genau richtig. Man merkt ihm definitiv an, dass er Erfahrung hat. Wir haben weiter gelacht und mittlerweile waren wir alle auch schon nicht mehr ganz so trocken und auf der Leinwand hat einfach keiner ein Tor geschossen. Einerseits habe ich gehofft, dass es noch in der regulären Spielzeit passieren würde, damit ich nicht länger in meinen nassen, kalten Klamotten da sitzen müsste, andererseits... wollte ich nicht schon nach 90 Minuten gehen müssen. Dazu hatte es einfach zu gut angefangen. Irgendwann kam seine linke Hand ins Spiel. Genauso vorsichtig und sanft wie die andere Hand hat sie sich... Nicht etwa auf meine Taille gelegt, sondern unter mein Top geschoben. Nur ein klitzekleines bisschen. Das hat sich nicht mehr genau richtig angefühlt und zwar aus zwei Gründen: 1. hab ich in dem Moment festgestellt, wie enorm kitzelig ich am Bauch bin und 2. haben sich in meinem Kopf schon die tollkühnsten Fantasien abgespielt, weswegen ich schon die geringsten Anzeichen dringend unterbinden musste. Nicht, dass ich nicht gern mit ihm rumgemacht hätte. Jason sieht gut aus. Und er ist schon mit Emma fremdgegangen und mit weiß Gott wem sonst noch. Aber mein Gewissen hätte das nicht akzeptieren können, in dem Moment. Also hab ich seine Hand genommen und weggeschoben. Aber keine zwei Minuten später war sie wieder da. Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen, so sehr gekitzelt hat es. Vier oder fünf Mal hab ich seine Hand genommen und irgendwann hab ich es dann gelassen. Sie war einfach nur da. Auf meiner Haut. Und es wusste niemand, außer uns beiden. Und für Deutschland sah es nicht gut aus, die Argentinier haben oft angegriffen. Aber irgendwie konnten sich beide in die Verlängerung retten. Und dann kamen Tom und seine Bekannten wieder.
Und Jason konnte nicht mehr sitzen. Und es hat in Strömen geregnet. Ich war emotional sehr... Verwirrt könnte man sagen. Ich bin immer hin und her gehüpft und hab zu Stine und Jenny gesagt, dass ich total anfangen würde, zu heulen, wenn Deutschland dieses Spiel verlieren würde. Und Stine und Jenny haben gelacht und Schweinsteiger lag am Boden und ich dachte, dass es bald vorbei sein könnte. Der Regen war doch irgendwie ziemlich kalt.
Und dann hat Götze das Tor geschossen. Und Jason stand am anderen Ende der Reihe. Weltmeister, heilige Scheiße. Wir haben bis zum Schlusspfiff nur noch geschrien und uns umarmt. Also, naja. Ich hab Stine und Jenny umarmt. Jason Tom und Hannes. Um uns rum haben alle gejubelt. Weil klar war, das bei dem Regen die meisten schnell nach Hause wollen würden, haben wir versucht, noch schneller zu sein. Das letzte, was ich an diesem Abend auf der Leinwand gesehen habe, waren Kloses Freudentränen. Ich bin wirklich sehr froh, dass er noch Weltmeister geworden ist.
Jason wohnt nur eine Straße weiter als ich, weshalb er mir schon vor dem Spiel versprochen hatte, mich nach Hause zu bringen. Ich hab mein Fahrrad abgeschlossen und meine Sachen waren wirklich alle schon sehr sehr nass und eklig und wir sind zu dritt durch die Straßen gelaufen, Jason, Hannes und ich. Überall haben die Autos gehupt, aber in der Innenstadt waren wir die einzigen. Hannes hat wirklich sehr schlechten Deutschrap angemacht, ich hab eine abfällige Bemerkung gemacht und Jason hat daraufhin einen lustigen Kommentar abgegeben. Wir haben gelacht und für einen kurzen Moment haben sich unsere Blicke getroffen und da war wieder all das Ungesagte und seine Hand auf meiner Taille. Und wir wussten es beide.
