Lieber Alexander.
Auch wenn du das jetzt nicht gemerkt hast, aber bevor ich diesen Satz geschrieben habe, habe ich eine ganze Zeit lang geschwiegen.
Einfach weil...
Pass auf, es tut mir wirklich Leid, dass ich in letzter Zeit so viel über's Schweigen schreibe.
Wenn es dich langweilt, dann musst du die Briefe ja auch nicht lesen.
Es ist nur so, dass ich einfach nicht weiß, was ich schreiben soll.
Was schreibt man, wenn jemand tot ist?
Siehst du, ich weiß es auch nicht.
Und deswegen ziehe ich es vor, einfach ein bisschen still zu sein.
Ich glaube, wenn's drauf ankommt, dann kann ich fast genauso gut schweigen, wie reden.
Klar, ich schreibe diesen Brief nicht, um dir von meinen Schweigekünsten zu erzählen. Sonst könnte ich ja auch einfach nur nichts schreiben und dir ein leeres Blatt Papier schicken. Eine leere Seite. Aber das wollte ich nicht.
Denn eigentlich ist so viel passiert seit gestern, wovon ich dir gerne berichten wollte. So viel schönes.
Also, jedenfalls etwas schönes. Finde ich.
Gestern Abend habe ich, um der Traurigkeit entgegen zu wirken und mich an meinen Lebensplan zu halten,
ziemlich viel gechattet.
Unter anderem mit Leon, was sehr lustig war, weil er mir nach einer Weile plötzlich das hier geschrieben hat:
Dazu muss ich erklären, dass Leon und ich vor einem Jahr extrem viel gesimst haben. Eigentlich immerzu. Obwohl wir in derselben Klasse sind.
In den Osterferien haben wir uns auch immer gegenseitig angerufen.
Und naja, jedenfalls war ich nach einer Weile ziemlich heftig in ihn verliebt. Ziemlich, ziemlich doll.
Ja, mag sein, dass du jetzt die Augen verdrehst und dir denkst, was ich hier für einen Teenie-Schwachsinn schreibe, aber weißt du, es ist gerade dieser Schwachsinn, der mich ablenkt und glücklich macht, also lies es dir bitte trotzdem durch, ja?
Nach einer Weile hat sich das auch wieder gelegt, wir haben ungefähr bis Anfang der 8. Klasse geschrieben und dann wurde es immer weniger. In der Zwischenzeit war ja auch die Sache mit Mr. M gewesen, so wirklich verliebt in Leon war ich vielleicht anderthalb Monate oder so.
Aber weißt du, ich glaube, ich war niemals glücklicher, als in dieser Zeit.
Oft habe ich überlegt, ihm zu sagen, wie sehr ich bei jeder seiner SMS gequitscht habe, vor Freude. Oder ihn einfach mal so zu fragen, ob wir nicht was zusammen machen wollen, nur als gute Freunde natürlich.
Getraut habe ich mich dann doch nicht.
Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt jemals daran gedacht hat, dass wir mehr als nur Freunde sein könnten und ich wollte das, was wir schon waren, nicht kaputt machen.
Es war einfach so leicht und unbeschwert.
Es war wunderschön.
So ungefähr um Weihnachten haben wir dann wieder angefangen zu schreiben.
Und haben auch telefoniert. Damals war er in ein Mädchen aus unserer Parallelklasse verliebt.
Wir haben lange geredet und irgendwann meinte er:
"Weißt du was, Rebecca? Ich war damals richtig doll in dich verliebt."
Und ich habe nur genickt, obwohl er das am Telefon natürlich nicht sehen konnte und habe gelächelt und ganz leise geantwortet, dass es mir ganz genauso ging.
Ich war wirklich verliebt.
Wirklich schlimm.
Aber als ich dann wieder mehr mit Mr. M geredet habe, ging das schnell vorbei.
Ich schätze, wären Leon und ich zusammen gekommen, dann wäre ich jetzt nicht hier.
Es wäre alles ganz anders gekommen.
