Donnerstag, 10. September 2015

Lieber Alexander.


Weißt du, ich habe mit allem heute Nacht gerechnet.
Dass ich, vor Tränen und Reue zerstört, hier sitzen und noch immer zittern würde.
Dass ich es nicht glauben kann, noch immer nicht und immer und immer wieder nicht.
Aber nicht damit, dass ich hier sitze und...

Gibt es so etwas, wie einen schönen Abschied?
Ich meine, kann es so etwas überhaupt geben?
Sind Abschiede nicht immer unweigerlich mit Schmerzen und Tränen verbunden und können deswegen gar nicht schön sein?

Nun, Alexander, diese Nacht hat mich eines besseren belehrt.

Denn meine Welt hat noch nie einen schöneren Abschied gesehen, als diesen.
Oder sollte ich besser sagen, dass er genauso war, wie er hätte sein sollen?
Mein Abschied.
In meinem Kopf klingt das Wort jetzt fast zärtlich.
Verbunden mit den Erinnerungen an diesen Abend.
Abschied.
Er war auch schön und er war schrecklich und tränenverschmiert und rückwärtsgerollt, er war gekitzelt und grasgeschlachtet, ebenso zitternd wie gewiss und vor allem und immer wieder aufs Neue: voller Zuversicht.

Was auch immer das Leben mit mir angestellt hat, Alexander, ich kann nicht anders, als selbst diesen vielleicht grausamsten Moment des Jahres als wundervoll zu empfinden.
Und das nicht, weil ich zwanghaft alles romantisiere, was mir so über den Weg läuft,
nein Alexander, weil es tatsächlich ein wunderwunderwundervoller Abend war.

Laura hat mich vorgestern angeschrieben und gefragt, was jetzt mit Mittwochabend ist und wann und überhaupt. Daraufhin hab ich noch mal kurz in den Klassenchat geschrieben, von wegen, wer sich verabschieden will, kann Mittwoch ab 19 Uhr auf die Wiesen kommen. Ganz einfach. 
Im Laufe des gestrigen Tages haben mich dann noch so Leute angeschrieben wie Lina, ob sie kommen dürfen, oder wie Magda, wann genau wir uns jetzt treffen. 
Und dann, auf einmal. Mr M.
17:11 Uhr: Hey ist es ok fur dich wenn ich heute Abend komme?
17:12 Uhr: Wenn nicht dann sags echt!

Und ich verabrede mich mit Laura, damit wir noch was kaufen gehen, vorher, und dann fahren wir zusammen Richtung Wiesen und treffen unterwegs auf Florian und Lina und Enno und Nicki, die sich so überaus knuffig an den Händen halten, dass mir fast das Herz bricht. Und es ist gerade mal kurz nach 7.
Laura und ich fahren weiter, schließlich ist nicht sicher, wer schon alles da ist (außer Lena noch keiner, wie sich rausstellt) und breiten dann die Decke auf dem Gras aus. 
Niemand kann sich vorstellen, wie schön das Schloss in der untergehenden Abendsonne geleuchtet hat. Und die Sonne ging schnell unter, und hat uns allen wieder mal klar gemacht, dass der Winter nicht mehr weit ist und dass das Leben kurz ist und... okay, nicht abschweifen. 
Nach und nach trudeln die anderen ein, Yannik ist relativ schnell da, Gustav, dann kommen auch Magda und Marie, Hannah, meine wunderschöne Hannah und dann, überraschenderweise Felix. Felix, mit dem ich nie wirklich viel zutun hatte, den ich nie sonderlich mochte und dennoch ist er da. Lukas kommt und dann, die nächste Überraschung, Oliver. Von dem ich auch nicht gedacht hätte, dass er aufkreuzt. Aber er ist da und wir sitzen alle da und dann ist auch Mr. M da und später holt er noch Sophie ab, Fahrschule und so und dann sitzen wir da und reden und lachen und die Zeit vergeht.
Sie vergeht einfach und dann ist die Sonne weg und wir sind immer noch da.
Klar, es bilden sich Gruppen, denn die einen können mit den anderen nicht so, aber irgendwie ist das auch egal, denn diese Menschen, die dort sitzen, sind mir mehr Familie, als es irgendjemand sonst sein könnte und sie nur anzusehen, lässt mich sicher sein. 
Sicher, dass sie alle atemberaubend sind,
sicher, dass ich das größte Glück der Welt hatte, sie kennenzulernen, 
sicher, dass das hier immer mein heimatlichstes Zuhause sein wird.
Diese kleine Stadt mit den kleinen Häusern und diesen Menschen, die in ihnen leben und die doch so großartige Herzen in ihrer Brust tragen und ein Leuchten in ihren Augen, mit dem sie jede noch so dunkle Nacht zum Strahlen bringen können.