Irgendwann kurz vor meiner Straße, hat mit seiner Hand durch meine nassen Hand gewuschelt. "Ey", hab ich gesagt, "lass das." Und hab gelacht. Und er hat nicht aufgehört. Er hat einfach immer weiter gemacht. Und ich hab meine Eltern dafür verdammt, dass wir am nächsten Morgen um 10 in den Urlaub fahren würden. Dann waren wir an meiner Straße. Und wir haben uns angesehen. Das Festival, haben wir gesagt, da sehen wir uns bestimmt mal. Und gute Nacht. Eine Umarmung.
Weg waren sie.
Das ist nicht spektakulär, nein. Das weiß ich auch. Für mich ist es trotzdem besonders. Noch nie hat mir ein Junge durch meine Haare gewuschelt. Noch nie hatte ein Junge seine Hand unter meinem Top. Auch wenn's nicht besonders weit war. Es ist zum ersten Mal passiert.
Voller Freude hab ich es Hannah erzählt. Und Stine ein bisschen, aber die war ja sowieso dabei.
Wir haben uns am nächsten Morgen auf dem Bahnhof gesehen. Ich von meiner besten Seite in voller Fahrradmontur. Perfekt. Mein Handy hatte ich während der ganzen Zeit nicht dabei und als ich es an diesem Abend angemacht hab, blinkten mir zwei böse Nachrichten von ihm entgegen. Was ich labern würde. Alle würden ihn auf gestern Abend ansprechen. Ob ich noch ganz dicht bin, seiner Freundin erzählen zu wollen, er hätte mich küssen wollen.
Hier muss ich sagen, ich bin immer darauf bedacht, niemandem wehzutun. Das Schlimmste, was ich mal zu jemandem gesagt habe, war, dass ich ihn hasse (Mr. M) und das Zweitschlimmste, als ich einer Freundin aus der Grundschule erklärt habe, sie könne mich mal. Ohne Witz. Deswegen beschäftigt es mich immer ziemlich, wenn ich dann sowas zu lesen bekomme.
In dieser Stadt verbreiten sich die Gerüchte, bevor man auch nur irgendwas gesagt hat und das wusste ich. Und deshalb hatte ich auch nur Hannah und Stine davon erzählt.
Wer diesen Kram erzählt hat, weiß ich bis heute nicht.
Aber das Ungesagte musste dadurch ausgesprochen werden und damit war natürlich alles gegessen.
C'est la vie.
Hannah meint, er ist nicht sauer auf mich. Ich denke, ich bin für ihn einfach nicht wichtig genug, als dass er irgendwas sein könnte.
Wir haben uns gestern gleich zwei Mal gesehen. Beim ersten Mal konnte wir beide geflissentlich so tun, als hätten wir uns nicht bemerkt. Aber beim zweiten Mal sind wir zwangsweise direkt aneinander vorbeigelaufen. Er mit seinem Kumpel, ich mit meiner Mutter. Ich glaub unser beider Lächeln war ziemlich gequält und dem Kommentar meiner Mutter nach, bin ich ziemlich rot geworden.
Ich muss wohl noch viel lernen.
Ich schreib dir das jetzt noch.
Jetzt oder nie.
Mein erstes Ferienwochenende hat komplett chaotisch angefangen. Nein, eigentlich hat es sogar ziemlich gut begonnen, um genau zu sein, denn ich hab die erste Nacht einfach mal spontan bei Sophie gepennt. Und es war... Ruhig zwar, aber trotzdem gut. Wir haben uns verstanden, sehr sogar und wir hatten ausgemacht, dass wir das WM-Finale zusammen bei Carlos gucken. In dem Moment gab es nur uns beide und ich war so glücklich und Laura hat überhaupt keine Rolle gespielt.