Ich glaube, ich wäre glücklicher gewesen, als ich es jetzt bin.
Aber naja, dann hätte ich nie all die Erfahrungen machen können, die ich im Laufe der letzten 9 Monate gemacht habe.
Und ich kann es sowieso nicht rückgängig machen, also warum noch weiter drüber nachdenken?
Aber über Leons Frage habe ich sehr lachen müssen, weil sie so überraschend kam (wir haben uns gerade über die Champions League unterhalten) und insgeheim habe ich mich auch wirklich darüber gefreut.
An dieser Stelle ein ♥ an ihn, auch wenn er jetzt schon selig schlummernd in seinem Himmelbettchen liegt.
Danke schön.
Die zweite Glücklichkeit des Abends ging erstaunlicherweise von Mr. M höchstpersönlich aus.
Wenn du mal ganz nach unten im Stapel der vielen Briefe nachguckst, dann wirst du da einige finden, in denen ich geschrieben habe, wie er und ich online waren und manchmal geschrieben haben und manchmal auch nicht.
Und tja, mittlerweile hatte ich mich schon dran gewöhnt, dass wir nicht schreiben, ich hab in den Ferien eigentlich sogar nur äußerst selten an ihn gedacht.
(Nämlich immer dann, wenn mir aufgefallen ist, wie wenig ich doch an ihn denke.)
Und dann hat er mich gestern Abend angeschrieben.
Und dann haben wir geschrieben, über alles mögliche.
Es ist echt merkwürdig. Wir haben schon seit langem nicht mehr irgendwie geschrieben oder geredet. Einfach nur so.
Mein Problem ist nämlich, dass ich, trotz der ganzen Tränen, die ich seinetwegen geweint habe und trotz der ganzen Zeit, die vergangen ist, ihm immer noch genauso vertraue, wie schon immer.
Es geht einfach nicht weg.
Und ich glaube, es wird nie weggehen.
Und vielleicht ist das auch gut so.
Jedenfalls hab ich ihm dann von meiner Traurigkeit erzählt.
Und er... Ich weiß nicht, wie er das immer macht, ich war so Zuhause bei ihm.
Das schafft niemand so, wie er.
Und dieses Zuhause-Gefühl war mein Verhängnis, beim letzten Mal.
Es hat mich in einen tiefen Abgrund gerissen, als ich plötzlich nicht mehr Zuhause war.
Bei ihm.
In seinem Herzen.
Und genau dieses Zuhause-Gefühl ist der Grund, warum ich jedes Mal,
wenn wir seitdem geschrieben oder telefoniert haben, irgendwann an einen Punkt gekommen bin,
an dem ich ihm irgendwas gesagt habe, was er missverstanden hat.
Was ihn verletzt hat, obwohl das eigentlich nicht meine Absicht war.
Und dann war er wieder weg.
Verstehst du, Alexander, alle diese Dinge, die ich jetzt dir schreibe,
die habe ich früher ihm erzählt.
Bevor ich ihn kannte, hatte ich eigentlich gar nicht so viel zu sagen,
aber seit der Klassenfahrt hat sich das geändert.
Jetzt muss ich viel erzählen.
Und ich brauche jemanden, der mir zuhört.
Der das will und der das kann.
Der die Geduld dazu hat.
Nur, weißt du, leider sind Menschen wie Mr. M in meinem Freundeskreis eine äußerste Seltenheit.
Beziehungsweise, es gibt niemand anderen außer ihm,
der so zuhören kann.
Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass er damals lange Zeit in mich verliebt war, ohne dass ich davon wusste.
Aber er kann das einfach.
Jedenfalls, jetzt komm ich wieder zum Thema zurück,
gestern Abend war ich auch fast wieder an diesem Punkt.
Ich hätte ihn beinah irgendwas verletzendes an den Kopf geworfen,
damit er mich in Ruhe lässt
und ich mich nicht zu sehr an das Zuhause-Gefühl gewöhne.
Er hatte nämlich wieder angefangen,
mir Komplimente zu machen, ganz so, wie früher.
Und es hat mir so weh getan, das zu lesen.
