Donnerstag, 2. Juli 2015

Alexander.

Schon wieder Juli. 
Der dritte Juli in diesen Briefen.
Hättest du mir vor zwei, vor einem Jahr gesagt, 
dass mein Leben irgendwann so sein würde,
wie es heute ist,
ich hätte dich ausgelacht.

Wir sitzen auf dem Dach des Hostels. 
Gustav und Simon und noch einige andere.
Sehen die Lichter der Stadt, sehen die Sterne
und sind so unendlich und unfassbar 
wie diese Nacht.


Die Welle bricht und zieht mich unter Wasser
und für einen Moment habe ich Angst um mein Leben.
Als ich wieder auftauche
höre ich das Jauchzen der Anderen
und atme einmal tief ein
und lache
und huste.
Ich bin so da.
So lebendig.


Simon schweigt.

Und wir fliegen durch den Park,
machen Vorwärtsrollen auf dem vertrockneten Rasen,
trommeln auf Waschbecken herum
und laufen die Treppengeländer verkehrt herum hoch
und nichts und niemand
kann uns das nehmen,
kann uns aufhalten,
kann uns irgendwas.

Manchmal muss man, wenn mich nicht alles täuscht,
die Spaßkämpfe verlieren.
Ich scrolle durch die Juli-Briefe der vergangenen Jahre
überfliege Korsika und Luise und Jakob und mein nicht vorhandenes Leben
und frage mich, warum ich dann heute,
ausgerechnet heute melancholisch bin.
Irgendwie matschig.

Hat wohl mit der Hitze zutun, 30°C machen den Kopf schwer.
Und ich wundere mich, warum niemand schreibt
aber vielleicht liegt es auch daran,
dass ich nie jemandem schreibe
und höre Sophies Sprachnachricht, anderthalb Minuten aus ihrem Leben,
und obwohl wir fast eine Woche nicht geredet haben,
ist sie wieder da,
aber ich bin gerade so gar nicht da
und Philipp Glass macht es nicht besser.

Alexander,
es ist nur die Hitze.
Ich würde gut daran tun, einfach schlafen zu gehen.
Aber morgen ist letzter richtiger Schultag,
dann nur noch zwei Wochen Praktikum
und dann Ferien.
Und der Sommer ist so da wie alles andere auch,
aber heute Abend will ich einfach nur woanders sein,
will wieder auf den Dächern sitzen,
will hier nicht so fremd sein.

Wenn man nicht weiß, wohin man gehört,
ist man dann überall zu Hause
oder nirgendwo?

Seit ich vor zwei Stunden aufgehört habe, an diesem Brief zu schreiben, bin ich emotional so ziemlich alles einmal durch gegangen. Und jetzt weiß ich genauso wenig, wie vorher.

Es macht mich verrückt, heute Abend.
Ich sollte wirklich schlafen gehen.
Es ist nicht nur die Hitze.
Es ist auch die Müdigkeit.
Und morgen ist ein neuer Tag.
Und morgen lebe ich wieder,
wie schon seit sechs Monaten.

Ist das alles hier banal?
Gustav hat mich in dieser Hinsicht zum Nachdenken gebracht.
Wie banal Gedanken sein können.
Ist simpel mit banal gleichzusetzen?
Ich hacke auf die Tastatur ein, als gäbe es kein Morgen mehr.
Schreibe nur noch um des Schreibens Willen,
in der Illusion, dass meine Gedanken,
wenn sie sichtbar sind,
weniger beängstigend sind.
Banal, hämmert es in meinem Kopf,
gleichzeitig mit den Glockenschlägen für Mitternacht,
morgen ist ein neuer Tag,
heute ist morgen,
heute, neu,
es ist so.
Banal.

Da ist es wieder. 
Das Gefühl der nicht zu besänftigenden Unerfülltheit.
Rastlosigkeit, beinah schon verzweifelt,
denn da ist nichts, nichts, einfach nichts,
was mich jetzt noch retten könnte,
es ist die Nacht,
sie ist wieder da
und sie hat mich.
Wie lange war ich schon nicht mehr so sehr zu lange auf?
Alexander, Alexander,
gerade bin ich wieder klein und hilflos,
aber es ist nur die Müdigkeit, nur die Müdigkeit.
Warum ich nicht einfach schlafen gehe?
Worüber sollte ich denn schreiben, wenn nicht über meinen Kopf, wenn er nicht mehr klar denken kann?

Ach Alexander.
Vorhin wollte ich noch so eine richtige neonlichtblaueeinfachmanselbstsein - Beziehung,
eine, bei der man in geblümter Unterwäsche auf einem ungemachten Bett liegt, mit dem halb zerbrochen Lampenschirm auf dem Nachttisch,
alles so gar nicht ordentlich, so gar nicht gerade.
Alles ein bisschen unperfekt und dann eben menschlich und doch perfekt.

Aber Alexander, vielleicht bin ich das gar nicht,
 nur weil ich das will.
Vielleicht bin ich nicht dafür gemacht, zu irgendjemandem zu gehören,
vielleicht gehöre ich niemandem außer mir selbst,
vielleicht...
Vielleicht weiß ich nicht mehr, wie man loslässt.

So jedenfalls fühlt es sich gerade an,
Rebecca weiß nicht mehr, wo oben und unten ist,
sicher ist nur eins: 
irgendwann kommen die Schneeflocken wieder.
Aber noch schmilzen sie auf meiner Haut zu Tränen,
und die Tränen verdampfen,
denn in mir ist ein Sturm.

Oh Alexander, gerade brüllt es in mir,
gerade ist da die Zerstörung, 
denn es nimmt kein Ende,
es nimmt kein Ende.
Ich werde immer allein sein.

Keine Verzweiflung, kein Selbstmitleid mehr.
Die Ernüchterung, so kalt und klar wie diese Nacht,
die Gewissheit, 
dass ich nicht wissen kann,
was in einem, in zwei Jahren sein wird.

Der Witz ist, dass ich so vielen so viel über mich erzähle,
ich rede und rede,
aber irgendwie kommt doch niemand an mich ran
und das, obwohl sie eigentlich alles wissen.
Ich weiß nicht, was es ist,
vielleicht will ich, dass sie es entdecken.
Will es ihnen nicht auf dem Silbertablett servieren,
sondern, dass sie es finden, als wäre es ein Goldschatz.
Und will es gleichzeitig doch nicht,
sonst würde ich schweigen.

Ich weiß heute Nacht nicht mehr,
wer ich bin, Alexander.

Status: Es ist kompliziert.

Mit diesen doch sehr verwirrten Gedanken verabschiede ich mich an dieser Stelle doch in den Schlaf,
träum was Schönes, Alexander und bis bald ♥

Deine Rebecca.





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