Aber dann kam der Samstag. Und auf einmal war Laura doch mit von der Partie. Was an sich erstmal nicht schlimm war, ich hab mich sogar anfangs drauf gefreut. Wirklich. Aber dann... Alexander, dann kamen diese kleinen Nebensätze, die mich ausgeschlossen haben. Das ist nämlich die Wahrheit. In den letzten Monaten war ich bei den beiden einfach außen vor. Und jetzt, wo ich eigentlich mit Sophie verabredet war, platzte Laura einfach dazwischen und schwuppdiwupp konnte ich wieder sehen, wo ich bleibe. Das Problem bei mir ist, wenn ich durch etwas an eine Zeit in meinem Leben erinnert werde, in der es mir schlecht ging, womöglich sogar noch durch die betreffenden Personen, ist sofort alles wieder da. Dieselben Zweifel, Ängste und soweiter.
Aber in diesem Fall ging es um das WM - Finale! Deutschland könnte Weltmeister werden!!! Ein vielleicht historischer Abend. Und ich sollte mir den womöglich damit versauen, dass ich von meinen besten Freundinnen ausgeschlossen, allein dastehen würde? Darauf hatte ich keine Lust. Jedes andere Spiel, gern. Um der Freundschaft willen und überhaupt. Aber das Finale? Sorry. Da wollte ich echt kein Risiko eingehen. (Kurze Anmerkung: ich hasse das Wort ausgeschlossen. Es klingt so Loser-mäßig. Und ist es auch irgendwie. Aber es trifft die Situation einfach am besten. Und wahrscheinlich bin ich auch ein Loser und will es bloß nicht einsehen.) Ich war hin und hergerissen. Habe Gustav und Hannah um Rat gefragt und ich frag sonst niemanden wegen irgendwas. Ach und meine Mutter sogar auch noch. Ich hatte genau drei Möglichkeiten, nein, eigentlich sogar vier:
1. hingehen und so tun, als hätte es das Drama in meinem Kopf nie gegeben
2. hingehen, die beiden einfach links liegen lassen und mit anderen Leuten reden
3. nicht hingehen und zu Hause gucken
4. nicht hingehen und stattdessen zum öffentlichen Public Viewing auf die Freilichtbühne
Zweitens erschien mir erst als die beste Lösung. Vielleicht würde der Abend ja doch gut werden. Einziger Haken an der Sache: Außer uns dreien und Carlos würde da so gut wie niemand sein, den ich kenne. Und so tun, als hätte ich mir nicht vor Panik total ins Hemd gemacht? Hatte ich lange genug! Die beiden wollten immer, dass ich ehrlich bin. Außerdem würden Stine und Jenny auf die Freilichtbühne gehen und Philipp, Tom und Jason auch. Immerhin fünf Leute, die ich mehr oder weniger gut kannte. Zu Hause gucken war von vornherein nicht wirklich in Frage gekommen.
Na, was ist wohl passiert?
Der Abend wäre bestimmt kein so nennenswertes Erlebnis gewesen, wenn ich mit Laura und Sophie geguckt hätte. Klar, Deutschland wäre trotzdem Weltmeister geworden, aber so...
Ich hab mich mit Laura und Sophie gezofft. So richtig. Zum ersten Mal überhaupt.
Und dann hab ich mich mit Stine und Jenny vor'm Eingang verabredet.