Ich wollte, dass er aufhört.
Aber ich konnte mich gerade noch so beherrschen.
Und das war auch gut so...
Naja, jedenfalls war dann heute Schule,
alles wie immer.
Ich habe meine Klasse total vermisst, ist mir aufgefallen, weißt du,
es gibt ja Menschen, die hassen ihre Klasse total, aber bei mir ist das nicht so.
Die meisten von uns kennen sich schon seit dem Kindergarten beziehungsweise dann Grundschule.
Lauter nette (und mittlerweile ziemlich gut aussehende) Jungs, meine zwei allerbesten...
Wir haben viel gelacht, vor allem über den Vertretungslehrer, den wir heute hatten.
Aber gut, das ist eigentlich nicht so wichtig,
jedenfalls war ich glücklich.
Und dann...
Nach der vierten Stunde hatte ich eine Freistellung.
Elisabeth, Annika, Jasmin und ich haben nämlich auf der Trauerfeier gespielt.
Dazu gibt es nicht viel zu sagen.
Ich meine, was sagt man auch, wenn jemand tot ist?
Weißt du, Alexander, irgendwie kommt es mir so unwirklich vor.
Als wäre sie nur für ein paar Monate unterwegs und würde wiederkommen, irgendwann.
Es ist so... Ich weiß nicht...
Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, konnte sie schon gar nicht mehr reden.
Sie war einfach weg.
Ich habe mich nie wirklich von ihr verabschiedet.
Alexander.
Ist es nicht verrückt?
Ich sitze hier, um 23:51 Uhr, müsste eigentlich schon längst schlafen, weil es die letzten Nächte so spät war und mein Kopf gefährlich gepocht hat.
Und mir laufen still die Tränen die Wange runter.
Ich habe die ganze Zeit wie betäubt dagesessen und den Rednern zugehört.
Und musste eigentlich gar nicht weinen.
Ich war einfach nur anwesend. Mehr nicht.
Aber weißt du, das war ein Mann, der hatte eine wunderbar tiefe Stimme.
Und er hat zum Abschluss einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde:
Dann hat er noch einmal alle versammelten Leute angesehen und hinzugefügt:
"Und nicht vorher aufhören."
Und alle sind aufgestanden und hatten die Tränen nicht mehr nur in den Augen, sondern auf der Wange.
Sie alle.
Es hat niemand laut geschluchzt oder so.
Aber diese stummen Tränen, die alle auf ihren Gesichter hatten,
die waren noch viel schlimmer.
Und weißt du, es hat mir so weh getan.
Menschen, die ich so sehr lieb habe,
weinen zu sehen.
Das hat mir den Rest gegeben, Alexander.
Es hat mir so weh getan.
Und diese Unfähigkeit, diese Hilflosigkeit, verstehst du,
dass ich sie nicht trösten konnte, es...
Oh Alexander.
Du solltest mich sehen.
Auch mir laufen stumm Tränen über die Wange.
00:05 Uhr.
Eigentlich so viel zu spät, um noch nicht zu schlafen.
Aber wie könnte ich.
Den ganzen Tag hat mich diese unendliche Traurigkeit begleitet.
Sie war immer da.
Die Art von Traurigkeit, bei der du immerzu weinen musst,
einfach so.
Die so schwer ist, so grausam.
Und dann zieht es in dir drin.
Und es tut einfach nur weh.
Und weißt du, ich habe die Zeit dafür gehasst, dass sie so langsam verging.
Ich wollte irgendetwas tun, einfach nicht mehr denken.
Und war gleichzeitig so erschöpft,
so leer vor Traurigkeit, dass ich zu nichts anderem fähig gewesen wäre,
außer schlafen.
Es ging nicht weg.
Es ist noch immer nicht weg.
Die Traurigkeit sitzt tief in mir.
Später habe ich noch mit Mr. M geschrieben.
Mit anderen auch, aber Mr. M war der einzige der nicht abgeblockt hat.
