Montag, 17. April 2017

Lieber Alexander.

Es ist fast ein Jahr vergangen, seit meinem letzten Brief
und ich muss gestehen, ich hab schon lange nicht mehr an dich gedacht.
Das hat nichts mit dir zutun, ehrlich.
Ich hab einfach aufgehört, mich online rumzutreiben,
war zu beschäftigt in meiner offline-Welt.
Mein tumblr hat seit Monaten keinen neuen Post mehr gesehen,
ich lebe jetzt auf Snapchat, Whatsapp und Instagram,
nicht mehr anonym und unter Fremden,
sondern umgeben von Menschen, die mir im Alltag begegnen.

Ich habe keine Online-Identität, glaube ich,
ich bin einfach kein Mensch, der so was macht.
Selbstinszenierung auf Instagram? Fehlanzeige.
Ich lade Dinge in meiner Snapchat-Story hoch um meinen nicht-deutschen Freunden mein deutsches Leben zu zeigen.

Mein deutsches Leben.

Dieser Brief wird eine Momentaufnahme.
Ein Schnappschuss, vielleicht mit einigen Rückblenden.
Wer ist noch da?
Wohin geht die Reise?
Wie sieht's aus im Leben der schon gar nicht mehr so kleinen Rebecca?

Soundtrack: Hit My Heart - Boy. Ja, ich hör das immer noch und immer wieder.
Meine Haare sind durch den Winter weniger blond aber nicht weniger lang geworden, ich muss dringend mal wieder zum Friseur.
Gestern hab ich einen Bikini bestellt, für den Sommerurlaub.
Vorgestern hab ich mein Zimmer umgeräumt, weil ich das so wollte und weil Benjamin in genau drei Wochen herkommt. Und hier einzieht. Bei mir zu Hause. Wow.
Ich schick dir einfach mal ein Bild mit, auch wenn ich das sonst nicht mache, aber ich bin einfach so glücklich darüber:



Und ansonsten?
Ich bin 18, die Party kommt noch.
Ich gehe arbeiten, aber nur ein bisschen, so viel wie es mein wöchentlicher Zeitplan eben erlaubt.
Mein Wellensittich ist seit heute schon 8 Jahre lang Bestandteil meines Lebens und ich hab im September mit dem Rauchen komplett aufgehört.
Ich habe immer noch keinen Führerschein, aber das ändert sich hoffentlich demnächst.
Ich bin immer noch im Tanztheater, aber nicht mehr im Chor. Klavier und Flöte sind auch ersatzlos gestrichen.
Dafür geh ich jetzt zu Jugend debattiert, hab versucht, Pulse of Europe bei uns in der Stadt zu organisieren und bin Ausschussvorsitzende in einem politischen Planspiel. Ja, ich bin politisch geworden. C'est la vie.
Ich habe Ideen für mein Leben nach dem Abi, aber noch keinen Plan.
Ich lese weniger, als ich gern würde und äquivalent dazu spiele ich viel mehr Candy Crush als mir gut tut.
Ich hab mir endlich eine Schreibmaschine zugelegt.
Ich müsste eigentlich echt viel für die Schule machen, aber stattdessen fahre ich morgen in eine norddeutsche Hansestadt um eine Freundin aus Kanada zu besuchen.
Aber Abi ist eh erst im nächsten Jahr dran.

Mein Leben hier ist gut.
Wieder.
Ich weiß nicht, wie es im nächsten Jahr sein wird, wenn viele meiner Freunde in der weiten Welt herumgurken, Indien, Neuseeland, New York.
Ich weiß nicht, wie es im nächsten Jahr sein wird, wenn Benjamin hier ist.
Ich weiß so vieles nicht, aber jetzt gerade, in diesem Moment,
da ist es gut.

Nur damit du dich nicht täuschst, gerade zu Beginn des Schuljahres hatte ich echt...
Nennen wir es Startschwierigkeiten.
Viele meiner Freunde hier haben sich beschwert, dass ich mich so wenig gemeldet hab,
als ich im Ausland war.
Meine Eltern, naja, was soll ich dazu sagen, sind in ein weiteres Jahr voller ungelöster Eheprobleme gegangen - gemeinsam, obwohl sie das weder wirklich wollen noch müssen.
Mein neuer Jahrgang ist, trotz einiger Ausnahmen, eher durchwachsen.
Benjamin war in Brasilien und ich nicht mehr in Kanada.
Und all das zusammen war nicht einfach.
Ich war nicht glücklich.

Ich weiß auch nicht, ob ich heute so vollkommen glücklich bin.
Denn diese Vollkommenheit meines Lebens in der 10. Klasse,
die habe ich weder in Kanada noch danach jemals wieder so deutlich gespürt.
Ich hatte selten Momente in denen ich für einen kurzen Augenblick die Augen zu machen musste,
einfach um zu atmen,
um zu fühlen, wie das Glück warm durch meine Adern fließt,
diese Sekunde, in dem mein Brustkorb zu platzen schien,
vor überwältigender Dankbarkeit,
dafür, am Leben zu sein,
jetzt und hier.