Mr. M sitzt rechts neben mir und Sophie links und wir essen irgendwelche Chips aus Friesland und Mr. M und ich trinken zu zwei den Sekt, den er mitgebracht hat, um anzustoßen, "auf dich !" und dann kommt Hannah zwischen uns und Mr. M fängt an, Grashalme rauszureißen und uns damit zu bewerfen, Hannah und mich und wir werfen zurück und dieses Grasschlacht ist so kindisch und gleichzeitig finde ich sie so wundervoll. Und als ich wieder sitze, kitzelt Sophie mich und Himmel, ich muss so lachen und vor allem muss ich so verdammt dringend aufs Klo, schon wieder, scheiß Alkohol. Und sie sieht mich an und sagt, sie muss das jetzt tun, schließlich kann sie mich jetzt ein Jahr lang nicht kitzeln und es durchfährt mich eiskalt, denn sie hat Recht. Mein Gott, sie hat Recht, sie wird nie wieder unter'm Tisch in Mathe ihre Finger mein Knie sternförmig runterdrücken, sodass ich mich vor Lachen auf dem Tisch winde und unser Lehrer uns hasserfüllte Blicke zuwirft. Denn wir sind dann auch nicht mehr ein Jahrgang und wir haben auch nicht nur ein paar Kurse zusammen, sondern einfach gar keine. Scheiße.

Hannah erzählt mir von Julius und dem Fotoalbum und dem Boot. Oliver erzählt von seiner Wohnung, WG ab nächstem Schuljahr, heute eingerichtet. Zeigt Bilder rum. Jemand beschwert sich über die Musik, die Florian an macht. Hauptsächlich ich. Aber nicht nur. Enno macht allen Bier auf, die wollen und kuschelt nicht mit Nicki und Felix sitzt etwas abseits mit Lukas und sie beide reden. Hauptthema sind die Kurse, wer hat mit wem und wann? Magda kommt mit, weil ich nicht allein aufs Klo will. Gustav später auch noch mal. Auf dem Weg treffen wir Oliver und Mr. M, die gerade von weiß Gott wo wiederkommen. Und Gustav erzählt mir von seinem Besuch bei Theresa in Potsdam. Und wir laufen ein bisschen rum, bisschen weg von den anderen und dann sind wir irgendwann wieder da. Und dann kommen noch Fiona und Ludwig, gerade aus Hamburg, sagt Fiona und ich freu mich so, dass sie da sind, ich freu mich wirklich. Und irgendwann, ich weiß gar nicht wie und warum, gehen Sophie und ich ein wenig abseits und ich weiß auch schon nicht mehr, wie es kam, aber eigentlich können wir uns nur angesehen haben. Und dann umarmt. So fest. 
Und ich konnte nicht anders. 

Wir haben beide geweint.

Nicht nur ein bisschen. Nein, wirklich richtig. Und unsere Körper haben gegen einander gezittert und wir haben in die Haare des anderen geweint und in unsere Schultern geschluchzt. 
Sie ist doch meine beste Freundin, verdammt. 
Meine beste Freundin.

Ich hab mich öfter entschuldigt, an diesem Abend. 
Dafür, geweint zu haben.
Dafür, andere zum Weinen gebracht zu haben.
Dafür, dass ich diese absolut beschissene Idee hatte, einfach mal eben für zehn Monate ans andere Ende der Welt zu verschwinden.
Was hab ich mir dabei nur gedacht?


