Dienstag, 10. März 2015

Alexander.

Wieder mal sind meine Gedanken wie weggeblasen,
sobald mir das blanke Weiß des Bildschirms entgegenstrahlt.
Oder vielleicht ist es auch nur die Müdigkeit,
die jetzt doch kommt,
konstant zu wenig Schlaf ist und bleibt mein kleines Dilemma.

Alexander, wie können wir Kriege moralisch verantworten?
Ich weiß, dass diese Frage sehr allgemein formuliert ist,
aber sie stellt sich mir doch, aus gegebenem Anlass.
Irgendjemand muss doch all diesen Soldaten,
die immer noch Menschen mit Gewehren sind,
sagen, los, geht da raus und schießt.
Wer kann, wer bitte will das verantworten?

Wir.
Die Jugend, die Gesellschaft von heute.
Es ist niemand mehr wach zum Reden, also schreibe ich dir.
Eigentlich will ich hier nicht lamentieren,
es interessiert niemanden
und ich hab all das schon tausend Mal durchgekaut.
Aber was nützt uns uns eine Glorifizierung derer,
die es aus eigener Kraft geschafft haben,
das zu sein, was man in unseren Kreisen einen "guten" Menschen nennt,
wenn dabei all diejenigen hinten runterfallen,
denen es aus welchen Gründen auch immer,
solch "gute" Menschen zu werden?

Ich hab in letzter Zeit viele Filme über gute Menschen gesehen.
Personen, die der Allgemeinheit oder auch ganz persönlich etwas Gutes getan haben.
Jetzt aber sitze ich hier und frage mich,
wie viele Menschen nach diesen Filmen nach Hause gegangen sind
und sich gesagt haben, ja, diese Biografie hat mich gepackt,
ich bin inspiriert,
ich mache etwas Eigenes.
Ich werde ein Guter Mensch.
Alexander, was glaubst du, wie viele Menschen das machen?

Weißt du, ich glaube, ein Problem heutzutage ist,
dass wir die schönen Dinge nicht mehr als solche erkennen.
Wir sind verblendet, von Wirtschaft, Politik, Geld, Macht, Einfluss, Popularität, weiß Gott was.
Und es kommt sogar noch schlimmer.
Wenn ich das richtig erkannt habe,
dann haben wir nicht vergessen, wie man schöne Dinge sieht,
wir können uns auch nicht mehr daran erinnern, wie man sie beim Namen nennt,
einfach mal ausspricht.

Und dann wird das Selbstverständliche zur Besonderheit
und wo landen wir dann?

Alexander,
mein Kopf ist so schwer,
die Müdigkeit,
die Gedanken.

Ich glaube, jeder von uns braucht jemanden,
der ihn beschützt.
Jeder von uns braucht sein Wunder.

Ich weiß nicht, ob sie alle merken,
dass ich versuche, die schönen Dinge beim Namen zu nennen.
Meine Gedanken wandeln sich wieder einmal
und die unendliche Banalität
die täglich über mich hereinbricht,
ist in der Tat nicht einfach zu romantisieren.
Aber wie sonst wollen wir in einer Welt leben,
die so von Angst, Hass und Unsicherheit bestimmt wird?
Ohne die richtige Portion Optimismus hätten wir nur noch wenige Gründe zum Lachen.
Oder?
Ich weiß es nicht, Alexander,
ich weiß es nicht.

Unsicherheit ist vielleicht sogar das große Zauberwort.
Hast du jemals versucht, jemandem irgendwas zu versichern,
der absolut vom Gegenteil überzeugt war?
Es fühlt sich unmöglich an.
Aber was, wenn man einfach selbst die Sicherheit wird?
Wir kriegen keine andere allgemeingültige Absolution als den Tod,
das hab ich schon vor längerer Zeit hier festgestellt.
Und diese Tatsache ist nunmal wenig aussichtsreich.
Aber, nur mal angenommen wir hätten wirklich die Möglichkeit,
selbst zu bestimmen, was und wie wir sein wollen (und theoretisch haben wir die ja),
warum werden dann nicht einfach wir zur Absolution?
Warum fangen nicht einfach wir an,
Hoffnung und Zuversicht, Gewissheit,
Sicherheit
zu verbreiten?

Okay, das klingt sicher leichter, als es ist.
Aber Alexander, mein Gott,
ich hatte meine Absolution,
als ich einem gewissen Mr. M die größten Worte geglaubt habe.
Er hat mir seine Absolution gegeben,
in jeder Hinsicht
und jetzt kann ich das, was ich bekommen hab,
weitergeben, an jeden,
der's nötig hat.
Oder auch nicht.
In der Hoffnung, es möge genug sein
und dass eines Tages andere meine Absolution an wieder andere weitergeben können.
Und seien es "nur" die eigenen Kinder.
Ich glaube, im Grunde sehnen wir uns alle nach einer Absolution.
Oder?

Wenn ich so durch tumblr scrolle,
frage ich mich,
ob man festlegen kann,
wann ein Mensch geküsst werden
kann
soll
darf
muss.
Ich frage mich, ob jemals jemand mich angesehen
und sich gedacht hat,
dass das der richtige Moment wäre,
um mich zu küssen.
Ich frage mich viel.

Schlafen wird heut Nacht meine Absolution sein,
die einzig Richtige
und alles Weitere muss warten,
aber nun ja.
Heute vor vier Jahren ist das Fukushima-Unglück passiert.
Und ich schlafe tatsächlich zu wenig.

Gute Nacht.

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