Freitag, 10. Juli 2015

Lieber Alexander.

Ich schreibe dir und es ist noch nicht mal zwei.
Ich schreibe dir und habe den Geburtstag eines Menschen gefeiert, mit dem ich seit ein ein und nem dreiviertel Jahr nicht ein einziges Wort mehr gewechselt habe.
Die Akkorde, einzelnen Tönen wummern,
meine Schwester, die sonst unter mit schläft, ist nicht,
heute kann ich das mal machen.
Ich bin zu 7/8 wieder nüchtern.
Aber dieses eine Achtel in mir, das, was noch leicht vernebelt ist,
das denkt jetzt gerade.
Und es schreibt diesen Text.
Und es kann absolut keine Verantwortung für die inhaltliche Qualität meiner Worte übernehmen.
Es ist noch nicht mal zwei.

Willst du wissen, von wem ich rede?
Willst du wirklich wissen, warum?

Es ist, als wäre diese Kneipe ein magischer Ort.
Ich war erst zwei Mal dort, das letzte Mal vor über einem Jahr.
Aber bisher waren die Abende, die ich da verbracht habe, jedes Mal irgendwie... besonders.

Folgendes Szenario:

Jahres-Abschlusskonzert mit dem Chor. Davids Geburtstag. Ich weiß nicht, ob du noch weißt, wer David ist.
Der, mit dem ich vor fast zwei Jahren so fast drei Wochen zusammen war, yey. Der auf so glanzvolle und gleichzeitig traurige Art und Weise mit mir Schluss gemacht hat. 

Ich erzähle das deshalb, weil es eine Rolle spielt. Weil ich noch weiß, dass David Geburtstag hat, aber irgendwie scheint es kein anderer außer mir zu wissen. Niemand gratuliert, der Chor singt nicht, wie sonst üblich, ein kleines Ständchen.
David und ich haben, seit er Schluss gemacht hat, nicht ein Wort gewechselt. Auf der Chorfahrt nach Lissabon hab ich mit so ziemlich jedem mal irgendwann Smalltalk gemacht, nur ein bisschen oberflächlich dahergeredet - außer mit ihm. Wir sind uns geflissentlich aus dem Weg gegangen.
Zurück zu vorhin. Es ist verwirrend, alles. Gustav, Oliver und ich verzapfen so viel Blödsinn. 
Und ich sehe die beiden an und hab sie so lieb und bin ihnen so dankbar, dass es sie gibt.
Heute Abend ist meine Abschiedsparty. 
Verdammte Scheiße.
Ich gehe tatsächlich.

Also. Vorhin. Simon kommt auf mich zu, sieht mich. Sagt: "Rebecca, ich hab noch dein Buch." Das ist wahr, ich hab ihm mal, als wir noch gut miteinander konnten, mein Lieblingsbuch, nein, eins meiner 
All-Time-Favourites, ausgeliehen. Paper Towns, von John Green. Kommt Ende Juli auch in die Kinos, mit Nat Wolff und Cara Delevigne. Ich werd's mir zwar angucken, aber für mich kommt einfach kein Film der Welt an dieses Buch ran. Gut, Simon also.
Guckt mich wieder an. "Ich wollte dir das noch zurückgeben. Freitag, oder so?" Freitag ist letzter Schultag bei uns. Freitag sehen wir uns wahrscheinlich das letzte Mal für eine seeeehr lange Zeit.