Yannik geht als Erster und er verabschiedet sich auf seine Weise und ich kann trotzdem nicht anders, als ihn aus beinah vertränten Augen dankbar anzusehen, ebenso wie Felix und Lukas und auch Oliver. Sie alle verabschieden sich kurz und in Jungsmanier und ich hab sie so unendlich lieb dafür, dass sie so sind, wie sie sind. Enno und Nicki gehen auch und Lina und es ist kurz und beinah schmerzlos und gut.

Und dann will Laura los, Laura, mit der ich hingefahren bin, aber die den ganzen Abend kaum zu mir rüber gesehen hat, die mit Gustav auf der Decke saß, und sie und Sophie geben mir ein Päckchen und einen Brief und sagen, ich soll es in Ruhe aufmachen, egal wann und ich überlege so sehr, es jetzt aufzumachen, denn Himmel, wann werde ich das nächste Mal wieder so ruhig sein, wie ich es jetzt gerade, um kurz vor drei, bin?
Ich weiß es nicht.
Und ich nehme Laura in den Arm und wir schweigen und sagen Dinge und schweigen wieder und lassen uns los und halten uns wieder fest. Sehen uns an und es leuchtet so in unseren Augen, es schimmert, glitzert, scheint. 
Ich hab nie gewusst, wann der richtige Zeitpunkt ist, um zu gehen, um loszulassen und deswegen nehme ich sie dann noch mal in den Arm. Und noch mal.

Und Hannah muss auch und Mr. M bringt sie und ich weine schon wieder und Hannah sagt, ich soll nicht weinen und dabei hat auch sie Tränen in den Augen. Sie drückt mir was in die Hand. Mach es im Flugzeug auf, sagt sie. Und ich drücke sie noch mal. Und... Scheiße.

Magda und Marie. Anfangs geht es noch. Und dann... Magdas Augen. Dieses Schimmern in der Dunkelheit. Lass uns Rückwärtsrollen machen, und wir laufen hoch und kugeln runter und sie zieht mich hoch und ich zieh sie weiter und wir lachen zwischen all den Tränen.

Und Sophie muss auch los und langsam ist es 11 und eigentlich sollte ich dann zu Hause sein, aber Mama und Papa werden eh nicht sauer sein. Sie wären nur sauer, wenn sie wüssten, dass ich jetzt noch schreibe, jetzt noch wach bin. Aber wann werde ich jemals wieder eine Nacht wie diese erleben? Diese Nacht ist einmalig.
Magisch und lieblich.
Und ich kann sie nicht loslassen. Und Mr. M bringt auch sie. Der Gute.

Viele sind nicht mehr übrig.
Florian noch und Gustav und Fiona mit Ludwig.
Und die zieht mich jetzt auch zur Seite und mein Gott, ich kann sie nicht mal ansehen und heule schon. Und dann sagt sie "Ich kenne niemanden so wie dich, Rebecca" und scheiße, Alexander, nicht in dieser Situation und schon wieder werde ich ein Wasserfall. Aber es ist okay. Und Ludwigs Stimme ist dann brüchig, als er sich verabschiedet. Fiona hat, so hoffe ich, heute Nacht in seinen Armen gelegen. 

Und dann nur noch Gustav, Florian und ich.
Und "Demons" von Imagine Dragons und das ist ein Song dieses Sommers und ich stehe zwischen Gustav und Florian und weine, heule richtig.

