Sonntag, 7. Dezember 2014

Alexander,

nach meinem vor Euphorie und Glück beinah überschäumenden letzten Brief
schlage ich jetzt hier ruhigere Töne an.
Der Regen prasselt ruhig und gleichmäßig auf meine Fenster,
immer noch Regen, obwohl schon seit sieben Tagen Dezember ist.
Aber es ist irgendwie entspannend.
Melanchlie ist auch ein unendliches Gefühl,
so traurig und schwermütig
und gleichzeitig so okay.
Ich fühl mich heute wie ein Bosse - Album.
Bin zwar glanzlos gescheitert,
aber durfte dafür die glänzenden Augen meiner lachenden Freunde erleben,
heller als die Lichter, die zur Zeit überall rumschwirren,
weil Weihnachten so nah und noch so weit weg ist.
Mein Leben ist genauso komisch
wie ich selbst,
genauso chaotisiert und berechenbar,
Und ich weiß noch immer nicht,
worum es eigentlich geht
und spreche das aus, was besser ungesagt geblieben wäre,
singe in die Pausen rein
und werfe an den falschen Stellen die Arme in die Luft.
Ich bin so glücklich und gleichzeitig so nachdenklich.
Dass nichts für immer ist,
wird mir jeden Tag schmerzlich bewusst
und deswegen mache ich manchmal einfach die Augen zu
und höre den Leuten, die mir das Liebste auf der Welt sind,
beim Reden zu.
Und höre ihnen einfach zu, wie sie lachen
und Alexander, es macht mich so glücklich.
Sie alle werden nie wissen,
wie sehr ich sie liebe,
wie dankbar ich ihnen bin,
diese Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen,
Alexander, sie werden nie sehen,
wie schön sie sind,
sie alle,
weil sie sich selbst nie durch meine Augen sehen können.
Ich hab so ein verdammtes Glück,
jede einzelne Sekunde.

Ich liebe es, nachts ganz leise die Haustür aufzuschließen,
nachdem ich alle nach Hause gebracht habe
und mir dann in aller Ruhe noch einen Tee zu machen,
weil ich das immer so mache,
wenn ich als Letzte komme und alle schon schlafen.
Wann ich jemals wieder nach Hause komme?
Ich weiß es nicht.
Aber darum geht's auch gar nicht.
Meine Hände sind auch dann warm,
wenn keiner sie hält.

Ich will alles und nichts,
ich will weg,
will nach London, New York und Rio de Janeiro,
einfach raus in die Welt und leben
und den Dreck hören, den Lärm fühlen,
und gleichzeitig will ich einfach nur hier bleiben,
will, dass es für immer so bleibt, wie es jetzt ist,
weil es - Alexander, hör gut zu,
denn ich werde es nie wieder so sagen -
perfekt ist,
in diesem Augenblick.

Ich will Gewitter und Sonnenuntergang,
ich will Musik und Stille,
will Kaffee und Kakao.
Ich brauche alles und jeden in diesem Moment
und im selben Atemzug war ich noch nie unabhängiger.
Ich will frei sein und gleichzeitig sicher.
Ich möchte gerade weinen und doch kann ich nicht anders,
als zu lächeln.

Alexander, ich bin so sehr ich selbst in diesen Tagen
und alles was bleibt,
ist ein bisschen Angst.
Angst davor, dass jemand kommt und mir den Kopf verdreht
und ich mich wieder verliere.
Ich weiß, es wäre nicht schlimm,
aber manchmal einfach nicht zu denken
hat auch seine schönen Seiten,
weißt du,
ich hab schon so viel gedacht
in diesem Leben.

Und ich werde gerade so unheimlich müde
und ich hab so viel nicht gemacht,
aber ich hab dir geschrieben,
ich hab mal wieder versucht,
dir zu erklären,
wie es sich anfühlt,
wenn das Leben schön ist.

Es ist 00:03 Uhr und bald ist Weihnachten
und ich hab gleich wieder Schule und es ist kalt in meinem Zimmer.
In anderthalb Monaten werde ich schon 16.
So unerreichbar ist das gar nicht mehr,
vor allem aber klingt es nach langen Nächten.

Alexander,
ich hab so ein Glück gehabt.
Und ich bin so unendlich dankbar.
Jedem einzelnen Menschen,
auch allen, die das hier laut und leise mitverfolgen
und sich mit mir freuen.

Gute Nacht, Alexander.

Keine Kommentare: