Montag, 9. Februar 2015

Alexander,

an manchen Tagen macht mir das Leben ungeheure Angst.
Nicht mal auf eine schlimme Art und Weise,
eher so neugierig, aufgeregt,
aber Angst bleibt Angst.

Amsterdam ist die perfekte Mischung aus Angst und in den Arm genommen werden.
Ich wollte immer nach Amsterdam.
Und jetzt ist da dieser Junge,
der sogar noch vor mir nach den Zugverbindungen guckt.

Ich weiß nicht, was das ist.
Vielleicht geht es jetzt los, Alexander,
vielleicht beginnt jetzt bald mein Leben,
vielleicht werde ich bald wieder Dinge erleben,
anstatt mich immer nur im richtigen Moment
ganz raffiniert auszuklinken.

Und Himmel, ich bin so aufgeregt,
ich hab nicht mal mehr Angst,
ich weiß nicht, wem ich das erzählen soll,
außer dir.
Heute ist so ein komischer Tag,
so viele kleine und große Dramen,
so viele verschiedene Geschichten,
die alle in meinem Handy zusammen laufen
und dazu führen, dass ich weder weiß,
was ich fühlen soll,
noch wem ich irgendwas erzählen soll.
Und zwischen all diesen Geschichten ist auch noch mein Herz,
ganz leise und gleichzeitig so laut,
vor Aufregung nur so funkelnd.

Alexander.
Was wäre, wenn ich heute Abend beschließe,
nie wieder nur zuzugucken?
Was, wenn heute ein für alle Mal
der letzte Abend ist,
an dem ich Verabredungen absage,
an dem ich anstatt zu tanzen mit traurigen Menschen in irgendwelchen dunklen Ecken sitze,
Alexander,
stell dir nur mal vor,
ich würde morgen einfach anfangen,
zu leben?

- knappe zweit Stunden später - 

Vielleicht hätte ich weniger Frank Sinatra hören sollen,
dann wäre ich jetzt vielleicht...
Schon im Bett? 

Alexander, was auch immer passieren wird, in Zukunft.
Nur für den Fall, dass ich morgen sterbe,
weil ja alles möglich ist und man nie wissen kann -
ich möchte, dass du weißt,
dass die ganze Welt weiß,
dass ich glücklich war und es noch bin.
Dass ich ein unheimlich erfülltes und noch erfüllenderes Leben hatte
und dass ich so dankbar bin,
dass ich all das hier erleben darf.

Ich glaube, ganz genau so soll das alles hier sein.
So und nicht anders.

Ich wünschte bloß, 
ich könnte dieses Gefühl der ganzen Welt schenken.
Es ist nicht fair, dass ich so viel Glück habe, immer gehabt habe,
während andere auf nass geweinten Kissen einschlafen.
Alexander, ich wünschte, 
ich könnte den Frieden in meinem Herzen 
wie ...

- schon wieder einige Zeit später - 

Ich hab mich in alten Briefen verloren, hab mich durch die Zeit geklickt,
war überrascht, wie detailliert ich hier doch mein Leben geschildert habe,
viel genauer, als ich es handschriftlich in meinen Tagebüchern tue,
ganz einfach weil es so lange dauert.
Laura hat gerade ein Bild geschickt,
lauter leere Flaschen, Chipspackungen, Milch, Shisha, ein Kartenspiel auf ihrem Esstisch,
"Amtlich geile Party" ihr Kommentar dazu,
ich hätte gehen können, aber heute, nein eigentlich gestern war einfach nicht mein Tag.
Sie hat noch die ganze Woche sturmfrei und es wird sich schon noch eine Gelegenheit für mich finden,
Spaß zu haben.

Noch fühle ich mich gar nicht so 16-jährig, eigentlich ist alles wie immer,
nur dass ich noch mehr denke, dass ich nicht alt, nicht groß werden will.
Andererseits, ich kann allein nach Amsterdam, das hat schon was.

Das Leben ist so groß.
Und gleichzeitig sind wir alle so begrenzt,
in unseren Fähigkeiten, kognitiven Kapazitäten, 
es ist uns allen eine Nummer zu groß werden,
vielleicht sogar 27 Nummern.

Wer all das hier später machen soll, frage ich mich,
wer von uns das machen will, leiten, organisieren, 
das tut sich doch freiwillig niemand von uns mehr an.

Wir sind schon eine merkwürdige Generation.
Mit niemandem diskutiere ich darüber häufiger als mit Sophie,
aber ich könnte hier genauso gut eine Argumentationskette anfangen,
die Welt ist so gruselig und unberechenbar und komisch.

Ich mein, komisch bin ich auch, 
ich kann Menschen nicht mehr kennen lernen, hab die Reihenfolge von wichtig und unwichtig vergessen,
bin zu direkt, zu ehrlich und kein bisschen süß.
Aber ich bin nicht so komisch wie die Welt.

Manchmal macht es mir Angst.
Oft sogar.
Was soll aus uns werden?
Wie sollen wir mal werden und noch wichtiger, unsere Kinder?
Will ich meinen Kindern eine Welt wie diese überhaupt antun?

So viele Fragen und die Realität nimmt mir immer wieder den Atem,
sodass ich keine Antworten formulieren kann.
Diese Welt widert mich an.
Ich finde es nicht mehr schön hier.
Zu leben allerdings ist das Schönste, was es gibt,
ein Widerspruch in sich,
nunja.

Alexander, ich muss für heute Nacht Schluss machen,
noch ein bisschen Liebe, ein paar Worte verschicken,
den Menschen von meinem Glück abgeben,
und wenn es nur für einen kurzen Moment ist.

Es war mir eine Freude, dir mal wieder geschrieben zu haben,
danke für's Lesen.

Mit einer langen Umarmung.

♥Deine Rebecca.


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