Donnerstag, 18. April 2013

Liebster Alexander.
Eigentlich würde ich dir gerne erzählen, was für einen wundervollen Tag ich hatte - denn er war wunderbar, keine Frage.
Aber weißt du, in letzter Zeit ist jeder Tag auf seine Weise wunderbar.
Es ist irgendwie... Nichts besonderes mehr, verstehst du?
Ok, nein, du verstehst nicht, wie ein wunderbarer Tag nicht besonderes sein kann.
Hast ja Recht, Alexander, hast ja Recht.
Aber sie ähneln sich auf eine langweilige Weise, weißt du, in meiner Erinnerung werden sie aus T-Shirts, kurzen Hosen und lächelnden oder lachenden Gesichtern bestehen.
Und zwar alle.
Wenn ich an diese Tage denke, werden mir Bilder von uns in der Mensa durch den Kopf schießen, von Projektstunden, von uns an den verrücktesten Orten dieser Stadt.
Ich werde mich daran erinnern, dass wir uns immer alle gegenseitig durchkitzeln, so richtig, bis wir vor Lachen unter die Tische fallen, wie wir uns ansehen und grinsen, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Und dass wir durch die Straßen hüpfen, zu zehnt, und "This is fucking awesome!" singen. Oder naja, wohl eher brüllen. Und dass die missbilligenden Blicke der alten Omas und Opas, die gerade ihren Nachmittagsspaziergang machen, uns nur noch mehr zum Lachen bringen.
Alexander, wir sind jung, wir sind frei, wir sind glücklich.
Wir leben.

Alexander, es werden Bilder in meinem Kopf sein,
von uns, wie wir Frozen Yogurt verputzen,
wie wir mit wehender Mähne auf unseren Skateboards
über den Asphalt der Sonne entgegen rauschen.

Denn weißt du, wir werden niemals wieder so unbeschwert lachen, wie in dieser Zeit.
So sorgenfrei durch die Straßen laufen.
So unendlich sein, wie jetzt.

Alexander, die meisten von uns wissen nicht, dass jetzt die beste Zeit ihres Lebens ist.
Sie leben einfach und werden weiterleben.
Und vielleicht werden irgendwann Alkohol, Drogen, Zigaretten und Sex in ihrem Leben eine Rolle spielen.
Und sie werden sich nicht mehr die Mühe machen, abends noch mal für einen Vokabelntest zu lernen.
Vielleicht werden irgendwann Klingen und Waagen ihre besten Freunde sein.
Und die Einsamkeit wird ihnen Gesellschaft leisten, die Dunkelheit wird abends mit ihnen zu Bett gehen - falls sie überhaupt noch schlafen - und ihre Tränen werden ihnen wehtun.
Und diese Zeit, die jetzt die beste unseres Lebens ist, die wird vergessen sein,
zusammengefaltet in dem Karton, der die Aufschrift "Erinnerungen" trägt,
ganz weit hinten in unserer Rumpelkammer.

Noch sind wir als Streberklasse verschrien, in unserem Jahrgang,
weil wir manchmal in der Mensa Hausaufgaben machen,
weil wir höchstens Kunst schwänzen.
Weil uns unsere Noten nicht egal sind, weil unser Klassendurchschnitt 2 Komma noch was ist.
Wir sind diejenigen, die es kein bisschen cool finden, wenn jemand betrunken auf der Straße zusammenbricht und anfängt, zu heulen.
Wir sind diejenigen, die den heimlichen Rauchern aus unserem Jahrgang hinter der Mensa verächtliche Blicke zu werfen.
Wir sind diejenigen, die mit ihrem Leben um 20:00 Uhr beginnen, wenn alles erledigt ist, was erledigt werden muss.

Aber weißt du, wir erzählen uns, wo wir ein Austauschjahr machen wollen, was wir studieren und werden wollen. Dass wir in einem großen Loft in Hamburg wohnen oder einen Porsche fahren wollen.
Dass wir eine Familie wollen, Kinder. Oder zumindest jemanden für's Leben.
Wir erzählen uns von unseren Plänen und von unserer Zukunft.
Noch.

Wir sind glücklich. Auf eine unschuldige Art.
Die Art, die noch keine Ahnung von den schrecklichen Dinge im Leben hat.
Ich glaube, es ist die beste Art, glücklich zu sein.

Aber Alexander, wir werden größer werden.
Älter.
Und das Leben wird kommen, die Realität.
Ich würde gern wissen, wer von uns in ungefähr zwei Jahren tatsächlich ein Austauschjahr macht.
Wer später wirklich einen Porsche fährt.
Und wie viele von uns jeden Samstagabend sturzbetrunken auf der Schwimmenden Wiese rumhängen und kiffen werden.

Diese Zeit, Alexander, das, was jetzt ist.
Es wird nie wieder kommen.
Wir alle werden nie wieder so glücklich sein.
Aber vielleicht ist das auch nicht schlimm, weißt du?

Weil wir erkannt haben, dass es so ist.
Dass wir die beste Zeit unseres Lebens haben.
Und weil wir sie auskosten, bis zum Limit und darüber hinaus.
Jeden einzelnen Augenblick genießen,
jeden Atemzug leben, als wäre es unser letzter.

Jeder Tag ist auf eine langweilige, gleiche Art wunderbar.
Es gibt nichts spannendes zu erzählen.
Und wir träumen von später.
Und hoffen, uns immer erinnern zu können.
An diese immer gleichen wunderbaren Tage.

An die beste Zeit unseres Lebens.

Mit strahlendem Herzen heute, Alexander, und einem Lächeln.
Tut mir Leid, dass ich so selten schreibe, in letzter Zeit.
Mein Leben nimmt mich voll in Anspruch.
Vielleicht kannst du mir verzeihen.

Jung. Wild. Frei.
Die Codewörter, der Schlüssel zum Glück.
Alle mit einer Spur Unendlichkeit überzogen.
Erinner mich dran, Alexander, bitte lass mich das hier nie vergessen.

Schlaf gut, ja?
Träum schön, vom Sommer, von der Liebe und vom Leben.
Ich hab dich lieb.



Deine Rebecca

3 Kommentare:

Regentänzerin hat gesagt…

Ich beneide dich wirklich das du so glücklich und schwerelos sein kannst. Du solltest es genießen so lange du noch kannst. Und warte nicht ab bis spÄter das mit den klingen, der waage, dem alkohol und den drogen kann früher passieren nicht erst später es kann jetzt schon sein..

Luisa hat gesagt…

Genieße es, denn wie meine Vorkommandantin schon sagte, es kann schon jetzt vorbei sein.
Und ich glaube, du weißt gar nicht, was für ein riesen Glück du hast, dass du diese Zeit so erleben darfst. Bei mir ist das nicht so. Noch nicht. In 3 bis 4 Monaten bin ich aus der Schule raus und sowas schönes gab es für mich noch nicht. Aber vielleicht danach, ich habe ja schließlich noch 5 Jahre Ausbildung. Wer weiß, was die Zukunft bringt...

Alles Liebe
Luisa

Regentänzerin hat gesagt…

Meine Liebe, dein kommentar ist ganz und gar nicht daneben... Es ist richtig glaub mir wenn ich koennte waere ich schon längst nicht mehr hier. Aber als schülerin ist das etwas schwierig :) dein kommentar war lieb danke.

Übrigens du hast meine blogvorstellung gewonnen :)

Eine umarmung für ein ganz besonderes mädchen :*
Was mich mal noch interessieren würde: gibt es diesen Alexander wirklich und liest er diese Briefe?