Dienstag, 4. August 2015

Hey Alexander.

Schon wieder so viel Zeit vergangen, seit meinem letzten Brief und mein Gott, seit die Ferien begonnen haben, scheint sich die Welt noch viel schneller zu drehen, als sie es ohnehin schon immer getan hat, zumindest für mich.
Jetzt bin ich endlich für ein paar Tage zu Hause, naja, was heißt schon zu Hause,
wenn ich von morgens bis abends mit Freunden unterwegs bin,
heute hier, morgen dort.
Wollte ja eigentlich noch ins Kino,
muss dies noch erledigen und das einkaufen,
zum Glück war Mama schon bei der Schneiderei,
dann muss ich das nicht auch noch machen.

Manchmal frage ich mich, ob und wann ich jemals zur Ruhe kommen werde,
ob ich das überhaupt noch kann,
einfach mal nichts tun.

Zu meinem letzten Brief hatte ich direkt danach noch eine Erklärung angefangen, die ich dir nicht vorenthalten will, Alexander, allerdings habe ich gerade keine Zeit sie genauso detailliert weiterzuschreiben, deswegen füg ich sie hier jetzt einfach mit ein.

Dienstagabend. Ich bin gut bei meiner Oma angekommen, wir sitzen noch im Wohnzimmer und reden und lachen über dies und jenes. Einer dieser Momente, in denen mir schmerzlich bewusst wird, wie kostbar die Zeit mit jedem einzelnen Menschen, aber ganz besonders mit ihr ist. Sie wird im Oktober 80. Und zwischen Oktober 2015 und Juni 2016 liegen Welten. Und wer weiß, ob dieser Besuch mein letzter bei ihr sein wird? 


- Wann um alles in der Welt haben wir begonnen, es für selbstverständlich zu halten, dass wir einander wiedersehen werden? - 

Mein Handy vibriert in meiner Tasche, ich lege kurz meine Hand darauf, jetzt nicht, das ist unhöflich. Wenn alle schlafen, kann ich gucken, wer mir da geschrieben hat.
Florian, um 22:49 Uhr. Schreibt: "Mit dir wars viel schöner :*"
Und dann, fünf Minuten später haut er raus: 
"Ich bin gerad nachdenklich..."
"Ich hab gehört du willst keine Beziehung mehr bevor du weggehst aber ich will dass du weißt dass ich dich mag..."
"Das war das worüber ich gestern nachgedacht habe aber ich hab mich nicht getraut :/"

Und ich sitze da, sprachlos und lasse vor meinem geistigen Auge den Abend davor ablaufen.

Montag, 20. Juli 2015

Als wir um dreiviertel zehn die Bahnhofshalle betreten, begrüßt uns die Anzeigetafel mit der Ankündigung, dass unser Zug mit etwa 30-minütiger Verspätung eintreffen wird. Gut, denken wir uns, macht nichts, wir haben Ferien, wir haben Zeit. Wir wollen nach Warnemünde an die Ostsee, ein paar Tage in der Wohnung von Nicki und ihrer Mutter verbringen. 
Nichts außer der Deutschen Bahn könnte uns jetzt noch aus der Ruhe bringen, doch diese fabelhafte Unternehmen meistert diese Herausforderung mit Bravour und nach knapp 45 Minuten Fahrt sitzen wir, wie alle unsere Mitfahrer auch, auf dem Bahnsteig eines kleinen Kaffs und warten auf unseren Ersatzzug, der "jeden Augenblick eintreffen müsste". So viel dazu. Nach einer Viertelstunde Warten entschließen wir uns, zur allgemeinen Unterhaltung den Bahnhof mit DER Hymne auf die Deutsche Bahn (nämlich dem gleichnamigen Song von Wise Guys) zu beschallen. Schmunzelnde Gesichter rund um und als wir uns schließlich, mit rund einer Stunde Verspätung in Warnemünde dem endlosen Strom der Badegäste anschließen, ist einfach alles perfekt.
Nach Fischbrötchen und Eis, einer kurzen Mittagspause meinerseits (mein Schlafrhythmus ist tatsächlich schon am dritten Ferientag vollkommen zerstört) und jeder Menge lustiger Runde "Arschloch" beschließen wir, nach dem Abendbrot an den Strand zu gehen - welch eine Überraschung. 
Stranddecke, Fahrräder/Longboards, Frisbee, Kamera und, nicht zu vergessen, Alkohol und wir sind gerüstet für den perfekten, kitschig-klischeehaften Sommerabend.
Ziemlich schnell bilden sich Gruppen, Enno und Nicki verschwinden auf die Kletterspinne für Kinder, Laura, Gustav und...