Himmel, das war vielleicht voll, als wir reinkamen. Ganz oben gab's noch ein paar Sitzplätze und da haben wir drei uns dann hingequetscht. Tom war mit seiner Begleitung, einer mir unbekannten Blondine genauso schnell wieder weg, wie er gekommen war. Richtung Klo. Die beiden hab ich dann erst gegen Ende des Spiels wiedergesehen, als sie zu uns gekommen sind, um zu feiern. Aber Jason und sein Kumpel Hannes haben sich zu uns gesetzt. Es war ziemlich unbequem und die Kerle neben uns hatten auch schon ordentlich getrunken, etwas, wovor ich immer großen Respekt hab. Klar, es ist irgendwie klischeehaft, aber irgendwoher müssen die Klischees ja kommen und... naja, jedenfalls haben wir uns unterhalten, zu fünft. Hier sei angemerkt, dass Jason eine Freundin hat, die war zu dem Zeitpunkt aber in London. Irgendwann kurz vor dem Anpfiff sind Stine und Jenny aufgestanden und haben versucht, Bier zu holen. Ich sage versucht, weil wir alle erst 15 sind. Vermutlich wird das alles viel weniger lustig, wenn wir's legal düfen. Kurzum, sie haben's bekommen, es war total überteuert und ziemlich eklig. Getrunken hab ich's trotzdem und dabei haben wir die ganze Zeit rumgealbert. Das war vielleicht ein Gefühl. Sowas hatte ich seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Einfach mit einem Jungen geredet, einem Jungen, dessen Bild von mir noch nicht festgelegt war, der sogar über meine Witze lachen konnte und das alles ohne den drohenden Schatten meiner lieben Sophie über meinem Kopf zu haben, die jederzeit die Situation und alle Beteiligten hätte an sich reißen können. Ja, das ist nicht fair. Und ich meine es nicht so. Ihr Schatten ist nicht drohend. Aber er ist da. Und manchmal reicht das.
Zum Glück sind alle aufgesprungen, als die Nationalhymne begonnen hat, sonst hätten wir womöglich den Anpfiff verpasst. Ich war vorher noch nie beim Public Viewing und die schwarz-rot-gelbe Durcheinander war schon sehr beeindruckend, wirklich. Und dann ging's los.
Von der ersten Halbzeit hab ich ungefähr die Hälfte mitbekommen. Immerhin, wie Kramer seinen Kopfstoß verpasst bekommen hat. (Das war doch in der 1. Hälfte, oder?) In der Pause bin ich mit Stine und Jenny auf Toilette und die beiden wollten sich dann noch ein ruhiges Örtchen suchen um... Ja, richtig. Sie wollten kurz einen Joint rauchen. Ich bin einfach mitgekommen. Mein Versprechen an Hannah, dass wir zusammen zum ersten Mal ziehen würden, hatte ich in dem Moment komplett vergessen. Wir drei sind über das Gelände geirrt, aber es gab keinen vernünftigen Platz. Und dann hat es auch noch leicht angefangen, zu regnen. Schließlich haben wir uns unter einen Baum gekauert, direkt hinter dem Rücken der Sicherheitsleute, ohne Witz. Die hätten sich bloß einmal umdrehen brauchen, schon hätte sie uns erwischt. Mein erster und bisher einziger Zug war ziemlich unspektakulär, ich musste bloß ganz schön husten. Dann sind wir schnell zurück zu unseren Plätzen, weil die zweite Halbzeit gleich wieder anfangen würde. Mittlerweile waren aus den wenigen Regentropfen ganz schön viele Regentropfen geworden und wie sich herausstellte war Jenny die Einzige gewesen, die halbwegs mitgedacht und einen Regenschirm eingesteckt hatte. Zu fünft unter einen Regenschirm ging nicht, keine Frage. Also haben sich Stine und Jenny unter eine Decke gehockt, während Hannes und Jason sich den Regenschirm geteilt haben. Mit mir. Auf Jasons Schoß. Auch das ist schon Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen. Oder sogar noch nie, ich weiß es nicht.
Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, den Schirm so zu halten, dass wir möglichst alle fünf was davon haben würden. Deshalb ließ es sich nicht vermeiden, dass ich einen Arm um Jason legen musste. Sonst hätte er nichts gesehen. Er hat seinen Kopf auf meine Schulter gelegt und mit Hannes Witze gemacht. Und irgendwann kamen seine Hände. Ich hatte an dem Abend wirklich viele Schichten an, weil ich nicht krank werden wollte und trotzdem hatten sie sich nach ungefähr 5 Minuten bis auf mein Top vorgearbeitet. Sowas hatte ich definitiv noch nie erlebt. Mag sein, dass das komisch ist. Ich bin 15. Die meisten hatten in dem Alter schon Sex. Aber ich... ich hab immer nur geküsst. Ich kannte bis vor kurzem einfach nicht die richtigen Leute um rumzumachen.
