Samstag, 24. Oktober 2015

"You are a Memory" - Message To Bears.

Von Zeit zu Zeit öffne ich mein Fenster.
Die kalte Herbstluft streichelt meinen Rücken,
fährt durch meinen haltlos verwirrten Kopf,
friert die Gedanken ein,
für ein, zwei Sekunden, 
bevor ich sie wieder freigebe.

Die Absurdität dieses Leben war mir selten bewusster
als heute.


Guten Tag, Alexander.

Wenn jemand stirbt, werde ich langsamer.

Jedes Mal.
Ich mache kleinere Schritte, blinzele zwei Mal mehr ins Sonnenlicht.
Bleibe mitten auf dem Gehweg stehen, nur um mich dann in Zeitlupe umzudrehen,
nach einer Ewigkeit.

Mein Handy vibriert, mein Vater fragt, ob wir skypen können, schon wieder.
Ich weiß nicht, worüber ich noch reden soll,
ertrage das Schweigen nicht,
ertrage es nicht, in seine Augen zu sehen,
ohne ihn umarmen zu können.
Mein kleiner Cousin bringt mich zum Lachen,
als er versucht, mich über Skype zu kitzeln.
Sie sind da.
Ich bin hier.

Meine größte Angst.
Dass jemand stirbt, während ich hier bin,
meine Oma vielleicht.
Wir hatten vorher drüber geredet, meine Eltern und ich
und mein Vater hat immer gesagt,
Rebecca, wir bezahlen dir den Flug,
damit du zur Beerdigung kommen kannst.

Und jetzt fliege ich am Dienstag nach Deutschland.

Ich habe so viel darüber geweint, in den letzten Tagen,
habe so viel darüber geredet,
habe gelacht.
Ich habe alles gesagt und noch mehr.

Und so merkwürdig es klingt,
aber Alexander,
wieder einmal habe ich Glück im Unglück gehabt.

Wir schreiben Samstag, den 24. Oktober 2014, 3:08 pm kanadischer Zeit.
Rebecca sitzt auf ihrem Bett,
den Laptop auf den Knien,
"You Are A Memory" auf repeat.
Und ob du es glaubst oder nicht,
ich bin okay.

Langsam wird es kalt, ich sollte das Fenster zu machen.
Ich schweife ab, Alexander,
dieser Brief ist nicht gut
und das weiß ich auch.
Aber ich werde mich nicht entschuldigen,
denn heute bin ich ein Nichts im Nirgendwo,
ich darf sein,
was ich will,
und wie und wo und wer,
zu jeder Zeit.

Es mag dir befremdlich vorkommen,
dass ich jetzt gerade daran denke,
dass ich heute in drei Monaten 17 werde,
aber Alexander, was soll ich machen?
Ich habe genug geweint, diese Woche,
sollte es so etwas wie "genug" um jemanden weinen überhaupt geben.

Seit ich hier bin, hab ich selten Zeit verschwendet.
Wenn ich so darüber nachdenke, eigentlich nie.
Dieses Wochenende ist die Ausnahme.
Alles ist Ausnahme.
Ich glaub, ich schlaf jetzt einfach einfach ne Stunde.
Ich glaub, dann wird es besser.
Ja, ich glaub, das mach ich.
Gute Nacht, Alexander,
hier in Kanada ist es gerade halb 4.
Nachmittags.

Wie auch immer.
Schlaf gut.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

<3 <3 <3 (du kannst dir bestimmt denken, wer diesen unglaublich tiefgründigen Kommentar verfasst hat)

María Domenica Jos Al hat gesagt…

Es ist nie leicht, wenn man weit weg und so etwas passiert. Ich habe mich damals dagegen entschieden zurück zufliegen, bisher blühte es mir noch nicht, dass mich die Realität einholt, mal sehen, was bis zu meiner Rückkehr noch geschieht.
Aber du hast Recht, irgendwann hat man genügend geweint, und ich glaube fest daran, dass die von einem gegangene Person nicht gewollt hätte, dass man die ganze Zeit so ist....so hart es klingt, das Leben geht weiter, aber das schöne ist, dass sie einen trotzdem immer begleiten wird und immer im eigenen Herzen bei einem ist.
Ich wünsche dir eine gute Rückkehr und dass es sich lohnt, wahrscheinlich ist es die bessere Entscheidung zurück zu gehen und Abschied zu nehmen, keine Ahnung.
un abrazo
maría