Samstag, 25. Juli 2015

Lieber Florian.

Du hast mich verrückt gemacht, wie es kaum ein Zweiter geschafft hat, Mr. M vielleicht noch, aber so unruhig wie deinetwegen war ich selten. Ich bin mitten in der Nacht aufgestanden und habe Fotos von menschenleeren Straßen gemacht, nur um mich zu beruhigen. Du findest das vielleicht lustig, mein Freund, aber ich kann dir sagen, das ist es nicht.

Ich bin nicht gut darin, Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich bin nicht gut im Reden.
Und vor allem bin ich nicht gut darin, Menschen zu sagen, dass ich sie nicht liebe.
Dir zu sagen, dass ich dich nicht liebe.
Was da gestern passiert ist, tut mir - wieder einmal - außerordentlich leid.
Ich hätte mich nicht von dir in den Arm nehmen lassen sollen, ich hätte mich nicht so von dem verleiten lassen sollen, was da in mir ist und was einsam ist.
Denn ursprünglich hatte ich den sehr vernünftigen Entschluss gefasst, dir nicht mehr zu sagen, als du wissen musst, um zu verstehen, warum ich nicht gewillt bin, mich auf eine Beziehung einzulassen, die fünf Wochen hält.

Mit jemandem, der nicht gewillt ist, über das zu reden, was vielleicht in einem Jahr sein könnte.

Es tut mir nicht leid, Florian.
Für dich ist das alles einfach, für dich gibt es schwarz oder weiß.
Deiner Meinung nach kann man sich die Probleme auch einreden, die man hat.

Ich will dir etwas sagen: Die meiste Zeit meines Lebens ist grau in grau in grau.
Nicht mal schlimm grau, aber für mich sind Gut und Böse genauso wenig definiert wie die perfekte Dicke der Nutella-Schicht auf meinem Frühstücksbrötchen.
Du kennst mich nicht, Florian, wie also kannst du ernsthaft erwarten, dass ich für die fünf Wochen, die mir bis zum Abflug bleiben, all das aufgeben würde, was ich mir im Laufe des letzten Jahres so mühevoll erkämpft habe.
Emotionale Freiheit und Unabhängigkeit.
Mag sein, dass du das nicht verstehst, du lebst nach der Devise "Einmal ist besser als kein Mal", aber ganz ehrlich, du hast keine Ahnung, was es für mich bedeuten würde, das einfach wegzuwerfen.
Für jemanden, der seit dreieinhalb Jahren in mich verliebt ist und der so unbedingt mit mir zusammen sein will, dass ihm auch fünf Wochen reichen würden.

Florian, du wolltest von mir, dass ich egoistisch bin
und mein Gott, das war ich.
Ich bin mir ehrlich gesagt zu schade für so etwas.


Du sagst, es ist einfach, es gibt ja oder nein.
Ich sage, so einfach ist das nicht.

Denn ich weiß, du bist so anständig, du könntest mir all das geben, was ich brauche,
du würdest all meine Macken geduldig ertragen und mich immer noch so ansehen, 
mit diesem Blick, von ich mich seit Dienstag frage, wie ich ihn nicht bemerken konnte.
Florian, mein Lieber, du machst es mir nicht gerade leicht.
Denn wer kann mir versichern, dass ich noch mal jemanden finde, der sich in mich verliebt?
Wer kann mir versichern, dass ich nicht in einem Jahr aus Kanada wiederkomme und dich und deine Freundin sehe und wie glücklich ihr seid und mir dann denke, ach hätte ich mal...?

Florian, das kann mir niemand versichern.

Und die Wahrheit ist, es ist manchmal so verlockend, sich einfach fallen zu lassen.
Es ist so verlockend, dich nicht mehr darum zu bitten, mich nicht zu küssen.
Oder mich so anzusehen.
Ich wüsste gern, was du in diesen Momenten denkst, wenn du mich so ansiehst.


Verdammt, kurz verloren und gleich ganz raus.
Hilf mir, Alexander.
Was tut man, wenn man die Liebe nicht versteht?
Schlafen?
Wohl kaum.
Hast du jemals jemanden gesehen, der sich seine Verwirrung, seine Verzweiflung,
seine Liebe einfach wegschlafen konnte?

"Ich kann nicht atmen" schreibt sie und "Ich kann nicht ohne ihn und, ganz ehrlich, ich will auch nicht ohne ihn".