Zurück zu seinen Händen. Oder besser gesagt, zu seiner rechten Hand. Die passte ziemlich gut auf meine Taille, muss man ja sagen. Aber wahrscheinlich passen alle Hände gut auf Taillen. Wahrscheinlich ist das nicht bemerkenswert. Jedenfalls war sie da für eine sehr lange Zeit. Und sie war sehr sanft und sehr vorsichtig und genau richtig. Man merkt ihm definitiv an, dass er Erfahrung hat. Wir haben weiter gelacht und mittlerweile waren wir alle auch schon nicht mehr ganz so trocken und auf der Leinwand hat einfach keiner ein Tor geschossen. Einerseits habe ich gehofft, dass es noch in der regulären Spielzeit passieren würde, damit ich nicht länger in meinen nassen, kalten Klamotten da sitzen müsste, andererseits... wollte ich nicht schon nach 90 Minuten gehen müssen. Dazu hatte es einfach zu gut angefangen. Irgendwann kam seine linke Hand ins Spiel. Genauso vorsichtig und sanft wie die andere Hand hat sie sich... Nicht etwa auf meine Taille gelegt, sondern unter mein Top geschoben. Nur ein klitzekleines bisschen. Das hat sich nicht mehr genau richtig angefühlt und zwar aus zwei Gründen: 1. hab ich in dem Moment festgestellt, wie enorm kitzelig ich am Bauch bin und 2. haben sich in meinem Kopf schon die tollkühnsten Fantasien abgespielt, weswegen ich schon die geringsten Anzeichen dringend unterbinden musste. Nicht, dass ich nicht gern mit ihm rumgemacht hätte. Jason sieht gut aus. Und er ist schon mit Emma fremdgegangen und mit weiß Gott wem sonst noch. Aber mein Gewissen hätte das nicht akzeptieren können, in dem Moment. Also hab ich seine Hand genommen und weggeschoben. Aber keine zwei Minuten später war sie wieder da. Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen, so sehr gekitzelt hat es. Vier oder fünf Mal hab ich seine Hand genommen und irgendwann hab ich es dann gelassen. Sie war einfach nur da. Auf meiner Haut. Und es wusste niemand, außer uns beiden. Und für Deutschland sah es nicht gut aus, die Argentinier haben oft angegriffen. Aber irgendwie konnten sich beide in die Verlängerung retten. Und dann kamen Tom und seine Bekannten wieder.
Und Jason konnte nicht mehr sitzen. Und es hat in Strömen geregnet. Ich war emotional sehr... Verwirrt könnte man sagen. Ich bin immer hin und her gehüpft und hab zu Stine und Jenny gesagt, dass ich total anfangen würde, zu heulen, wenn Deutschland dieses Spiel verlieren würde. Und Stine und Jenny haben gelacht und Schweinsteiger lag am Boden und ich dachte, dass es bald vorbei sein könnte. Der Regen war doch irgendwie ziemlich kalt.
Und dann hat Götze das Tor geschossen. Und Jason stand am anderen Ende der Reihe. Weltmeister, heilige Scheiße. Wir haben bis zum Schlusspfiff nur noch geschrien und uns umarmt. Also, naja. Ich hab Stine und Jenny umarmt. Jason Tom und Hannes. Um uns rum haben alle gejubelt. Weil klar war, das bei dem Regen die meisten schnell nach Hause wollen würden, haben wir versucht, noch schneller zu sein. Das letzte, was ich an diesem Abend auf der Leinwand gesehen habe, waren Kloses Freudentränen. Ich bin wirklich sehr froh, dass er noch Weltmeister geworden ist.
