Als ich nach dem Kino nach Hause komme, sitzt mein Vater noch am Küchentisch. Er blickt auf, hat vor sich das ZEITmagazin der aktuellen Ausgabe, Inhalt: Eine Reportage über Boko Haram und Interviews mit nigerianischen Frauen, die aus der Gefangenschaft der Terrororganisation geflohen sind.
Genau diesen Artikel hab ich letzte Nacht Gustav vorgelesen, hab mich immer wieder verlesen, schließlich war ich angetrunken und das Bier, das wir noch aufgemacht haben, hat nicht unbedingt zu einer Artikulationsverbesserung meinerseits beigetragen.
Ich nehme mir ein Glas aus dem Regal, gieße mir Wasser ein. Zu dem Schnupfen von letzter Woche ist seit gestern Nacht auch noch ein Kratzen im Hals gekommen, selbst Schuld, wer sich ohne Pulli Ende August die Kehle aus dem Leib brüllt. Dumm nur, dass ich in vier Tagen fliege.
Mein Vater sieht mir dabei zu, wie ich hastig austrinke, und sagt dann: "Manchmal hab ich das Gefühl, dass die Welt untergeht." Er bezieht sich auf das ZEITmagazin, aber nicht nur. Vor ein paar Tagen haben wir zusammen einen Film gesehen, "Die kommenden Tage" heißt der, mit guten deutschen Schauspielern, eigentlich sollte den jeder von uns sehen, wirklich jeder.
Denn obwohl der Film mehr als fünf Jahre alt, zeichnet er ein Bild von der Realität, wie sie in Zukunft sein wird, weil sie heute schon so zu sein beginnt, das nicht nur erschreckt, sondern schockiert.
Ich sehe meinen Vater an und nicke, sage, ich habe das ZEITmagazin auch schon gelesen und dass es nicht mit Worten zu beschreiben ist, was da passiert. Mein Vater deutet auf einen weiteren Artikel auf der Titelseite der ZEIT, ich überfliege kurz, der Autor schlägt aufgrund der hohen Rate an rechtsextremistischen Straftaten in Sachen einen "Säxit" vor.
"Wir ziehen alle nach Kanada", sagt mein Vater,"bis die durch die USA durch sind..."
"Ist die Welt schon längst durch Atombomben verstrahlt", unterbreche ich ihn.
Ich stelle mein Glas ab, gehe um den Tisch rum und umarme meinen Vater. Eigentlich umarmen wir uns nie, aber wie er da sitzt, mit dieser Angst, die genauso die meine ist, weil das alles so verdammt real ist...
Er fragt, wie es war. Meinst du den Film oder das Wochenende, frage ich zurück.
Ich erzähle kurz. Ob wir am Mittwoch doch noch grillen sollen, fragt mein Vater. Ich schüttel den Kopf, ist mir zu stressig, so kurz vor dem Flug. Wir reden noch über dies und das, dann wünsche ich ihm eine gute Nacht.
"Die Bilder aus Mazedonien hast du nicht gesehen, oder? Da warst du schon weg."
Ich hab die Bilder nicht gesehen, nur eine kurze Sequenz in den Nachrichten, vor einigen Tagen, wie sich die Leute in die Züge Richtung Ungarn quetschen. Beim Gedanken daran muss ich schlucken. "Ich muss ständig an den Film denken", sagt mein Vater und sieht mich an. "Das ist ja nicht nur im Süden, das macht ja auch was mit uns."
Ich schweige.
Er hat Recht und ich weiß es.
Vielleicht ist meine Familie komisch, bin ich komisch, aber ich kann und will die Augen nicht verschließen, vor dem, was da gerade mit uns, mit unserer Gesellschaft passiert. Und auch 10 Monate in Kanada werden mich davon nicht abhalten können.
Ich nicke und gehe dann langsam zur Tür. "Gute Nacht, Papa", sage ich, "und schlaf gut."
"Du auch", sagt er und dann gehe ich hoch.
In mein Zimmer, Handy gezückt, denn da warten die Nachrichten, Hannah, meine Hummel, diverse zukünftige Kanadierinnen, Viola, die jetzt schon in Schweden ist, meine Tumblr-Menschen, verschiedene Gruppenchats, Gregor und, überraschenderweise: Oliver.
Was will er denn, frage ich mich, denn Oliver schreibt mich nie an, aber vielleicht wollte er einfach nur jemandem was erzählen, ich frage nicht weiter nach. Ich höre ihm zu.