Der auf "Es ist so... Ach ich weiß auch nicht. Ich will jetzt am liebsten einfach nur noch schlafen und nicht mehr denken und nicht mehr weinen." nicht mit "dann penn doch xD" geantwortet hat.
Ob du's glaubst, oder nicht, diese Antwort kam von Sophie.
Ich mache ihnen keinen Vorwurf, aus dem einfachen Grund, weil sie nicht wissen, wie es ist.
Der einzige Mensch, der gestorben ist, den Sophie kannte, ist ihre Urgroßmutter.
Sophie hat noch nie etwas von den Monstern gehört.
Von der unendlichen Leere.
Von stummen Tränen.
Sie kann nichts dafür, sie weiß einfach nicht, was sie sagen soll.
Aber weißt du, Mr. M hat anders reagiert.
Er hat geantwortet "weiß schon" und das hat mir gereicht, um zu wissen, dass er es wirklich verstanden hat.
Damals, als sein Kumpel einfach zusammengebrochen und nie wieder aufgewacht ist,
haben wir zusammen am Telefon geschwiegen.
Eine halbe Stunde lang nichts gesagt und einfach nur gewusst, dass der andere da ist.
Uns beim Atmen und beim Weinen zugehört.
Uns gegenseitig getröstet.
Es ist so verrückt.
Es gibt nur sehr wenige Menschen auf der Welt, die mir das Gefühl geben können, richtig zu sein.
Mr. M gehört dazu, Theo, aber eben auch Elisabeth, Jasmin und Annika.
Ich glaube, ich erkäre dir in einem Extra-Brief noch einmal, was es ganz genau mit den drei Mädels auf sich hat und warum sie so besonders sind.
Jedenfalls, diese Menschen sind mein Zuhause.
Und trotzdem würde ich sie nicht als Freunde bezeichnen.
Ich kenne sie einfach.
Weißt du, Alexander, ich glaube, sie sind die Sorte Mensch,
die man unter "Herzensmenschen" einordnen muss.
Und weißt du was?
Die Herzensmenschen sind die allerbesten.
Und deswegen tut es auch am meisten weh, sie weinen zu sehen.
Und deswegen ist die Traurigkeit immer noch da.
In meinem Herzen.
Und wird da wohl immer sein.
Weißt du, Mr. M hat mir mal einen ganz wunderbaren Satz geschrieben, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, warum.
Wir waren schon lange nicht mehr befreundet, hatten noch viel länger nicht mehr miteinander geredet.
Mr. M: du bist toll
Ich: wieso?
Mr. M:
Und Alexander, er hat es so perfekt formuliert.
Denn es ist genau so.
Meinen Herzensmenschen gehört eigentlich mein ganzes Leben... Oder so.
Und die Tränen sind getrocknet.
Vielleicht werde ich irgendwann einschlafen, diese Nacht.
Vielleicht auch nicht.
Wir werden sehen.
Bleibst du bei mir, Alexander? Nur noch ein bisschen, bitte?
Damit das Gefühl, dass ich versagt habe,
ein bisschen weniger weh tut.
Damit die Bilder vor meinen Augen
ein bisschen schneller verblassen.
Ich hätte sie so gern getröstet.
Meine Herzensmenschen.
Lass uns schweigen, ja Alexander?
Schweigen, weil man zum Tod nichts sagen kann.
Schweigen, der stummen Tränen wegen und allen, die sie geweint haben.
Schweigen, weil mein Herz so sehr weh tut, vor Schmerz und Trauer.
Weil es manchmal einfach nicht anders geht.
Mit all meiner Liebe von hier,
und einer langen Umarmung.
In der Hoffnung, dass wenigstens du gut schlafen kannst.
Deine Rebecca.
Auch wenn du das jetzt nicht gemerkt hast, aber bevor ich diesen Satz geschrieben habe, habe ich eine ganze Zeit lang geschwiegen.
Einfach weil...
Pass auf, es tut mir wirklich Leid, dass ich in letzter Zeit so viel über's Schweigen schreibe.
Wenn es dich langweilt, dann musst du die Briefe ja auch nicht lesen.
Es ist nur so, dass ich einfach nicht weiß, was ich schreiben soll.
Was schreibt man, wenn jemand tot ist?
Siehst du, ich weiß es auch nicht.
Und deswegen ziehe ich es vor, einfach ein bisschen still zu sein.
Ich glaube, wenn's drauf ankommt, dann kann ich fast genauso gut schweigen, wie reden.
Klar, ich schreibe diesen Brief nicht, um dir von meinen Schweigekünsten zu erzählen. Sonst könnte ich ja auch einfach nur nichts schreiben und dir ein leeres Blatt Papier schicken. Eine leere Seite. Aber das wollte ich nicht.
Denn eigentlich ist so viel passiert seit gestern, wovon ich dir gerne berichten wollte. So viel schönes.
Also, jedenfalls etwas schönes. Finde ich.
Gestern Abend habe ich, um der Traurigkeit entgegen zu wirken und mich an meinen Lebensplan zu halten,
ziemlich viel gechattet.
Unter anderem mit Leon, was sehr lustig war, weil er mir nach einer Weile plötzlich das hier geschrieben hat:
"Hättest du es dir vorstellen können, das wir eine gute Beziehung hätten führen können?Nur so;)Komisches deutsch aber naja"
Dazu muss ich erklären, dass Leon und ich vor einem Jahr extrem viel gesimst haben. Eigentlich immerzu. Obwohl wir in derselben Klasse sind.
In den Osterferien haben wir uns auch immer gegenseitig angerufen.
Und naja, jedenfalls war ich nach einer Weile ziemlich heftig in ihn verliebt. Ziemlich, ziemlich doll.
Ja, mag sein, dass du jetzt die Augen verdrehst und dir denkst, was ich hier für einen Teenie-Schwachsinn schreibe, aber weißt du, es ist gerade dieser Schwachsinn, der mich ablenkt und glücklich macht, also lies es dir bitte trotzdem durch, ja?
Nach einer Weile hat sich das auch wieder gelegt, wir haben ungefähr bis Anfang der 8. Klasse geschrieben und dann wurde es immer weniger. In der Zwischenzeit war ja auch die Sache mit Mr. M gewesen, so wirklich verliebt in Leon war ich vielleicht anderthalb Monate oder so.
Aber weißt du, ich glaube, ich war niemals glücklicher, als in dieser Zeit.
Oft habe ich überlegt, ihm zu sagen, wie sehr ich bei jeder seiner SMS gequitscht habe, vor Freude. Oder ihn einfach mal so zu fragen, ob wir nicht was zusammen machen wollen, nur als gute Freunde natürlich.
Getraut habe ich mich dann doch nicht.
Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt jemals daran gedacht hat, dass wir mehr als nur Freunde sein könnten und ich wollte das, was wir schon waren, nicht kaputt machen.
Es war einfach so leicht und unbeschwert.
Es war wunderschön.
So ungefähr um Weihnachten haben wir dann wieder angefangen zu schreiben.
Und haben auch telefoniert. Damals war er in ein Mädchen aus unserer Parallelklasse verliebt.
Wir haben lange geredet und irgendwann meinte er:
"Weißt du was, Rebecca? Ich war damals richtig doll in dich verliebt."
Und ich habe nur genickt, obwohl er das am Telefon natürlich nicht sehen konnte und habe gelächelt und ganz leise geantwortet, dass es mir ganz genauso ging.
Ich war wirklich verliebt.
Wirklich schlimm.
Aber als ich dann wieder mehr mit Mr. M geredet habe, ging das schnell vorbei.
Ich schätze, wären Leon und ich zusammen gekommen, dann wäre ich jetzt nicht hier.
Es wäre alles ganz anders gekommen.
Ich glaube, ich wäre glücklicher gewesen, als ich es jetzt bin.
Aber naja, dann hätte ich nie all die Erfahrungen machen können, die ich im Laufe der letzten 9 Monate gemacht habe.
Und ich kann es sowieso nicht rückgängig machen, also warum noch weiter drüber nachdenken?
Aber über Leons Frage habe ich sehr lachen müssen, weil sie so überraschend kam (wir haben uns gerade über die Champions League unterhalten) und insgeheim habe ich mich auch wirklich darüber gefreut.
An dieser Stelle ein ♥ an ihn, auch wenn er jetzt schon selig schlummernd in seinem Himmelbettchen liegt.
Danke schön.
Die zweite Glücklichkeit des Abends ging erstaunlicherweise von Mr. M höchstpersönlich aus.
Wenn du mal ganz nach unten im Stapel der vielen Briefe nachguckst, dann wirst du da einige finden, in denen ich geschrieben habe, wie er und ich online waren und manchmal geschrieben haben und manchmal auch nicht.
Und tja, mittlerweile hatte ich mich schon dran gewöhnt, dass wir nicht schreiben, ich hab in den Ferien eigentlich sogar nur äußerst selten an ihn gedacht.
(Nämlich immer dann, wenn mir aufgefallen ist, wie wenig ich doch an ihn denke.)
Und dann hat er mich gestern Abend angeschrieben.
Und dann haben wir geschrieben, über alles mögliche.
Es ist echt merkwürdig. Wir haben schon seit langem nicht mehr irgendwie geschrieben oder geredet. Einfach nur so.
Mein Problem ist nämlich, dass ich, trotz der ganzen Tränen, die ich seinetwegen geweint habe und trotz der ganzen Zeit, die vergangen ist, ihm immer noch genauso vertraue, wie schon immer.
Es geht einfach nicht weg.
Und ich glaube, es wird nie weggehen.
Und vielleicht ist das auch gut so.
Jedenfalls hab ich ihm dann von meiner Traurigkeit erzählt.
Und er... Ich weiß nicht, wie er das immer macht, ich war so Zuhause bei ihm.
Das schafft niemand so, wie er.
Und dieses Zuhause-Gefühl war mein Verhängnis, beim letzten Mal.
Es hat mich in einen tiefen Abgrund gerissen, als ich plötzlich nicht mehr Zuhause war.
Bei ihm.
In seinem Herzen.
Und genau dieses Zuhause-Gefühl ist der Grund, warum ich jedes Mal,
wenn wir seitdem geschrieben oder telefoniert haben, irgendwann an einen Punkt gekommen bin,
an dem ich ihm irgendwas gesagt habe, was er missverstanden hat.
Was ihn verletzt hat, obwohl das eigentlich nicht meine Absicht war.
Und dann war er wieder weg.
Verstehst du, Alexander, alle diese Dinge, die ich jetzt dir schreibe,
die habe ich früher ihm erzählt.
Bevor ich ihn kannte, hatte ich eigentlich gar nicht so viel zu sagen,
aber seit der Klassenfahrt hat sich das geändert.
Jetzt muss ich viel erzählen.
Und ich brauche jemanden, der mir zuhört.
Der das will und der das kann.
Der die Geduld dazu hat.
Nur, weißt du, leider sind Menschen wie Mr. M in meinem Freundeskreis eine äußerste Seltenheit.
Beziehungsweise, es gibt niemand anderen außer ihm,
der so zuhören kann.
Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass er damals lange Zeit in mich verliebt war, ohne dass ich davon wusste.
Aber er kann das einfach.
Jedenfalls, jetzt komm ich wieder zum Thema zurück,
gestern Abend war ich auch fast wieder an diesem Punkt.
Ich hätte ihn beinah irgendwas verletzendes an den Kopf geworfen,
damit er mich in Ruhe lässt
und ich mich nicht zu sehr an das Zuhause-Gefühl gewöhne.
Er hatte nämlich wieder angefangen,
mir Komplimente zu machen, ganz so, wie früher.
Und es hat mir so weh getan, das zu lesen.
Ich wollte, dass er aufhört.
Aber ich konnte mich gerade noch so beherrschen.
Und das war auch gut so...
Naja, jedenfalls war dann heute Schule,
alles wie immer.