Ich verabschiede mich. Von Leo, der über den Sommer in die USA geht.  Ich weiß, manche Leute aus dem Chor werde ich wohl nie wieder sehen. Das ist schon komisch.
Finde meinen Schlüssel nicht, frage Jasmin, ob sie mit mir nach Hause laufen würde. Klar, sagt sie, warum nicht. Wir drängeln uns durch die vor Kirche wartenden Eltern. Plötzlich ist da David.
Und ich weiß nicht warum, aber in dem Motto schalte ich für eine Sekunde meinen Kopf aus und wünsche ihm "Alles Gute zum Geburtstag". Ein kleines Lächeln huscht über sein Gesicht, ob Höflichkeit, Überraschung oder ehrliche Freude kann ich nicht sagen. Er bedankt sich, ich beeile mich, hinter Jasmin her zu kommen. Keine zehn Meter weiter bleiben wir erneut stehen. Andere sammeln sich um uns und dann ist da plötzlich auch David und lädt zuerst Reina ein, mit ihm und seinen Kumpels in die Kneipe zu kommen, dann Eva und schließlich alle.
 Ich stehe unschlüssig dabei, fühle mich nicht wirklich angesprochen. Schließlich haben David und ich, seit er Schluss gemacht hat, keine einzige Silbe miteinander geredet. Warum also sollte er mich einladen, seinen 17. Geburtstag mit ein paar Bier zu würdigen?
Ich zögere, Reina und Eva überreden mich am Ende aber doch. Karl ist auch mit dabei.
An diesem Abend ist also nicht nur ein Ex-Freund von mir mit in dieser Runde, nein, es sind sogar gleich zwei. 
Mit Karl versteh ich mich mittlerweile wieder echt gut, seit wir in Portugal waren und überhaupt.
Komisch ist es trotzdem.
Wir lachen, trinken, sie rauchen, ich nicht. Irgendwann fangen die anderen an, sich einen Joint zu bauen. Ich lerne Alex kennen, der ein Jahr im Ausland war. Total korrekter Typ, man kann mit ihm super reden und er hat sogar zu allem eine politische Meinung - David saß daneben und hat sich halb tot gelacht, während Linus verzweifelt versucht hat, sich durch unangebrachte und dumme Bemerkungen in die Diskussion einzuklinken... Egal.

Karl ist dann ganz schnell dicht und pennt auf zwei Stühlen dich, am Ende bringe ich ihn nach Hause, er drückt mich lange und fest. Peinlicher Moment, als er mir meinen Pullover wieder gibt - er hat keine Jacke mit und gefroren und ich hatte den Pulli extra vorher noch von zu Hause geholt.

Ich finde das lustig. David scheint immer noch derselbe, tief in seinem Herzen anständige kleine Junge zu sein, der er damals war. Ich weiß nicht, was aus seinen Tränen geworden ist, aber er war, obwohl man das bei seiner großen Klappe anders vermuten könnte, derjenige, der Karl geweckt hat, derjenige, der ihm beim Bezahlen geholfen hat, derjenige, der Karl gefragt hat, wo er hin muss und ob das weit ist.

Vielleicht bin ich dumm und naiv.

Aber ich sehe diese Menschen an.
Und ich weiß, dass sie Menschen sind, genau wie ich. Und ich weiß, dass sie im Grunde anständig sind. Okay, vielleicht ist das auch nur die verzweifelte Illusion eines hoffnungslosen Unterbewusstseins, aber ganz ehrlich, Alexander, was ich hier schreibe, interessiert eh niemanden von denen und deswegen muss ich mir darum auch gar keine weiteren Gedanken machen.


Ich bin so verdammt müde und jetzt ist es doch schon halb drei. Wecker morgen früh auf 8:30 Uhr, das muss reichen. Sechs verdammte Stunden Schlaf.
Morgen ist an unserer Schule Abiball.

Morgen ist meine Abschiedsparty.

Ich kann es nicht realisieren.
Ich kann es ganz einfach nicht.

Mir fallen die Augen zu, Alexander.
Sei anständig, das ist immer gut.


Liebe an dich,
Rebecca.

3 Kommentare:

Yui hat gesagt…

hallo rebecca,

ich muss sagen, ich bin auch müde. Unheimlich müde..deshalb verzeih wenn ich es überlesen habe
aber darf ich fragen wohin du dann gehst? Schreibst du dann noch? Ich lese deine Briefe an Alexander so gerne ..

Yui

Yui hat gesagt…

Dein Kommentar hat mich so unglaublich motiviert und...überwältigt. Deine Worte haben mir für einen Moment den Schub gegeben den ich gebraucht habe um meinen Tag zu schaffen.

Vielen Dank Rebecca...& danke dafür das du auch weiter schreibst, ich freue mich schon sehr auf die neuen geteilten Erfahrungen aus Kanada von dir

deine Yui

Madame Traumtänzerin hat gesagt…

Oh ein so wahrer Text. Dieser Abschied war bis heute einer der härtesten in meinem Leben, obwohl ich im gegensatz zu dir nichtmal das Land verlassen habe, sondern nur die Stadt.

Pass auf dich auf ja?