Hannah fragt, ob letzte Nacht ein Fehler war, aber sie sieht meine Antwort, nämlich die Frage, ob es sich so anfühlt, nicht mehr, sie schläft schon.
Mit Paula raste ich wegen Kanada aus, bei Lisa wegen ihres fast-Freundes, ich erzähle Nicole von meinen Hobbys und Gregor verkündet mir sehr unvermittelt, dass ihm die Nähe einer Freundin fehle und ich bin immer etwas ratlos, was ihn betrifft, er ist so undurchsichtig für mich, aber ich bemühe mich. Viola hatte eine kleine Jungs-Melancholie nach Hause, schläft aber auch schon, als ich hier antworte.
Hanna klagt über ihre Schmerzen und Ira erzählt mir aus ihrem Leben, vier Minuten, zwei Minuten, fünf Minuten und ich höre zu und versuche, ihr so zu antworten, wie es die Länge ihrer Nachrichten verlangt.
Ich bitte meinen Mond um Zeit und der Mensch, für den ich all das hier eigentlich schreibe, nämlich meine liebste Hummelbiene, hat sich gnädigerweise damit abgefunden, dass sie morgen mein Gedankenchaos lesen darf.
Eigentlich wollte ich ja zeitig schlafen. Wollte meinen Schlafrhythmus mal wieder normalisieren, nachdem ich die letzte Nacht bis morgens um kurz vor fünf mit Gustav in unserer Küche gesessen hab, mit Kerzen und schweren Zungen und noch schwereren Gedanken über all das hier, uns, das Leben, die Welt. Im Allgemeinen und Speziellen.
Ich werde krank und wäre ich vernünftig, würde ich jetzt schlafen.
Aber die Wahrheit ist, Alexander, in mir ist heute Nacht Weltuntergangsstimmung und ich will ihr Potenzial ausschöpfen und ich will dir berichten.
Von diesem meinem Leben, so klein und so zerbrechlich und so sehr ich selbst.
- Nachricht von Ira -
Der Gedanke, dass heute in 4 Monaten Weihnachten ist und ich heute in fünf Monaten schon 17 bin (heilige Scheiße, 17 O.o) und in vier verdammten Tagen auf der anderen Seite der Welt sitze und wahrscheinlich den härtesten Jetlag der Welt hab, ist komisch.
Der Gedanke, dass ich sie alle in drei Tagen das letzte Mal sehe.
Der Gedanke, dass ich so viele Menschen kenne, ohne ihnen jemals auch nur gegenüber gestanden zu haben.
In meinem Kopf verschieben sich zur Zeit sämtliche Regeln bezüglich zwischenmenschlicher Beziehungen vollkommen.
Nähe definiert sich neu und ich werde mit so vielen Situationen gleichzeitig konfrontiert, dass es manchmal nicht ganz leicht ist, damit umzugehen.
Allein die letzten 24 Stunden.
Gustav und ich kriegen noch mit, wie es wieder hell wird. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich diesen Sommer ohne zu schlafen einen neuen Tag gesehen habe.
Wir liegen nebeneinander auf unserem Sofa im Roten Salon, wie mein Bruder und ich das Zimmer nennen und schlafen erst fast ein und dann ist es kurz vor fünf und wir schlafen ganz ein und dann wache ich wieder auf und es ist noch nicht mal neun. Scheiße.
Ich stecke mein Handy in die Steckdose, sehe Nachrichten von Hannah, die noch bei Emma ist, Hanna und Viola, ich schreibe mit ihnen, während Gustav neben mir noch weiter zu schlafen versucht.
Irgendwann stehen wir dann doch auf, Frühstück, Hape Kerkeling auf YouTube, Gustav geht, ich gehe auch und zwar wieder ins Bett. Mittagsschlaf für anderthalb Stunden anstatt der eigentlich geplanten zwei, Cara schreibt, sie ist gerade in Australien und ich will sie nicht einfach abwürgen.
Dann duschen, Haare waschen, Joghurt essen und mit dem unbefriedigenden Gefühl der Unvollständigkeit und Unerfülltheit des eigenen Lebens Fotos in ein Fotoalbum einkleben. Florian fragt, ob ich mit ihm und Enno und Gustav ins Kino gehe und dann, später, fragt Lukas, ob ich ihm seinen Schlüssel mitbringen kann, den ich noch von gestern Abend in meiner Tasche hatte. Und meine Hummelbiene zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht und ich versuche, dem Mond zu erklären, was los ist, ohne mich dabei wirklich erfolgreich zu fühlen. Gregor leidet ebenfalls unter meiner Unvollständigkeit, aber was soll's. Ist mir irgendwie auch egal, jeder hat mal keinen guten Tag.