Alexander, warum sind die Menschen allein, die nicht allein sein sollten?
Warum.
Warum will ich jetzt weinen, warum kann ich jetzt nicht weinen,
jetzt, wo meine Einsamkeit so allgegenwärtig ist,
im Gegensatz zu dem Sturm, der kommen sollte,
wo ist der Sturm, wenn man ihn mal braucht?

Du siehst mich kopfschüttelnd an, als ich dich bitte, mir zu versprechen, dir jemanden zu suchen, der dich verdient hat. 

Ich brauche keinen Sturm,
ich bin der Sturm selbst.
Und mein Gott, ich sehe zu, wie alles, alles, alles verbrennt,
was da war,
was wir nie waren,
was gewesen ist.
Ich kann mich nicht verabschieden.
Und du siehst mir in die Augen
und du siehst meine Monster, siehst meine Dämonen,
die da noch immer irgendwo sind.

Komm mir nicht zu nah,
es ist dunkel da,
wo ich bin.

Zumindest heute Nacht.

"Es gibt einen Unterschied zwischen gut genug und richtig", erkläre ich dir und du siehst mich an.

Ich will so richtig sein, Alexander,
will alles richtig machen,
vor dir steht eine Perfektionistin.

Alexander.
Und jetzt regnet es doch.
Und ich glaube nicht an die Liebe.

Es gäbe noch so viel zu sagen,
aber an dieser Stelle sollte ich schweigen.

Pass auf dich auf, Alexander.
Es wird alles gut, weißt du?
Daran glaube ich.
Dass alles gut wird.
Irgendwann.

Bis dahin, hör nicht auf der Sonne entgegen zu strahlen.

♥ Deine Rebecca.

1 Kommentar:

Eleni hat gesagt…

Liebe Rebecca,

leider ist dies kein Brief Alexanders und so musst du mit mir vorlieb nehmen.
Ich hoffe trotzdem, dass meine Worte deine Seele trösten und wieder ein klein weg mehr ins Gleichgewicht zurückbringen können.
Mensch, was ein Satz.
Jedenfalls, wollte ich dir in diesen kurzen Zeilen nur eines sagen.
Manchmal muss man Entscheidungen treffen und wie ich lesen kann, hast du dich bereits entscheiden: und zwar für dein Auslandsjahr.
Und das ist eine verdammt mutige Entscheidung, wie ich finde. Du lässt für Monate deine Herzensmenschen und deine Heimat zurück. Deine vertraute Umgebend und beinahe alles, was du liebst.
Dafür gewinnst du Freiheit. Erfahrungen. Leben. Ein komplett neues Leben.
Das ist eine einmalige Chance und da hast dafür gekämpft, alle Hindernisse überwunden und stehst bereits kurz vor dem Sprung ins Wasser.
Du musst F. zurück lassen, auch wenn es schmerzt.
Auch wenn du dich immer fragen wirst, was passiert wäre wenn...
Wir Menschen fragen uns doch immer, "was wäre wenn?". Aber, es ist nunmal nicht so gekommen.
Alles was passiert, hat seine Gründe.
Ich glaube fest daran. Immer.

In einem Jahr wird alles anders sein. Eine andere Rebecca wird zurückkommen. Eine reifere, erwachsenere Rebecca. Mit vielen neuen Erfahrungen und Eindrücken. Einem neuen Geist.

Ich rede zu viel um den heißen Brei herum.

Die eigentliche Aussage meines Briefes - der viel zu lang wird, entschuldige bitte - ist die folgende:
Wer weiß was in einem Jahr ist.
Vielleicht merkst du in den nächsten Monaten, dass du F. vermisst, auf eine besondere Weise.
Wenn du zurückkommst, vielleicht siehst du ihn mit anderen Augen.

Vielleicht lernst du dann auch jemand anderes kennen.

Niemand weiß, was die Zukunft bringt.
Und das ist gut so.
Denn sonst wäre das Leben doch langweilig, oder?
Wir wissen nicht, was kommt.

Oh Rebecca, ich beneide dich. Wie gerne würde ich Kanada mit all seinen Schönheiten mit eigenen Augen sehen.
Ich wünsche dir jetzt schon unendlich viel Spaß und eine tolle Zeit!

Pass auf dich auf.
Eleni