An dieser Stelle hab ich aufgehört, um es kurz zu machen,
Florian und ich haben die Nacht durchgemacht,
wir waren morgens um halb 6 in der spiegelglatten Ostsee baden,
sind danach mit klatschnassen Sachen zum Bäcker gelaufen, um für die anderen Brötchen zu holen, wir haben uns zusammen den Sonnenaufgang angesehen und mit Tequila in den Dünen gelegen,
haben die Vernunft der anderen mit unserer Unvernunft besiegt
und es war so lustig,
es hat so viel Spaß gemacht.
Und ich dachte, wir wären gute Freunde,
ich hab mich so gefreut, jemanden zu haben, mit dem ich zusammen unvernünftig sein kann und dann, am Dienstagabend, nachdem ich weg war...

Freitagabend dann das "klärende Gespräch",
das diesen Namen nicht wirklich verdient,
weil ich sowas schon immer nicht konnte,
weil ich noch nie wirklich gut reden konnte,
Sonntagabend dann der Brief an dich, Alexander,
du hast mein Chaos selbst gelesen
und Montag war ich dann weg, raus aus dieser Stadt,
weg von Florian
und trotzdem hat sich der arme Gustav noch die ganze Woche
immer und immer wieder
anhören müssen, dass ich noch immer drüber nachdenke,
dass er mir fehlt, wenn auch nur als Freund
und auch jetzt noch denke ich
und denke
und denke.

Laura hat mir erzählt, dass er zu ihrer Party letze Woche schon besoffen ankam,
dass er dann volle 2 Stunden über'm Klo hing
und ich weiß, dass es nicht meine Schuld ist und dass es absurd ist,
diese beiden Dinge in Zusammenhang zu setzen,
aber ich kann nicht anders.

Enno und Nicki sind jetzt übrigens zusammen
und Gustav und ich schreiben so viel, er aus dem Urlaub und ich von zu Hause
und gestern hab ich bei Laura übernachtet und unser Frühstück heute Morgen war himmelhochjauchzendherrlich
und dann war ich noch mit Marie am See und es ist einfach nur Sommer.

Ich müsste dir wohl von dem Ort erzählen, an dem meine Großeltern leben,
denn es ist tatsächlich mein Paradies
und das werde ich auch noch,
wenn ich im Laufe der Woche mal Zeit habe,
damit du verstehen kannst,
dass ich nirgendwo sonst auf dieser Welt vollkommeneres Glück bin,
als dort.

Momentan habe ich unheimlich viel Kontakt mit Leuten, die dann mit mir in Kanada sein werden,
mit denen ich hinfliegen werde
oder die ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland sehen werde.
Menschen, denen ich noch nie in die Augen gesehen habe
und von denen ich trotzdem weiß, dass ich mich gut mit ihnen verstehen werde,
dass sie meine Freunde sein werden.
Das beruhigt mich und das freut mich
und das macht mir zumindest zur Zeit den Gedanken an diesen speziellen Mittwochabend,
an dem ich dann für 10 Monate endgültig auf Wiedersehen sagen muss,
etwas erträglicher.

Schon jetzt kenne ich in ganz Deutschland so viele Jugendliche,
dass es mir beinah Angst macht.
Das ist nicht normal.
Das sind die Folgen der modernen Kommunikation,
der ich mich so bereitwillig hingebe,
obwohl ich sie gleichzeitig verfluche.

Ich hab mir für Kanada vorgenommen, hauptsächlich Briefe oder E-Mails zu schreiben,
die werden im Endeffekt wesentlich persönlicher als eine kurze Whatsappnachricht.
Außerdem hab ich ja auch noch meinen Blog, auf dem ich mehr oder weniger regelmäßig posten werde,
für alle, mit denen ich nicht stundenlang skypen kann.
Ich mein, ganz ehrlich, wer kommt auch auf die bescheuerte Idee, ich könnte mit jedem Hans skypen, wenn ich weg bin?
Wenn ich mit 10 Leuten jeweils zwei Stunden pro Wochenende skype, halleluja, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben, haha.
Egal, sie meinen es nur gut, Alexander, sie wollen mir nicht 10 Monate lang nichts erzählen können, ich sollte ihnen keine Vorwürfe machen.

Noch dreieinhalb Wochen bis zum Abflug, mein Gott,
die Zeit rennt tatsächlich.
Dreieinhalb Wochen sind nicht viel.
Sind sie überhaupt nicht.

Ich sollte schlafen gehen, Alexander.
Morgen ist ein neuer Tag.

Ein Tag weniger bis Kanada.




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