Sonntag, 19. Juli 2015

Lieber Alexander.

9 Tage sind seit meinem letzten Brief vergangen und es scheint,
als hätte sich in dieser Zeit schon wieder ein ganzes Leben abgespielt.

Meine Abschiedsparty, der Abiball, dann der Spielplatz mit Oliver und schaukeln,
er und ich auf der Couch und mein Gott, so fühlt es sich also an, wenn jemand einen wirklich festhält,
wenn er atmet und sich der eigene Atem seinem Rhythmus anpasst,
ohne das man etwas dagegen tun kann.
Dann wieder Praktikum.
Abschlussparty meiner Klasse, letzter Schultag ohne dass wir es wirklich realisieren, gleichzeitig Geburtstag meines Bruders und von Jasmin.
Abends gehen wir in den F. und später auf die Wiesen, Alex ist da, Sterne gucken mit Chris, er bringt mich nach Hause, am nächsten Tag dann die offizielle Abschiedsfeier von Jasmin, wir lachen und können nicht aufhören und die Nacht ist lang.

Wie eigentlich alle Nächte diesen Sommer bisher.
Wie auch diese Nacht.

The Killers und es regnet und morgen bin ich mit Laura und Gustav und Enno und Florian und noch einigen anderen an der Ostsee, dann besuch ich meine Oma und nächstes Wochenende mach ich einen Surfkurs.

Ich finde es so unfassbar, wie sehr dieser Sommer all dem entspricht,
was ich immer wollte.
Dieser Sommer ist tatsächlich der Sommer,
von dem ich immer geträumt habe,
mit den Leuten, die mir mehr am Herzen liegen, als alles andere auf der Welt.

Festival mit Sophie, Ostsee mit Laura, Gustav und Florian,
noch mal die ganze Familie,
zwischendurch zu Hause.

Aber ich gehe.
Und ich kann nicht glauben,
dass ich mich von einigen Menschen bereits endgültig verabschiedet habe -
denn so fühlt es sich nicht an.
Und ich glaube, ich werde es bis zum Ende nicht begreifen können.
Bis ich wieder hier bin, bis ich sie wieder in die Arme nehmen kann,
werde ich nicht wissen, wie sehr sie mir tatsächlich fehlen werden,
wie sehr ich sie tatsächlich brauche.

Vielleicht sollte ich aufhören, das so zu dramatisieren.
Schließlich werde ich in Kanada auch eine unvergessliche Zeit haben,
Und ich sehe sie alle wieder.
Und es ist nur ein Abschied.

Aber die Wahrheit ist,
dass ich noch nie für so lange von zu Hause,
von meinem Zuhause weg war.
Dass ich noch nie so unsicher,
so allein irgendwo war,
wie ich es in Kanada anfangs sein werde.
Klar, diese Erfahrung machen wir alle irgendwann, früher oder später.
Und ich hab mich bewusst dafür entschieden,
diese Erfahrung jetzt schon zu machen.
Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich groß genug dafür fühle,
ich bin immer noch erst 16,
ich bin immer noch klein.
Gemessen an dem, was ich in den letzten Wochen erlebt habe,
fühle ich mich doch noch sehr jung.
Nicht klein, aber jung.
Denn die Leute, die mit denen ich was zutun hatte,
waren alle 17 und älter.
Aber ich war zum ersten Mal nicht mehr schüchtern.
Ich hab albernen Smalltalk mit Menschen betrieben,
die ich vorher nur vom Sehen kannte - und die, wie üblich, meinen Namen nicht kannten.

Alexander, hättest du mir vor zwei Jahren erzählt,
ich würde einmal diese Dinge erleben,
ich würde einmal so ein Mensch werden,
ich hätte dich ausgelacht.
Und jetzt sind sie da und ich bin auch da und ich kann einfach nicht glauben,
dass das wirklich mein Leben sein soll.

Und dann denke ich an all die Menschen, die nicht ein solches Glück gehabt haben, wie ich.
Denke an das Mädchen aus der Klasse meiner Schwester (5. Klasse),
dessen Mutter sich vor einen Zug geworfen und dessen Vater Krebs hat. Er hat maximal noch ein Jahr. Und wer kümmert sich dann um dieses Mädchen?
Alexander.
Ich habe mein Leben genauso wenig verdient wie diese Mädchen das ihre.
Und es gibt Menschen, die mögen das Schicksal nennen,
aber ich empfinde es als eine Ungerechtigkeit, die ich auszugleichen habe,
in meinem Leben.
Ich bin es all denen schuldig, die aufgrund ihres "Schicksals" bestimmte Dinge nie machen werden,
nie wissen, nie können werden.
Die niemals wissen werden, wie es sich anfühlt, frei und unbeschwert in den Sommernachtshimmel zu schaukeln oder sich über das Leben zu unterhalten, während man sich die Sterne ansieht, weil sie ihr Schicksal immer im Hinterkopf haben, weil ihr Schicksal ihr Leben bestimmt und ist.

Deswegen, Alexander, schreibe und beschreibe ich immer und immer wieder meine Fassungslosigkeit über mein eigenes Glück, mein eigenes Schicksal.
Weil ich genau weiß, dass das alles ein riesengroßer Zufall ist
und alles, was ich kann und darf und mache ohne etwas dafür zu tun,
ist ein Geschenk meines Lebens an mich.
Weil ich versuche, zu begreifen, wie gut es mir geht,
wie viel ich der Welt tatsächlich schuldig bin.
So wie es aussieht, eine ganze Unendlichkeit.

Ich muss schlafen, Alexander, ich melde mich wieder, irgendwann.

Pass auf dich auf und sei dir immer deines glücklichen Zufalls bewusst.

♥Deine Rebecca.

3 Kommentare:

Unknown hat gesagt…

Ich danke dir so sehr für diesen Text. Er hat mich zutiefst berührt und zum Nachdenken gebracht. Du bist eine tolle Person, danke.

None hat gesagt…

Sehr schöne Worte.

Eleni hat gesagt…

ich bin ja meist eher stumm, aber eins muss ich dir wirklich mal sagen,
rebecca,
bitte bitte bitte mach was aus deinem talent.
bitte.


während ich seit monaten unter meiner schreibblockade leide und mein blog mehr und mehr verkümmert, lassen mich deine briefe jedes mal aufs neue für ein paar minuten in eine andere - in deine - welt eintauchen.

ich danke dir dafür.

Eleni (Maddie/Victoria)