Freitag, 11. September 2015

Alexander.

In einer Minute ist der 11. September in Kanada.
Und ich höre Coldplay vom Paradies singen.
Guten Morgen.

Weißt du, ich sitze hier.
Und habe immer nur dieselben Worte um zu sagen,
dass das Leben sagenhaft ist.
Und dabei ist diese Welt voller fantastischer Sprachen
mit Worten, die vielleicht so viel schöner klingen,
die das Leben noch viel schöner klingen lassen,
als die deutsche Sprache es je können wird.
Versteh mich nicht falsch, Alexander,
Deutsch war und wird immer meine beste Freundin sein,
mein Zuhause.

Aber hindert mich das daran, Menschen auf Spanisch zu fragen, wie es ihnen geht?
Sie auf Japanisch zu begrüßen,
auf Persich zu beleidigen,
ihnen auf Englisch mitzuteilen,
dass ich verliebt bin,
darin, wie die Sonne hier morgens über den Häusern aufgeht,
wenn ich mit Anna, meiner koreanischen Gastschwester zur Schule laufe,
darin, wie sich die kanadische Luft in meinen Lungen anfühlt,
wenn ich beim Atmen die Augen zu hab,
darin, wie mich dieses Leben mit Liebe füllt,
bis ich nicht anders kann,
als sie zu verteilen,
an alle Menschen dieser Welt,
weil ich sonst zerspringen würde.
Denn das, was da in mir ist,
ist groß.
Ein größeres Gefühl als meine Liebe zum Leben wird es wohl nie geben,
in meinem Herzen.

Alexander.
Du weißt im Prinzip schon, was ich sagen will.
Eine weitere Hymne auf das Leben, stimmt's?
Ich glaube, ich werde nie damit aufhören können,
zu sagen, wie wunderschön die Welt in meinen Augen ist.
Denn ich glaube ebenso, dass ich nie die richtigen Worte dafür finden können werde,
Alexander,
wie könnte ich auch?
Keine Sprache der Welt kann zum Ausdruck bringen,
wie kostbar all das ist,
was wir sind,
was wir haben.
Und ich platze hier förmlich,
in meinem kleinen Zimmer im Keller,
denn es geht nicht,
es ist unbeschreiblich,
Himmel, es ist so unbeschreiblich
und ich wünschte, alle könnten sehen, was ich sehe.

Denn dieses Leben, Alexander,
ist alles was wir haben.
Die Zeit, die Liebe, das Geld, die Erfahrung -
mehr als das kriegen wir nicht.
Werden wir nie kriegen.
Und, ganz ehrlich, mehr als das, was wir haben, brauchen wir auch nicht.
Das Leben an sich ist das Kostbarste,
was wir haben
und wir haben es tatsächlich,
wir haben es in der Hand.
Und das sogar für umsonst,
auch wenn es manchmal umsonst ist,
weil...
Weißt du, wenn ich das jetzt so lese, bin ich selbst erschrocken.
Denn das klingt wie diese fanatischen Gottesgläubiger,
wie diese leicht abgedrehten Öko-Gutmenschen,
die in ihrem Nirwana die Erleuchtung gefunden haben.
Dabei meine ich das eigentlich nicht so.
Aber das macht keinen Unterschied,
denn es klingt trotzdem genauso
und wer weiß, vielleicht meinen die es auch nicht so,
wie es klingt.

Zu verwirrend?
Verzeihung.
"Fix you".

Weißt du, Alexander, mein Bewusstsein für mein eigenes Glück macht mich umso glücklicher.
Und vielleicht ist es das, was sie im Buddhismus zu vermitteln versuchen,
aber ich hab es nie verstanden, weil ich es nie gefühlt habe.
Und jetzt sitze ich hier,
in Kanada,
völlig unbuddhistisch und dafür umso mehr allein,
aber trotzdem glücklich
und ich fühle es.

Ich bin es, wenn man so will.

Eine Kanadierin aus meinem Psychology-Kurs hat mir heute geschrieben,
dass sie sich dieses Jahr ändern will.
Ich glaube nicht mehr an dieses Konzept mit dem "sich ändern", Alexander.
Veränderungen kann man nur bedingt erzwingen.
Ich glaube viel mehr daran, sich vieles von selbst ändert,
wenn man von bestimmten Dingen wirklich überzeugt ist.
Wenn ich sage, dass ich "glaube", dann in der Regel nicht nur,
weil das so eine Redewendung im Deutschen ist, nein.
Sondern weil ich es tatsächlich GLAUBE.
Der festen Überzeugung bin.

Ich... Um ehrlich zu sein, habe ich im Laufe dieser Briefe immer wieder meine Meinung geändert,
was bestimmte Dinge betrifft.
Zum Beispiel inwiefern wir durch Tricks unsere Psyche, unser Verhalten bewusst manipulieren können.
Und Alexander, ich bin hier an einem Punkt angelangt,
an dem ich ehrlich gestehen muss,
dass ich mich nicht entscheiden kann, weil die "richtige" Taktik um glücklich zu sein,
immer, und ich wiederhole, IMMER situationsabhängig ist.
Manchmal fühlt es sich für mich so an,
als hätten wir eine Wahl, glücklich zu sein.
Dass es eine Entscheidungsfrage ist, glücklich zu sein, zumindest wenn man wirklich will.
Und vielleicht ist es das auch - wenn man daran glaubt.
Aber wie viele von uns glauben nicht daran, dass sie selbst entscheiden können,
wann sie glücklich sein wollen, ganz einfach weil es sich für sie nicht so anfühlt?
Manchmal denke ich, dass unsere Freiheit nur durch unserer eigenen Limits definiert wird.
Dass wir so frei sein können, wie wir wollen, wenn wir nur wollen.
Andererseits, was ist schon Freiheit?

Alexander.
Darum liebe ich die Psychologie, die Philosophie und das Universum.
Viel zu groß, viel zu komplex, vielfältig, viel zu unergründlich,
um jemals eine eindeutige, eine "richtige" Antwort finden zu können.
Es ist wundervoll.
Und damit wäre ich wieder bei meiner Theorie,
dass das Leben durch die all die kleinen und großen Unsicherheiten,
auf die wir jeden Tag stoßen,
lebenswert gemacht wird.
(Im Übrigen hat sich auch in diesem Punkt meine Meinung im Laufe der Jahre geändert, noch vor Kurzem war ich der Ansicht, dass Sicherheit eines der wichtigsten Dinge im Leben ist.)

Ich liebe es, Alexander, ich liebe es alles.
Und ich glaube, es ist die Mischung aus allem
und keine Sprache der Welt wird einem Menschen jemals eine Vorstellung davon geben können,
was es bedeutet,
wirklich alles zu lieben,
wenn er es noch nicht selbst gefühlt hat.

Es ist lustig zu realisieren, dass wir Menschen in einer Welt gefangen sind,
die wir selbst geschaffen haben,
ab einem gewissen Grad unfähig,
das Große Ganze zu begreifen,
wie ich es so gern nenne.

Ich sollte schlafen, weißt du, und das werde ich auch gleich tun,
aber ich wollte das noch loswerden,
Alexander,
denn es war die beste Entscheidung meines Lebens,
ein Austauschjahr zu machen.


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