Meine Klasse, diese lose Einheit aus bunt zusammengewürfelten Menschen,
die sich dennoch nicht ähnlicher hätten sein können,
hat mir ein Zuhause gegeben,
das ich bisher noch nicht wiedergefunden habe.

Du magst dich jetzt vielleicht fragen,
was denn mit Benjamin ist,
ob nicht er mir dieses Zuhause geben kann.

Dazu erst einmal eine kleine Zusammenfassung:

Mit meinem Abflug im Juli nach Deutschland haben wir uns getrennt, in Freundschaft und aus Vernunft.
Mit meinem ersten anderen Kuss im August hat Benjamin gefragt, ob wir nicht wieder zusammen sein können.
Mit seiner Rückkehr aus Brasilien wurde aus einer offenen Beziehung wieder eine monogame. Das war im November.
Im Dezember habe ich ihn, betrunken und ungewollt, betrogen, ein Kuss, mehr war da nicht, aber trotzdem.
Im Februar habe ich ihn endlich, nach 7 langen Monaten wiedergesehen, meinen Flug nach Vancouver hatte er sich zu Weihnachten gewünscht. Da waren wir dann schon ein Jahr zusammen.
Und jetzt sind es nur noch drei Wochen, bis ich in Berlin am Flughafen stehen werde, Gustav neben mir und Benjamin endlich, endlich wieder in die Arme schließen kann.
Er wohnt dann im Zimmer nebenan und schläft dann auf der Bettseite neben mir.
Bis zu den Sommerferien also 2,5 Monate, wird er bei uns wohnen
und danach sehen wir weiter.
Vielleicht bleibt er, bis ich mein Abi habe.
Vielleicht studiert er in Deutschland, vielleicht geht er zurück nach Kanada an die Uni.

Benjamin ist ein Zuhause der Sicherheit für mich,
er ist der Mensch, bei dem ich vollkommen ich sein kann.
Ich liebe ihn so sehr und ich kann mir kein Leben vorstellen,
in dem er keine Rolle mehr spielt.
Wir schreiben einander täglich mehrere hundert Nachrichten,
Briefe, Postkarten, Pakete,
wir telefonieren stundenlang.
Benjamin kennt mich besser als jeder Mensch sonst auf dieser Welt.
Er bringt mich zum Lachen, manchmal zum Weinen und immer wieder zum Staunen.
Durch und mit ihm habe ich Teile dieser Welt und Teile von mir entdeckt,
die sonst vielleicht für immer im Verborgenen geblieben wären.
Ich liebe ihn.

Aber Liebe ist nicht immer einfach,
nicht immer nur glücklich.
Und aus diesem Grund ist Benjamin nicht mein Zuhause vollkommenen, unbeschwerten Glückes,
so wie es meine Klasse war.
Benjamin ist das Zuhause, das sich für mich nach einer realistischen Zukunft anhört.
Nach einem Leben, das ich nur zu gern leben will.

Dass vollkommenes Glück ein temporäres Konzept ist,
war mir schon immer bewusst
und deswegen ist es auch nicht schlimm,
dass ich nicht mehr vollkommen glücklich bin.
Ich glaube nicht, dass mit 18 noch irgendjemand von sich behaupten kann,
vollkommen glücklich zu sein.
Ich glaube, die Sorglosigkeit, die Unbeschwertheit, aus denen diese Vollkommenheit resultiert,
die verschwindet mit dem Gedanken an die Zukunft,
mit der wachsenden Verantwortung,
mit jeder weiteren Sekunde, die wir leben.
Was nicht heißt, dass wir nicht mehr größtes Glück erfahren, erfühlen können.
Nur eben nicht mehr vollkommenes.
Aber vielleicht ist das eben so, Alexander
und ganz bestimmt ist das okay.
Zumindest für mich.

Ich schicke dir sonnige Grüße an diesem Ostermontag!
Melde dich doch mal, schreib mir, wie's dir geht,
ich würde mich freuen.

Pass gut auf dich auf ♥

Deine Rebecca.





1 Kommentar:

Fee sein hat gesagt…

Hey :)
es ist schön wieder von dir zu lesen. Die Zukunft wird auf dich zu kommen und dann kannst du entscheiden welchem großen Vielleicht du nach gehen willst, in welche Richtung und in welche nicht. Vollkommenes Glück hält nicht, weil es sich wie alles verändert. Es taucht auf, ist da und verschwindet und dann taucht etwas anderes auf. Das macht es so besonders.

Alles Liebe
Fee <3