Um der vergangenen Jahre Willen, um diesen Sommer, um all diese Menschen, die da jetzt weg sind und die ich nicht sehe und dabei bin ich eigentlich ja weg.
Florian macht die ganze Zeit betroffene Geräusche und Gustav drückt mich an sich und von hinten streicht mir Fiona noch mal über den Arm. 
Und dann die beiden weg und wir drei gehen zum Wasser.
Green Day, 21 Guns.
Lassen die Beine baumeln.
Und ich weine schon wieder und dann, die Bridge und ich zwischen ihnen und ihre Arme um mich und es ist so grausam und doch so schön.
Wir legen uns hin, genauso wie ich es vor knapp sechs Wochen mit Chris auf der anderen Seite der Wiesen gemacht habe und über uns sind die Sterne. 
Gustav sieht sofort eine Sternschnuppe. 
Wünsch dir was, sage ich.
Wir liegen so da, meine Hand zwischen seinen auf seiner Brust und Florians Kopf auf meinem Bauch und immer wenn ich lachen muss, dann beschwert er sich nicht. Und irgendwann kommt Mr. M.
Und wir räumen ein bisschen auf, legen die Flaschen auf einen Haufen, die Flaschensammler freuen sich.
Es ist Mitternacht und Florian und Gustav joggen neben Mr. M und mir her und wir fahren langsam, denn Mr. M hat seit heute einen Führerschein zu verlieren und es hat niemals einen vollkommeneren Moment gegeben, als diesen, wir vier, Musik, langsam über die Brücke auf das Schloss zu.
Vollkommenheit.
Wir warten, bis Gustavs Vater kommt und Gustav steigt ein und wenden und weg. Florian joggt neben Mr. M und mir her, aber dieser Moment ist schon nicht mehr seiner und dann biegt er ab.
Mr. M fängt leise an zu summen. "If you ever leave me, Baby..." Er weiß, dass es nicht fair ist. 
Wir biegen in meine Straße, stehen vor meiner Haustür und er, der er selbst vor zwei Jahren in Australien war, findet Worte, die dann doch ganz richtig sind. "Vielleicht fahr ich ja wirklich im Winter nach Kanada zum Snowboarden", sagt er und ich sage, dass ich keine unangenehmen Überraschungen mag und er macht einen Witz. 
Ich überlege die ganze Zeit, wie ich ihm sagen soll, dass ich all das, mein ganzes Leben, alles, was ich bin, alles, was andere an mir vermissen werden, ihm zu verdanken habe, ohne dass es scheiße klingt.
Mir fallen keine guten Worte dafür ein und ich lass es.
Eine letzte Umarmung.
Er fährt, schlenkernd und ich sehe ihm nach.
Schließe die Haustür hinter mir zu.

Mein Vater ist noch wach und alles, was ich sagen kann, ist, wie schön es war.
Denn das war es wirklich.

Und Alexander, ich weiß jetzt auch, warum.
Weil wir größer sind, als das alles hier.
Wir sind größer als diese 10 Monate,
größer als unsere kleinen Leben
in unserer kleinen Welt.
Dieser Abschied war eine ultimative Versicherung unserer Großartigkeit.
Zeit und Raum können uns nichts,
jedenfalls nicht, wenn wir nicht wollen.

Naja, haha.
Mir ist schlecht und mein Kopf sticht vor Müdigkeit und ich werde jetzt nicht zum vierten Mal aufstehen, um wieder die Coldplay-CD durchlaufen zu lassen.
Pünktlich zum Abflug sind die Batterien meiner Fernbedienung leer.
Also doch Raum und Zeit.

Aber was soll's, Alexander.
Gib mir ein bisschen Unendlichkeit und ich mach Liebe daraus.
Für dich, für euch, für alle.

Die nächsten Gedanken kommen aus einer anderen Welt.

In diesem Sinne,

immer deine
Rebecca.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Rebecca. Vergiss nie zu summen, vergiss nie wer du bist. Denn genau so hab ich dich kennen und lieben gelernt.
Ich würdet dir so gerne etwas tiefsinniges auf deinen Text antworten, dir irgendwie virtuell meine Hand reichen und dich ganz fest mit wertvollen Worten umarmen.
Ich hoffe so sehr, dass du dieses Jahr genießt und das Beste und Größte daraus machst.
Ich hoffe, dass du dich weiter entwickeln wirst, mehr leuchten wirst und glücklich bist.
Ich hab dich unfassbar gerne.
Vergiss nie wer du bist.
Dein Hummelbienchen