Jason wohnt nur eine Straße weiter als ich, weshalb er mir schon vor dem Spiel versprochen hatte, mich nach Hause zu bringen. Ich hab mein Fahrrad abgeschlossen und meine Sachen waren wirklich alle schon sehr sehr nass und eklig und wir sind zu dritt durch die Straßen gelaufen, Jason, Hannes und ich. Überall haben die Autos gehupt, aber in der Innenstadt waren wir die einzigen. Hannes hat wirklich sehr schlechten Deutschrap angemacht, ich hab eine abfällige Bemerkung gemacht und Jason hat daraufhin einen lustigen Kommentar abgegeben. Wir haben gelacht und für einen kurzen Moment haben sich unsere Blicke getroffen und da war wieder all das Ungesagte und seine Hand auf meiner Taille. Und wir wussten es beide.
Irgendwann kurz vor meiner Straße, hat mit seiner Hand durch meine nassen Hand gewuschelt. "Ey", hab ich gesagt, "lass das." Und hab gelacht. Und er hat nicht aufgehört. Er hat einfach immer weiter gemacht. Und ich hab meine Eltern dafür verdammt, dass wir am nächsten Morgen um 10 in den Urlaub fahren würden. Dann waren wir an meiner Straße. Und wir haben uns angesehen. Das Festival, haben wir gesagt, da sehen wir uns bestimmt mal. Und gute Nacht. Eine Umarmung.
Weg waren sie.
Das ist nicht spektakulär, nein. Das weiß ich auch. Für mich ist es trotzdem besonders. Noch nie hat mir ein Junge durch meine Haare gewuschelt. Noch nie hatte ein Junge seine Hand unter meinem Top. Auch wenn's nicht besonders weit war. Es ist zum ersten Mal passiert.
Voller Freude hab ich es Hannah erzählt. Und Stine ein bisschen, aber die war ja sowieso dabei.
Wir haben uns am nächsten Morgen auf dem Bahnhof gesehen. Ich von meiner besten Seite in voller Fahrradmontur. Perfekt. Mein Handy hatte ich während der ganzen Zeit nicht dabei und als ich es an diesem Abend angemacht hab, blinkten mir zwei böse Nachrichten von ihm entgegen. Was ich labern würde. Alle würden ihn auf gestern Abend ansprechen. Ob ich noch ganz dicht bin, seiner Freundin erzählen zu wollen, er hätte mich küssen wollen.
Hier muss ich sagen, ich bin immer darauf bedacht, niemandem wehzutun. Das Schlimmste, was ich mal zu jemandem gesagt habe, war, dass ich ihn hasse (Mr. M) und das Zweitschlimmste, als ich einer Freundin aus der Grundschule erklärt habe, sie könne mich mal. Ohne Witz. Deswegen beschäftigt es mich immer ziemlich, wenn ich dann sowas zu lesen bekomme.
In dieser Stadt verbreiten sich die Gerüchte, bevor man auch nur irgendwas gesagt hat und das wusste ich. Und deshalb hatte ich auch nur Hannah und Stine davon erzählt.
Wer diesen Kram erzählt hat, weiß ich bis heute nicht.
Aber das Ungesagte musste dadurch ausgesprochen werden und damit war natürlich alles gegessen.
C'est la vie.
Hannah meint, er ist nicht sauer auf mich. Ich denke, ich bin für ihn einfach nicht wichtig genug, als dass er irgendwas sein könnte.
Wir haben uns gestern gleich zwei Mal gesehen. Beim ersten Mal konnte wir beide geflissentlich so tun, als hätten wir uns nicht bemerkt. Aber beim zweiten Mal sind wir zwangsweise direkt aneinander vorbeigelaufen. Er mit seinem Kumpel, ich mit meiner Mutter. Ich glaub unser beider Lächeln war ziemlich gequält und dem Kommentar meiner Mutter nach, bin ich ziemlich rot geworden.
Ich muss wohl noch viel lernen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen