Mittwoch, 3. April 2013



Wie wir da standen. Schweigend, vor dem offenen Grab. Die Urne war vor lauter Blumen schon nicht mehr zu sehen. Sie haben uns angeguckt, ganz bestimmt. Wie wir da einfach nur standen, wir, ihre Schüler. Irgendwann hat Katharina nach der Schaufel gegriffen und wie in Zeitlupe ist der Sand in das Loch gerutscht. Dann ich, dann Elisabeth. Zitternd vor Kälte und mit Tränen in den Augen. Annika als letzte. Sie hat sich hingehockt und ganz langsam die Erde durch ihre Finger rieseln lassen. Ist wieder aufgestanden. 
Und wir standen einfach nur da. Jede für sich in einem Kampf mit den Tränen. 
Und die Welt stand still, für einen Moment, für uns.
Still.
Und plötzlich war die Sonne wieder da und hat zwischen den Bäumen direkt in unsere Gesichter geschienen.
Sie haben uns angesehen, haben die Tränen in unseren Augen gesehen, sie alle.
Ich habe die Hände in meine Manteltaschen gesteckt und wir haben uns umgedreht und sind zurückgegangen. 
Still.
Neben mir hat Annika leise die Nase hochgezogen.
Und ich habe den Kampf verloren. Lautlos die Träne auf meiner Wange.
Und dann war da Annikas Arm um meine Schulter. Ganz vorsichtig. Und hat mich einfach nur ein bisschen festgehalten.
Und ich war weniger allein.







Ein Schweigen, Alexander.
Der Tee ist mittlerweile kalt geworden.
Aber das macht nichts.
Nichts ist wichtig, wenn jemand tot ist.





Beerdigungen sind nie schön. Auch diese war es nicht. Aber weißt du, Alexander, im schlimmsten Moment war ich nicht allein. Im schlimmsten Moment war da Annika. Obwohl sie den Kampf genauso verloren hat, wie ich. Und ihr die Tränen in den Augen standen. Aber vielleicht ist es wirklich so, und ist sie schon 18 und ich bin erst 14 und vielleicht soll das dann so. 
Ich war weniger allein.


Und plötzlich erschien mir mein Leben so klein, so unbedeutend. 
Verstehst du? 
In den letzten Tagen und Wochen haben sich meine Gedanken immer nur um mich gedreht.
Es kam mir so absurd vor, als wir da heute standen.
Weil, es gibt so viel wichtigere Dinge, als... Keine Ahnung, eben das, worüber ich immer so nachgedacht habe.
Und... 
Weißt du, Alexander, es ist das, was auf Beerdigungen immer wieder gesagt wird.
Dass der Tod Teil des Lebens ist.
Und dass der Moment alles ist, was zählt.

Und es ist aber doch genauso.
Warum vergessen wir das immer und immer wieder?
Warum haben so viele Menschen diese Leere in sich, den Schmerz in ihren Augen, die Traurigkeit im Herzen?
Warum erinnern sie sich nicht mehr daran, dass das Leben kurz ist, dass sie diese Zeit nie wieder bekommen, dass sie etwas ändern könnten,wenn sie nur wollten?
Und Alexander, warum sind sie so allein?
Es gibt mehr als 7.000.000.000 von uns auf dieser Welt.
Warum sind so viele Menschen so allein?

Und vergessen, dass der Moment zählt.

Und wenn es zu spät ist, erinnern sich andere daran.

Weißt du, Alexander, ich würde jetzt gerne einen Film gucken. Mitten am Nachmittag.
Einfach so.
Zum nicht nachdenken.
Aber ich muss noch lernen.
Ich muss noch Hausaufgaben machen.
Morgen ist wieder Schule.

Nur eines will ich dir noch sagen.
Ich will später so werden, wie Annika.
Ich will für jemanden da sein, in seinem schlimmsten Moment.
Will festhalten, will trösten.
Will jemandem das Gefühl, dass er nicht allein ist.
In seinem schlimmsten Moment.

Annika hat mir meinen Schmerz ein bisschen genommen, in dem sie mich festgehalten hat.
Und hat gleichzeitig denke ich, ihren Schmerz dadurch ein bisschen erträglicher gemacht.
Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Vielleicht ist das wirklich so, Alexander.

Vielleicht sollten wir alle unsere schlimmsten Momente teilen.
Vielleicht sollten wir... Teilen wollen.
Zulassen, dass wir gehalten werden.
Und das Risiko eingehen, danach auch wieder allein zu sein.

Vielleicht wäre es dann leichter.
Das Leben.
Die Traurigkeit.
Ein bisschen vielleicht.

In der Hoffnung, dass ich irgendwann meine Momente teilen kann, 
die schlimmen und schönen,
mit jemandem, 
dem ich ein Zuhause bin.

Deine Rebecca



♪ "La valse d'Amélie" -  Yann Tiersen

 "Fly" -  Ludovico Enaudi







Weißt du, Alexander, ich wünschte, es würde jetzt regnen. 
Ich wünschte, ich könnte jetzt durch den strömenden Regen laufen und einfach nichts denken.
Ich glaube, dann würde es weniger weh tun.
Der Verlust, verstehst du?
Diese unerfüllte Sehnsucht in mir.

Ich glaube, es wäre erträglicher.

1 Kommentar:

M hat gesagt…

ich weiß nicht wieso, aber ich habe das bedürfnis dir zu sagen, dass ich dich mag. und dass du ein toller mensch bist. dass ich deine briefe liebe, auch wenn ich nicht zu jedem etwas zu sagen habe. dass ich mich freue, wenn ich etwas von dir höre und dass ich ein wenig angst um dich habe. weshalb weiß ich nicht, es ist mein bauchgefühl. irgendwas, was mir das gefühl gibt dass du eine umarmung brauchst. oder ein paar liebe worte.
pass auf dich auf.