Sonntag, 6. April 2014

Alexander.
Hätte ich dir diese Woche geschrieben,
wären sicherlich ein paar sehr traurige Briefe dabei rausgekommen.
Es sind ein paar Dinge passiert,
die keiner der Beteiligten so gewollt hat,
ich am allerwenigsten,
aber sie haben mich verändert,
ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.

Du musst wissen, ich unterteile meine Welt
in einen inneren
und einen äußeren Teil.
Außen sind eigentlich alle meine Bekannten
und auch der Großteil meiner Freunde,
im Prinzip 97 % der Leute,
mit denen ich so zutun hab.
Innen sind nur meine Familie,
Sophie und Laura
und Mr. M - naja, zumindest war der das mal.
Und weißt du, Alexander,
ich kann mit allem umgehen,
solange es von "außen" kommt
- ob das jetzt Stress ist,
Krankheit, dumme Kommentare von irgendwem...
Aber sobald etwas von "innen" kommt...

Diejenigen, die in meinem inneren Kreis zu finden sind,
habe ich vor knapp zwei Jahren
(ich war damals 7. Klasse)
als meine Basis bezeichnet - das, worauf zum damaligen Zeitpunkt mein ganzes Leben aufbaute.
Ich war 13 und hatte bisher nur Gutes erlebt, soviel dazu.
Aber diese Basis ist geblieben.
Zumindest das Gefühl.
Ich habe nie wieder andere Menschen in diesen Inneren Kreis gelassen.
Vielleicht auch, weil mich das,
was mir nur ein paar Monate darauf mit Mr. M passiert ist,
so tiefgreifend verändert hat.
Diese Menschen,
Laura, Sophie, Mr. M
und meine Familie,
haben mein Grundvertrauen in diese Welt und in das Gute in ihr,
maßgeblich geprägt.
(Anders kann ich es mir jedenfalls nicht erklären.)

Und dann ist Mr. M gegangen
und in mir haben sich Dinge verändert,
auf die ich keinen Einfluss hatte.
Langsam, schleichend, aber unaufhaltsam.
Ich hätte nicht sagen können, was da genau passiert ist,
kann es bis heute nicht, aber DASS sich etwas in mir getan hat,
weiß ich sicher.
Alexander, du liest diese Brief seit nunmehr einem Jahr
und du weißt, wie lange ich gebraucht habe,
um mit diesen Veränderungen,
die Mr. M zumindest teilweise verursacht hat,
zurecht zu kommen.
Er war der Erste und vermutlich war es deswegen,
und auch aufgrund einiger unglücklicher Umstände,
am schlimmsten.

Ein paar Monate später haben mir meine Eltern eines Abends eröffnet,
dass meine Familie nicht so sehr Familie ist,
wie ich es bis dahin geglaubt hatte.
Ich meine, dass es nicht alles so war, wie es hätte sein können,
war auch mir klar,
aber wie schlimm es tatsächlich um die Ehe meiner Eltern stand
und das schon seit geraumer Zeit,
davon hatte ich keine Ahnung.
Anfangs konnte ich nicht einmal darüber nachdenken, was diese neuen Wahrheiten für meine Geschwister und mich bedeuten würden, sobald ich es auch nur versucht habe, hat mein Gehirn abgeblockt.
Mehr als ein halbes Jahr lang habe ich niemandem davon erzählt.
Es hat mich nicht wirklich beschäftigt,
ich hatte weder Konzentrationsschwierigkeiten noch Schlafstörungen,
aber mein Unterbewusstsein hat gearbeitet
und gearbeitet
und gearbeitet
und gearbeitet.
Bis heute ist meine Familie mein wohl wundester Punkt - zum Beispiel habe ich auch dir, Alexander,
noch nie so wirklich erzählt, was das eigentlich los ist - und ich bin mir selbst nicht hundertprozentig im Klaren darüber, wie ich damit eigentlich umgehe.
Da ich in dieser Hinsicht aber zumindest in absehbarer Zeit nicht dazu gezwungen sein werde, mir darüber Gedanken zu machen, können die gern bleiben, wo sie die letzten anderthalb Jahre auch waren.

Der letzte verbleibende Teil meines Inneren Kreises, meiner Basis,
sind also meine besten Freundinnen.
(Jetzt kommen wir zu dem Punkt, Alexander, über den ich noch nicht schreiben kann,
weil ich noch nicht darüber hinweg bin.)
Jedenfalls hat sich daraus wieder eine Veränderung in mir ergeben.

Wenn man sich von einem auf den anderen Tag plötzlich fremd fühlt, obwohl man umgeben ist von Menschen, die man sein halbes Leben lang kennt und obwohl noch nie irgendwo tatsächlich fremd gewesen ist, Alexander. Wenn man durch die Stadt läuft, in der man seit 11 Jahren lebt und einem plötzlich bewusst wird, dass es nichts mehr gibt, was einen noch in dieser Stadt hält. Wenn man einfach nur noch weg möchte. Nirgendwo mehr zu Hause ist. 
(Bei diesem Satz ist mir aufgefallen, dass es in der deutschen Sprache keine Mehrzahl von Zuhause gibt - die Zuhausen, die Zuhause, die Zuhauses? - und dass es nur eine logische Erklärung dafür gibt: man kann nur EIN richtiges Zuhause haben, alles andere ist kein Zuhause in dem Sinne.)
Ein sicheres Zeichen für innere Veränderung ist bei mir immer, dass ich alles in Frage stelle, was nur geht und am Ende mich selbst.
Dieses Mal hatte ich offenbar schon das nötige Selbstbewusstsein um daran nicht kaputt zu gehen.
Verletzt bin ich trotzdem, keine Frage, aber nicht kaputt. 
Aber es ist, als hätte man mir die Augen geöffnet.
Ich gehe durch die Welt und weiß auf einmal Dinge zu schätzen, die ich vorher als selbstverständlich erachtet habe.
Und ganz ehrlich, Alexander, auch wenn es wehtut, aber das ist ein Geschenk, von dem ich unglaublich froh bin, es bekommen zu haben.

Warum ich nach den Büchern gefragt habe...
Ich glaube, jeder Mensch sucht irgendwie nach seiner persönlichen Absolution im Leben,
wie auch immer diese aussieht.
Seiner persönlichen Erklärung für das Leben
Und ich finde, in jedem besseren Buch steckt zumindest eine Idee, wie diese Absolution aussehen könnte.
Das heißt, dass die Lieblingsbücher eines jeden Menschen auch viel darüber aussagen, wie dessen Absolution sein könnte.
Das ist meiner Meinung nach wahnsinnig interessant und auch hilfreich, wenn man nach seiner eigenen Absolution sucht.
Deswegen hab ich gefragt ;)

Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Alexander,
es tut mir Leid, dass dieser Brief so lang geworden ist.
Diese Woche wird noch einmal richtig anstrengend,
aber dann hab ich zum Glück Osterferien
und vielleicht hörst du dann auch mal wieder öfter was von mir ;)

Alles Liebe,

♥ Deine Rebecca.

1 Kommentar:

Ariel hat gesagt…

Es tut mir leid, dass es dir nicht gut geht. Melde dich, falls du reden willst.
:)