Ich habe meine Klasse total vermisst, ist mir aufgefallen, weißt du,
es gibt ja Menschen, die hassen ihre Klasse total, aber bei mir ist das nicht so.
Die meisten von uns kennen sich schon seit dem Kindergarten beziehungsweise dann Grundschule.
Lauter nette (und mittlerweile ziemlich gut aussehende) Jungs, meine zwei allerbesten...
Wir haben viel gelacht, vor allem über den Vertretungslehrer, den wir heute hatten.
Aber gut, das ist eigentlich nicht so wichtig,
jedenfalls war ich glücklich.
Und dann...
Nach der vierten Stunde hatte ich eine Freistellung.
Elisabeth, Annika, Jasmin und ich haben nämlich auf der Trauerfeier gespielt.
Dazu gibt es nicht viel zu sagen.
Ich meine, was sagt man auch, wenn jemand tot ist?
Weißt du, Alexander, irgendwie kommt es mir so unwirklich vor.
Als wäre sie nur für ein paar Monate unterwegs und würde wiederkommen, irgendwann.
Es ist so... Ich weiß nicht...
Als ich sie das letzte Mal gesehen habe, konnte sie schon gar nicht mehr reden.
Sie war einfach weg.
Ich habe mich nie wirklich von ihr verabschiedet.
Alexander.
Ist es nicht verrückt?
Ich sitze hier, um 23:51 Uhr, müsste eigentlich schon längst schlafen, weil es die letzten Nächte so spät war und mein Kopf gefährlich gepocht hat.
Und mir laufen still die Tränen die Wange runter.
Ich habe die ganze Zeit wie betäubt dagesessen und den Rednern zugehört.
Und musste eigentlich gar nicht weinen.
Ich war einfach nur anwesend. Mehr nicht.
Aber weißt du, das war ein Mann, der hatte eine wunderbar tiefe Stimme.
Und er hat zum Abschluss einen Satz gesagt, den ich nie vergessen werde:
"Wenn ihr an jemanden denkt und dabei auch weinen müsst, dann denkt so lange ihn, bis ihr wieder lächeln könnt."
Dann hat er noch einmal alle versammelten Leute angesehen und hinzugefügt:
"Und nicht vorher aufhören."
Und alle sind aufgestanden und hatten die Tränen nicht mehr nur in den Augen, sondern auf der Wange.
Sie alle.
Es hat niemand laut geschluchzt oder so.
Aber diese stummen Tränen, die alle auf ihren Gesichter hatten,
die waren noch viel schlimmer.
Und weißt du, es hat mir so weh getan.
Menschen, die ich so sehr lieb habe,
weinen zu sehen.
Das hat mir den Rest gegeben, Alexander.
Es hat mir so weh getan.
Und diese Unfähigkeit, diese Hilflosigkeit, verstehst du,
dass ich sie nicht trösten konnte, es...
Oh Alexander.
Du solltest mich sehen.
Auch mir laufen stumm Tränen über die Wange.
00:05 Uhr.
Eigentlich so viel zu spät, um noch nicht zu schlafen.
Aber wie könnte ich.
Den ganzen Tag hat mich diese unendliche Traurigkeit begleitet.
Sie war immer da.
Die Art von Traurigkeit, bei der du immerzu weinen musst,
einfach so.
Die so schwer ist, so grausam.
Und dann zieht es in dir drin.
Und es tut einfach nur weh.
Und weißt du, ich habe die Zeit dafür gehasst, dass sie so langsam verging.
Ich wollte irgendetwas tun, einfach nicht mehr denken.
Und war gleichzeitig so erschöpft,
so leer vor Traurigkeit, dass ich zu nichts anderem fähig gewesen wäre,
außer schlafen.
Es ging nicht weg.
Es ist noch immer nicht weg.
Die Traurigkeit sitzt tief in mir.
Später habe ich noch mit Mr. M geschrieben.
Mit anderen auch, aber Mr. M war der einzige der nicht abgeblockt hat.
