Donnerstag, 18. Juni 2015

Simon.

Solltest du das hier jemals sehen, dann bitte ich dich hier gleich an erster Stelle: Lies es nicht.
All das hier ist nicht mehr für deine Augen bestimmt, ich schreibe wieder für mich und nur für mich.
Ich kann dich nicht davon abhalten, es trotzdem zu lesen, natürlich nicht. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich all das hier nicht schreibe, um dich über irgendetwas weiter aufzuklären. Danke.

Bald haben wir wieder einen 21. Juni, einen längsten Tag des Jahres und oh Wunder, es ist für acht Minuten sogar noch Donnerstag. Warum ich da jetzt so drauf eingehe, weiß ich selbst nicht, die Zeiten sind schon lange vorbei, an denen Donnerstage eine Bedeutung hatten. Es ist nur...
Das Klavier hat mir eine ordentliche Gänsehaut verpasst und ich hab zum ersten Mal seit Montag an dich gedacht.
So richtig gedacht. So... Bella hat gesagt, dass sie mit dir telefoniert hat und dann die Musik dazu und ich... Ich hab angefangen auf Englisch mit dir zu reden, obwohl du es natürlich nicht hörst und auch nie hören wirst. 
Ich glaube, das ist gut so. Manche Dinge sind in der Tat nicht für die Ohren anderer bestimmt.
Wir wären sonst viel zu verletzlich, viel zu zerstörbar.
Wüsstest du all das, was mir gerade durch den Kopf geht, Simon, ich glaube, du würdest mich zerstören. Du musst mich hassen, nach all dem, was ich zu dir gesagt habe.
Ich jedenfalls hasse mich ein bisschen dafür. Jetzt, im Nachhinein fällt mir wieder mal auf, dass ich einiges anders hätte sagen sollen oder vielleicht gar nicht. 
Aber die Zeit für Revisionen ist abgelaufen, kein Veto dieses Mal, meine Aussage ist so endgültig wie das Ende, das sie markiert.

Ich weiß nicht, wie es dir jetzt geht. Ob es dir überhaupt geht.
Ich weiß nicht, was ich für dich war, wie viel es tatsächlich ausgemacht hat, dass ich da war - oder eben nicht mehr bin. Weißt du, auf der einen Seite hoffe ich, dass ich dir etwas bedeutet habe, dass du jetzt endlich merkst, was ich da beinah fünfeinhalb Monate lang versucht habe. Ich hoffe, dass du dich so richtig schön schwarz ärgerst, dass wir beide doch nicht nach Amsterdam fahren. Ich hoffe, ich habe etwas bewirkt, bewegt, ich hoffe, dass ich da war, hat etwas ausgemacht.
Natürlich hoffe ich das, ist das nicht die Hoffnung eines jeden Menschen? Willst du mir Vorwürfe deswegen machen? Bitte, nur zu. Ich werde dich nicht daran hindern. 
Denn weißt du, Simon, all das, was wir waren, hat MIR etwas bedeutet. Du hast etwas bewegt in mir, hast etwas bewirkt, hast mich verändert und weitergebracht.
Warum ich dann jetzt trotzdem diesen Brief an dich schreibe, warum ich nicht einfach geblieben bin und es weiter versucht habe?
Ich frage mich, ob ich etwas zerstört habe, als ich gesagt habe, dass ich nicht mehr kann.
Du hast es nicht gesagt. Klar, hätte ich auch nicht gemacht. Die Blöße hätte ich mir nicht gegeben.
Aber aus deinen vorherigen Reaktionen schließe ich jetzt einfach mal ganz dreist, dass es in dir etwas zerstört hat. Und sei es nur ein weiteres Mal der Glaube daran, dass es Menschen gibt, die halten, was sie versprechen.

Simon.
Simon, Simon.

Vielleicht solltest du das hier doch lesen.
Ich versinke gerade so schön, in Erinnerungen, in Gedanken und in ungeweinten Tränen, die meine Kehle hinaufperlen, ohne jemals meine Augen zu verlassen.
Es ist so ein süßlicher Schmerz in mir, meine Reue ist von Sarkasmus gezeichnet, mein Herz schweigt.

Ich war bei dir tatsächlich zu Hause.

Aber nicht lange genug, ich hab zu schnell gemerkt, dass du mir das nicht geben kannst und von da an hat jedes meiner Worte die Enttäuschung begleitet und ich will dich nicht um Verzeihung dafür bitten, denn es ist niemandes Schuld. Ich habe versucht, es zu unterdrücken, zu vergessen, aber Simon, ich konnte nicht. Und ich konnte auch nicht, wie sonst, einfach nur noch für dich da sein, nachdem meine eigenen Hoffnungen so unerfüllt geblieben sind, wie ich zu der Zeit.

Du hast mich nicht gelassen.

Und daran bin ich zerbrochen.