Und dann fahre ich zu Sophie, um ihr mein Abschiedsbuch zu bringen und sie ist noch im Schlafanzug und sieht so aus, wie ich mich fühle, nur in wunderschön. Und ich stehe vor ihrem Fenster und wir reden und sie erzählt mir, dass es gut war, dass Mr. M und sie sich gestern Nacht noch lange unterhalten haben und dann erzählt sie von Antonia, ihrer anderen besten Freundin und ich stehe da und halte mein Fahrrad fest im Wind und höre ihr zu und sehe sie an und mein Gott, sie ist so wunderschön.
Und ich kann mir nicht vorstellen, sie 10 Monate lang nicht zu sehen, denn allein ihre Anwesenheit, das merke ich jetzt, beruhigt mich so unvorstellbar, mach mich so unfassbar glücklich.
Und dann ab nach Hause und Toast essen und Mama und Papa und Mathilda und Lasse kommen und ich gehe schon wieder, Kino und dann sind da Laura und Gustav und Enno und Florian und Lukas.
Und wenn ich sie ansehe, sehe ich unser Lachen gestern Abend, wie wir Arm in Arm im Kreis hüpfen, die bösen Blicke der Leute um uns rum einfach wegsingen, wenn ich daran denke, wie sie wie die Klopse über diese Wiese gesprungen sind und sich dabei gegenseitig angerempelt haben, verdammt, wie bin ich auf die bescheuerte Idee gekommen, zu gehen?
Wir gucken den neuen Mission Impossible und dann... siehe oben.
Weißt du, Alexander, dieses Wochenende war perfekt.
Rebecca allein zu Haus.
Und dann, gestern Abend, all meine Lieblingsmenschen auf einem Haufen, der Kreis schließt sich hier und ich bin mal wieder in einem Irgendwann angelangt,
das nicht zu überbieten ist, an Zuversicht.
Und nichts fühlt sich realer an,
als das Hier und Jetzt
und ich sehe sie an,
Alexander
Alexander
und ich weiß,
nur dieser Moment zählt
und nichts sonst
und was morgen ist,
das werden wir sehen,
aber jetzt gerade, weißt du, in diesem einen Augenblick,
da ist es egal, was kommen wird
und alles ist perfekt.
Ich glaube, dass die Welt wie wir sie kennen den Bach runtergeht.
Und gleichzeitig glaube ich, dass das Leben jedes Einzelnen immer nur besser werden kann.
Das Paradoxon ist perfekt
und doch will ich nicht die Realität von meiner illusionären Zuversicht trennen,
denn, ich kann es nicht oft genug sagen, Alexander,
das Licht muss doch irgendwoher kommen
und in einer Welt, die immer dunkler wird,
müssen wir dann nicht irgendwann selbst das Licht sein?
Ich will dir noch so viel schreiben, Alexander,
über den Ort an dem meine Großeltern leben
und über interessante Dinge, die ich mit Hannah besprochen habe und die mich sehr zum Nachdenken gebracht haben,
aber weißt du, ich hab ja Kanada und vielleicht hab ich dort Zeit oder ich nehme sie mir einfach.
Ich glaube, ich nehme sie mir dann dort.
Mein Kopf ist mittlerweile so schwer, als würde er jeden Moment explodieren.
Das kann am Freitag gar kein gutes Ende nehmen und eigentlich wollte ich heute so viel erledigen,
verdammt,
ich bin am Arsch,
aber dieser Brief musste sein,
denn Alexander,
ich platze, spürst du das, ich platze, ich weiß nicht wohin mit mir.
Chaos.
Chaos.
Gleich, wenn ich das Fenster aufgemacht hab,
werde ich wieder ruhiger sein.
Das macht die Nachtluft und das ist gut so.
An meinem Handgelenk knistert das Goldpapier von Samstagnacht.
Ich muss schlafen, Alexander, ich muss jetzt wirklich.
Und trotz all der Dunkelheit, die da ist und die noch kommt,
glaube ich an das Licht und glaube ich daran,
dass das Gute, das Menschliche die Oberhand behalten wird,
irgendwie.
Im Licht.
♥ Deine Rebecca.
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