Der auf "Es ist so... Ach ich weiß auch nicht. Ich will jetzt am liebsten einfach nur noch schlafen und nicht mehr denken und nicht mehr weinen." nicht mit "dann penn doch xD" geantwortet hat.
Ob du's glaubst, oder nicht, diese Antwort kam von Sophie.
Ich mache ihnen keinen Vorwurf, aus dem einfachen Grund, weil sie nicht wissen, wie es ist.
Der einzige Mensch, der gestorben ist, den Sophie kannte, ist ihre Urgroßmutter.
Sophie hat noch nie etwas von den Monstern gehört.
Von der unendlichen Leere.
Von stummen Tränen.
Sie kann nichts dafür, sie weiß einfach nicht, was sie sagen soll.
Aber weißt du, Mr. M hat anders reagiert.
Er hat geantwortet "weiß schon" und das hat mir gereicht, um zu wissen, dass er es wirklich verstanden hat.
Damals, als sein Kumpel einfach zusammengebrochen und nie wieder aufgewacht ist,
haben wir zusammen am Telefon geschwiegen.
Eine halbe Stunde lang nichts gesagt und einfach nur gewusst, dass der andere da ist.
Uns beim Atmen und beim Weinen zugehört.
Uns gegenseitig getröstet.
Es ist so verrückt.
Es gibt nur sehr wenige Menschen auf der Welt, die mir das Gefühl geben können, richtig zu sein.
Mr. M gehört dazu, Theo, aber eben auch Elisabeth, Jasmin und Annika.
Ich glaube, ich erkäre dir in einem Extra-Brief noch einmal, was es ganz genau mit den drei Mädels auf sich hat und warum sie so besonders sind.
Jedenfalls, diese Menschen sind mein Zuhause.
Und trotzdem würde ich sie nicht als Freunde bezeichnen.
Ich kenne sie einfach.
Weißt du, Alexander, ich glaube, sie sind die Sorte Mensch,
die man unter "Herzensmenschen" einordnen muss.
Und weißt du was?
Die Herzensmenschen sind die allerbesten.
Und deswegen tut es auch am meisten weh, sie weinen zu sehen.
Und deswegen ist die Traurigkeit immer noch da.
In meinem Herzen.
Und wird da wohl immer sein.
Weißt du, Mr. M hat mir mal einen ganz wunderbaren Satz geschrieben, ich kann mich nicht mehr genau erinnern, warum.
Wir waren schon lange nicht mehr befreundet, hatten noch viel länger nicht mehr miteinander geredet.
Mr. M: du bist toll
Ich: wieso?
Mr. M:
"weil dir eigentlich mein ganzes Leben gehört, oder so."
Und Alexander, er hat es so perfekt formuliert.
Denn es ist genau so.
Meinen Herzensmenschen gehört eigentlich mein ganzes Leben... Oder so.
Und die Tränen sind getrocknet.
Vielleicht werde ich irgendwann einschlafen, diese Nacht.
Vielleicht auch nicht.
Wir werden sehen.
Bleibst du bei mir, Alexander? Nur noch ein bisschen, bitte?
Damit das Gefühl, dass ich versagt habe,
ein bisschen weniger weh tut.
Damit die Bilder vor meinen Augen
ein bisschen schneller verblassen.
Ich hätte sie so gern getröstet.
Meine Herzensmenschen.
Lass uns schweigen, ja Alexander?
Schweigen, weil man zum Tod nichts sagen kann.
Schweigen, der stummen Tränen wegen und allen, die sie geweint haben.
Schweigen, weil mein Herz so sehr weh tut, vor Schmerz und Trauer.
Weil es manchmal einfach nicht anders geht.
Mit all meiner Liebe von hier,
und einer langen Umarmung.
In der Hoffnung, dass wenigstens du gut schlafen kannst.
Deine Rebecca.
1 Kommentar:
du bist ein so schrecklich liebenswerter und starker mensch, da bin ich mir sicher. ich hoffe, dass dich alexander diese nacht in den schlaf singt und bei dir bleibt, dich umarmt, noch einmal. einmal für mich mit.
pass auf dich auf.
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