Simon, ich möchte, dass du weißt, dass ich dir niemals wehtun wollte.
Ich wollte nie gehen.
Aber es hat mir so weh getan, irgendwann, dass ich nicht anders konnte.
Wenn ich eins gelernt habe, in meinem Leben, dann wie ich zu überleben habe. Und dass es meine oberste Pflicht ist. Und dass ich nichts und niemand jemals wieder vor diesen Überlebenswillen stellen werde. Und sollte ich es dennoch tun, Gott, dann werde ich diese Person mehr lieben, als ich jemals jemanden geliebt habe.
Ich fühle mich schuldig, ja.
Denn ich habe mich schuldig gemacht. Ich habe, wieder einmal Versprechen gegeben, die ich nicht gehalten habe. Ob ich das konnte oder wollte, spielt keine Rolle.
Ich habe es nicht getan.
Und darin besteht meine Schuld.
Und ich glaube, genau für die Vergebung dieser Schuld bittet mich mein Unterbewusstsein, sonst würde ich all das hier nicht schreiben müssen.
Simon.
Es mag so aussehen, als wäre mir all das egal, aber das täuscht.
Ich wünschte, du wärst nicht zu einem weiteren Punkt auf meiner Liste der unverzeihlichen Dinge geworden.
Und am liebsten würde ich dich jetzt anrufen und dich bitten, es mich noch einmal versuchen zu lassen. 
Aber wir wissen beide zu gut, dass es nichts bringen würde. Denn du bist du und ich immer noch ich.
Und so schnell ändert sich nichts daran und so schnell ändern wir uns nicht.

Ich wünschte, ich würde nicht immer Menschen allein lassen.

Ich kann mir das nicht verzeihen. Das wird mich bis an mein Lebensende verfolgen, dieser Gedanke,
diese Schuld.
Luise. Lisa. Du.
Und es wird nicht aufhören.
Es wird weitergehen.
Und verdammt, es tut so weh.

Ich wollte das nicht, hörst du? Simon, ich wollte das nie.
Und es tut so weh, es tut so weh.

Ich friere und dabei ist es doch Mitte Juni.
Wenn ich all das hier nur verstehen könnte, wenn ich wüsste, warum es mir nach einiger Zeit immer so unmöglich wird, denen, die es wirklich bräuchten, die mich vielleicht wirklich bräuchten, treu zu bleiben, dann würde ich etwas ändern.
Aber ich weiß nicht, woran es liegt.
Es passiert.
Und es summiert sich und wächst zu einer unerträglichen Last, die ich dennoch zu ertragen versuche,
bis ich daran und darunter zerbreche und gleichzeitig explodiere.

Ich will dir so gern jetzt schreiben.
Du fehlst mir.
Ja. 
Du fehlst mir.
Wir fehlen mir, wir beide ganz zu Anfang. 
Als wir im Winter mit unseren Familien im Winterurlaub waren.
Unsere Chatverläufe von damals hab ich irgendwann versehentlich gelöscht.
Aber das was du geschrieben hast, hat mir so sehr das Gefühl gegeben, du wärst anders.
Du würdest nicht nur zuhören, sondern auch verstehen.
Ach Simon.
Du  bist so anders... Als ich dachte.
Beziehungsweise, nein, ich korrigiere mich, ich glaube noch immer, dass du eigentlich so bist, wie ich dachte.
Doch warum auch immer du es nicht zeigen kannst oder willst, warum auch immer du nicht der großartige Junge sein willst, der du eigentlich bist, du bist das nicht.

Gänsehaut. Am ganzen Körper.
Simon, mein Gott, was du wohl gerade denkst?
Du hast immer so viel gedacht.
Du fehlst mir.

Ich wünschte bloß, du hättest mir mehr erzählt.
Ich bin neugierig, ja, und ich steh dazu.
Aber das war mehr als Neugier bei mir. Das war echtes Interesse.

Du wirst mit Bella im Herbst nach London fliegen.
Ich frage mich, ob du mich vergessen wirst, wenn ich weg bin.
Ob du überhaupt noch an mich denkst.
Ob du glücklich bist. Oder es jemals sein wirst.
Ich frage mich noch immer, was für ein Mensch du bist.
Und was das Leben so mit jemandem machen kann.
Mit Leuten wie dir oder mir.

Mit uns allen.
Was macht das Leben aus uns?
Was machen wir aus unserem Leben?
Ich muss noch den Treibhausgaseffekt für Englisch erläutern,
deswegen mach ich hier an dieser Stelle Schluss.
Aber ich lass die Fragen mal im Raum stehen.
Denkt einfach drüber nach.


1 Kommentar:

Unknown hat gesagt…

Ich hoffe dein Schmerz wird bald vergehen.
Du schreibst so schön, es ist jedes mal auf's neue unfassbar toll deine Briefe zu lesen.
Und auf deine Frage zurück zu kommen, was das Leben aus uns macht: am Ende hoffentlich sehr glückliche Menschen.